{"id":816,"date":"2015-11-19T17:04:28","date_gmt":"2015-11-19T16:04:28","guid":{"rendered":"http:\/\/www.zanetti.ch\/?p=816"},"modified":"2015-11-21T16:32:05","modified_gmt":"2015-11-21T15:32:05","slug":"meine-grussbotschaft-an-die-ahmadiyya-muslim-jamaat","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.zanetti.ch\/?p=816","title":{"rendered":"Meine Grussbotschaft an die Ahmadiyya Muslim Jamaat"},"content":{"rendered":"<p>Nuur-Moschee, Wigoltingen TG, 19. November 2015<\/p>\n<p>Herr Pr\u00e4sident,<br \/>\nHerr Imam,<br \/>\ngesch\u00e4tzte Damen und Herren<\/p>\n<p>Ich will Ihnen gestehen, dass es mir nach den f\u00fcrchterlichen Anschl\u00e4gen von Paris, deren Urheber sich \u2013 zurecht oder nicht \u2013 auf den Islam berufen, nicht ganz leicht gefallen ist, den Weg zu Ihnen nach Wigoltingen unter die F\u00fcsse zu nehmen.<!--more--><\/p>\n<p>Nun betrachte ich aber den Imam der Mahmud Moschee in Z\u00fcrich, Herrn Sadaqat Ahmed als Freund, und da ich ihm bereits vor Wochen zugesagt habe, bin ich auch gekommen.<\/p>\n<p>Es ist nicht das erste Mal, dass ich bei Ihnen sein darf: 2013 feierten wir gemeinsam das 50j\u00e4hrige Bestehen der bereits erw\u00e4hnten Mahmud Moschee beim Balgrist in Z\u00fcrich. Ich habe diese Feier in bester Erinnerung. Meine Frau und ich wurden von Ihnen sehr freundlich empfangen, und wir f\u00fchlten uns wohl bei Ihnen.<\/p>\n<p>Manche von Ihnen erinnern sich vielleicht an meine kurze Grussbotschaft. Ich zitierte Karl Hediger, den Sohn des Schneidermeister Hediger, der sich in Gottfried Kellers \u201eF\u00e4hnlein der sieben Aufrechten\u201c an die in Aarau versammelte Sch\u00fctzengesellschaft wandte. Pr\u00e4gendes Thema seines Referat war \u201eEinheit in der Vielfalt\u201c, oder umgekehrt \u201eVielfalt in der Einheit\u201c.<\/p>\n<p>Dieser Gedanke, oder vielmehr: dieses Konzept, liegt auch dem Motto unserer Schweizerischen Eidgenossenschaft zugrunde: \u201eEiner f\u00fcr alle. Alle f\u00fcr einen.\u201c \u2013 Dieser Wahlspruch ziert auch die Bundeshauskuppel in Bern, allerdings auf lateinisch: Unus pro omnibus. Omnes pro uno.<\/p>\n<p>Im Gegensatz zu unserem n\u00f6rdlichen Nachbarland haben und brauchen wir in der Schweiz kein Staatsoberhaupt, das uns sagt, was zu uns geh\u00f6rt. Die Schweiz ist eine besondere Idee des Zusammenlebens. Wir wollen die Vielfalt. Ja, wir suchen sie und k\u00e4mpfen daf\u00fcr. Aber wir wollen auch die Einheit. Wir wollen diesen Staat, der unsere Freiheit sch\u00fctzt. Und jeder von uns ist gefordert, dazu seinen Beitrag zu leisten.<\/p>\n<p>Es ist unbestreitbar, dass weitaus die meisten Muslime hier in der Schweiz nichts anderes wollen, als in Frieden leben und gute Staatb\u00fcrger sein. Zu Recht erwarten diese Menschen, dass Sie vom Staat bei der Aus\u00fcbung Ihrer Religion in Ruhe gelassen werden.<\/p>\n<p>Es ist verst\u00e4ndlich, dass diese Menschen, zu denen ich Ihre Gemeinschaft z\u00e4hle, nicht mit Terroristen, die vor keiner Gewalttat zur\u00fcckschrecken und den Tod unz\u00e4hliger Unschuldiger nicht nur in Kauf nehmen, sondern bewusst suchen, in den gleichen Topf geworfen werden wollen.<\/p>\n<p>Damit dies nicht geschieht, sehr verehrte Damen und Herren, sind aber auch \u2013 ja: vor allem \u2013 Sie gefordert. Sie m\u00fcssen unmissverst\u00e4ndlich klar machen, dass Sie anders sind, dass Sie wirklich \u201eLiebe und Frieden f\u00fcr alle und Hass f\u00fcr keinen\u201c wollen. Diese Arbeit l\u00e4sst sich nicht mit Communiqu\u00e9s und einigen Worten der Distanzierungen nach einem Anschlag erledigen. Es braucht mehr. Viel mehr. Und zwar dauerhaft.<\/p>\n<p>Mit dem Vorwurf konfrontiert, im Umfeld der An\u2019Nur-Moschee in Winterthur gebe es ein Netzwerk einer IS-Zelle, wusste der Pr\u00e4sident des betreffenden islamischen Vereins in Winterthur nichts Besseres zu sagen, als, man sei lediglich f\u00fcr die 700 Quadratmeter der Moschee zust\u00e4ndig und k\u00f6nne nicht kontrollieren, was ausserhalb passiere.<\/p>\n<p>Der Mann macht es sich so einfach, dass an seiner Aufrichtigkeit zu zweifeln ist. Selbstverst\u00e4ndlich kann niemand in die Seele eines anderen Menschen schauen. Und selbstverst\u00e4ndlich ist Eigenverantwortung eine der tragenden S\u00e4ulen unserer Gesellschaft. Aber steht in der Religion nicht die Seele der Menschen im Zentrum? Will der Iman, wenn er am Freitag predigt, nicht die Seelen seiner Zuh\u00f6rer ber\u00fchren? Und ist es nicht unsere Seele, die dar\u00fcber bestimmt, ob wir gute oder b\u00f6se Menschen sind?<\/p>\n<p>Gefragt sind nun nicht in erster Linie PR-Massnahmen nach aussen. Ich begr\u00fcsse zwar Ihre diesbez\u00fcglichen Anstrengungen, das Schaffen von Transparenz, den Dialog mit anderen Religionen oder die \u00d6ffnung Ihrer Moscheen ausdr\u00fccklich, doch das reicht nicht. Es braucht auch Aufkl\u00e4rung nach innen. Die Menschen, die aus fremden Kulturkreisen, vielleicht gar aus Diktaturen oder totalit\u00e4r regierten Staaten hierherkommen, m\u00fcssen mit den Vorz\u00fcgen einer offenen und demokratischen Gesellschaft vertraut gemacht werden. Denn \u2013 und das sage ich mit Nachdruck! \u2013 unsere freiheitliche Rechtsordnung, die auf den Prinzipien der Aufkl\u00e4rung aufbaut, steht nicht zur Disposition. Sie gilt es mit allen Mitteln zu verteidigen, und Sie alle sind dazu aufgerufen, die Toleranz vor der Intoleranz zu sch\u00fctzen.<\/p>\n<p>Und mit diesem Stichwort komme ich zum Schluss: Toleranz. Wer sich mit Religionen und Toleranz auseinandersetzt, wird bald einmal auf die Ringparabel in Lessings \u201eNathan der Weise\u201c stossen. Zu Recht gilt diese als ein Schl\u00fcsseltext der Aufkl\u00e4rung und als pointierte Formulierung der Toleranzidee:<\/p>\n<p>Ein Mann besitzt ein wertvolles Familienerbst\u00fcck, einen Ring, der die Eigenschaft hat, seinen Tr\u00e4ger \u201evor Gott und den Menschen angenehm\u201c zu machen, wenn der Besitzer ihn \u201ein dieser Zuversicht\u201c tr\u00e4gt. Dieser Ring wurde \u00fcber viele Generationen vom Vater an jenen Sohn vererbt, den er am meisten liebte. Doch eines Tages tritt der Fall ein, dass ein Vater drei S\u00f6hne hat und keinen von ihnen bevorzugen will. Deshalb l\u00e4sst er sich von einem K\u00fcnstler exakte Duplikate des Ringes herstellen, vererbt jedem seiner S\u00f6hne einen der Ringe und versichert jedem, sein Ring sei der echte.<\/p>\n<p>Nach dem Tode des Vaters ziehen die S\u00f6hne vor Gericht, um kl\u00e4ren zu lassen, welcher von den drei Ringen der echte sei. Der Richter aber ist ausserstande, dies zu ermitteln. Der Richter gibt den S\u00f6hnen den Rat, jeder von ihnen solle daran glauben, dass sein Ring der echte sei. Ihr Vater habe alle drei gleich gern gehabt und es deshalb nicht ertragen k\u00f6nnen, einen von ihnen zu beg\u00fcnstigen und die beiden anderen zu kr\u00e4nken, so wie es die Tradition eigentlich erfordert h\u00e4tte. Wenn einer der Ringe der echte sei, dann werde sich dies in der Zukunft an der ihm nachgesagten Wirkung zeigen. Jeder Ringtr\u00e4ger solle sich also bem\u00fchen, diese Wirkung f\u00fcr sich herbeizuf\u00fchren.<\/p>\n<p>Etwas salopp k\u00f6nnte man sagen, jede Religion m\u00fcsse durch fleissiges Polieren daf\u00fcr sorgen, dass ihr Ring am sch\u00f6nsten gl\u00e4nzt.<\/p>\n<p>Gesch\u00e4tzte Damen und Herren, seit \u00fcber 50 Jahren in Z\u00fcrich und seit nun zehn Jahren hier in Wigoltingen, ist Ihre Bewegung daran, dem Ring, von dem Nathan spricht, seine Bedeutung wiederzugeben. Ich w\u00fcnsche Ihnen dabei viel Erfolg und fordere Sie auf, in Ihren Anstrengungen nicht nachzulassen. Bleiben Sie ein Hort des Friedens!<\/p>\n\n<div class=\"twitter-share\"><a href=\"https:\/\/twitter.com\/intent\/tweet?via=zac1967\" class=\"twitter-share-button\" data-size=\"large\">Twittern<\/a><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nuur-Moschee, Wigoltingen TG, 19. 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