{"id":1562,"date":"2018-03-16T14:54:35","date_gmt":"2018-03-16T13:54:35","guid":{"rendered":"http:\/\/www.zanetti.ch\/?p=1562"},"modified":"2018-03-16T15:06:14","modified_gmt":"2018-03-16T14:06:14","slug":"damals-in-der-armee-erlebnisse-aus-rund-1400-tagen-militaer","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.zanetti.ch\/?p=1562","title":{"rendered":"Damals in der Armee &#8211; Erlebnisse aus rund 1400 Tagen Milit\u00e4r"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"https:\/\/i0.wp.com\/www.zanetti.ch\/wp-content\/uploads\/2018\/03\/Hans-fehr.jpg\"><img data-recalc-dims=\"1\" loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\" wp-image-1563 alignleft\" src=\"https:\/\/i0.wp.com\/www.zanetti.ch\/wp-content\/uploads\/2018\/03\/Hans-fehr-255x300.jpg?resize=171%2C201\" alt=\"\" width=\"171\" height=\"201\" srcset=\"https:\/\/i0.wp.com\/www.zanetti.ch\/wp-content\/uploads\/2018\/03\/Hans-fehr.jpg?resize=255%2C300&amp;ssl=1 255w, https:\/\/i0.wp.com\/www.zanetti.ch\/wp-content\/uploads\/2018\/03\/Hans-fehr.jpg?w=643&amp;ssl=1 643w\" sizes=\"auto, (max-width: 171px) 100vw, 171px\" \/><\/a><strong>Ein Gastbeitrag von alt Nationalrat und Oberstleutnant Hans Fehr, Eglisau ZH<\/strong><!--more--><\/p>\n<p>Montag, 21. Juli 1969. Mit vielen Kollegen r\u00fcckte ich an diesem heissen Sommertag (an dem Neil Armstrong auf dem Mond landet) in die Motorisierte Infanterie (Mot Inf) RS\u00a0 in Bi\u00e8re ein. Die Stimmung im Bi\u00e8re-Apples-Morges-B\u00e4hnli (BAM) ist eher lustlos. Obwohl uns ein \u00e4lterer Kollege wegen der Holzb\u00e4nke schalkhaft vorgewarnt hat \u2013 \u201eS\u2019BAM-B\u00e4hnli h\u00e4t jetzt au Spis-W\u00e4ge; chum isch me abghocke, h\u00e4t me scho en Spise im F\u00fcdli ine\u201c \u2013 ist das kein Problem. Den meisten \u201estinkt\u201c es. Viele h\u00e4tten Ferien gehabt. W\u00e4re jemand gekommen und h\u00e4tte uns gesagt: \u201eAb sofort ist der Milit\u00e4rdienst freiwillig\u201c, so w\u00e4ren mit Sicherheit 90 Prozent wieder nach Hause zur\u00fcckgekehrt, ich ebenfalls. Weil dieser \u201eJemand\u201c aber nicht gekommen ist, habe ich nachtr\u00e4glich noch rund 1400 Diensttage geleistet \u2013 und ich denke, nicht zu meinem Schaden und nicht zum Schaden der Schweiz. (Die absurde Idee einer \u201efreiwilligen Miliz\u201c wurde dann sp\u00e4ter von sogenannten Sicherheitspolitikern wie SP-Nationalr\u00e4tin Chantal Gallad\u00e9 und vielen ihrer Genossen vor einigen Jahren tats\u00e4chlich vertreten, ist aber zum Gl\u00fcck im Abfallk\u00fcbel gelandet.)<\/p>\n<p>Als uns Leutnant Konrad Schneider, unser Zugf\u00fchrer, ein sportlicher \u201eBeau\u201c, zum ersten Mal zu Gesicht bekommt, meint er kurz: \u201eI bi Lehrer in Fribourg und f\u00fcere dert en achti Klass\u201c \u2013 dann ruft er zackig: \u201eZug Schneider, mir nach!\u201c und spurtet weit in die \u201ePr\u00e4rie\u201c hinaus, bis er endlich anh\u00e4lt und wir, schweiss\u00fcberstr\u00f6mt, etwas verschnaufen k\u00f6nnen. In kurzer Zeit schwitzen wir in jenen Tagen etliche Hemden durch, denn \u201eGn\u00e4gi-Leibchen\u201c gab es damals noch nicht.<\/p>\n<p>Vor allem In den ersten Wochen nimmt uns der Zugf\u00fchrer gewaltig in die Kur. Unsere Begeisterung f\u00fcr ihn ist relativ gering. Als etwas nicht klappt, befiehlt er uns am Abend anstelle des Ausgangs im \u201eTenue blau\u201c zur Kampfbahn. Kaum haben wir damit angefangen, kommt der alte Oberst Wettstein, der vor\u00fcbergehend als Schulkommandant fungiert, auf den Platz und fragt den Leutnant vorwurfsvoll: \u201eWorum sy die L\u00fc\u00fct da usse statt im Usgang?\u201c Schneider versucht sich zu erkl\u00e4ren \u2013 aber Wettstein meint: \u201eJetzt g\u00f6it Dir s\u00e4lber \u00fcber d\u2019Kampfbahn, L\u00fctnant!\u201c Diese v\u00f6llige Blossstellung unseres Leutnants freut uns nur halb, denn trotz einer gewissen Schadenfreude ist es uns klar, dass Wettstein einen krassen F\u00fchrungsfehler begeht. Nachdem dieser gegangen ist, bietet uns der Leutnant Zigaretten an, und wir verstehen uns in der Folge recht gut.<\/p>\n<p>Einer unserer abverdienenden Unteroffiziere ist Korporal Mehr \u2013 nicht gerade der intellektuelle Typ (aber von dieser Sorte hat es ohnehin zu viele). In unserer vierten (Minenwerfer-) Kompanie hat es neben dem Z\u00fcrcher und dem Solothurner auch einen welschen Zug. Eines Abends, beim Antrittsverlesen vor dem Ausgang, ist es unruhig. Korporal Mehr als \u201eF\u00fchrer rechts\u201c (Stellvertreter des Zugf\u00fchrers) will die Unruhestifter ausfindig machen und ruft laut in seinem ausgepr\u00e4gten Solothurner Slang: \u201eW\u00e4r isch\u2019s?\u201c Niemand regiert. Korporal Mehr ruft noch lauter: \u201eW\u00e4r isch\u2019s?\u201c Keine Reaktion. Da kommt ihm in den Sinn, dass die Welschen ihn m\u00f6glicherweise nicht verstehen. Also versucht er es auf \u201eHochdeutsch\u201c und schreit energisch: \u201eWer ist?\u201c Schallendes Gel\u00e4chter erf\u00fcllt den Kasernenhof. Ohne es zu wissen hat Mehr eine geradezu existenz-philosophische Frage (nach dem Wesen des Seins) aufgeworfen.<\/p>\n<p>Gef\u00fcrchtet ist insbesondere der Kompanie-Instruktor Hauptmann im Generalstab J\u00fcrg \u00dcbersax, genannt \u201eSexy\u201c. Er macht uns Rekruten m\u00e4chtig Eindruck, und mancher macht fast in die Hosen, wenn \u00dcbersax mit dem VW-K\u00e4fer auf den Ausbildungsplatz rollt, dem Gef\u00e4hrt elegant entsteigt und bald einmal den ersten von uns wegen irgendetwas \u201ezusammenscheisst\u201c. Er versteht das milit\u00e4rische Handwerk zweifellos, er kann aber auf Rekruten und Kadern regelrecht \u201eherumtrampeln\u201c. Mit der Zeit wird er aber auch im Umgang ganz passabel.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">*<\/p>\n<p>Im Herbst 1979, bei Grossman\u00f6vern in der Ostschweiz, kann ich eine gewisse Schadenfreude dennoch nicht verkneifen. Als Verbindungsoffizier zwischen der damaligen Mechanisierten Division 11 (Mech Div 11) und \u201emeinem\u201c Motorisierten Infanterieregiment (Mot Inf Rgt) 25 werde ich Zeuge eines Zwischenfalls: Bei einem Rapport auf dem Divisions-KP (Kommandoposten) will Division\u00e4r Weidenmann von Oberst Reinhart, Kommandant eines Panzerregiments, wissen, warum die Zusammenarbeit zwischen Panzer und Infanterie im Bereich eines Thurabschnitts nicht geklappt habe. Dieser meint w\u00fctend: \u201eWenn das dieser Major (gemeint ist der ebenfalls anwesende \u00dcbersax) nicht zustande bringt, dann k\u00f6nnen wir aufh\u00f6ren!\u201c Der arme \u00dcbersax macht den Eindruck, als w\u00fcrde er am liebsten in einem Mausloch verschwinden.<\/p>\n<p>Nach Jahren sehe ich ihn zu meiner \u00dcberraschung jedoch in der \u201eTagesschau\u201c. Er ist jetzt Milit\u00e4rattach\u00e9 in Moskau, sitzt am gleichen Tisch wie Gorbatschow und macht einen standesbewussten Eindruck. Ich mag es ihm g\u00f6nnen.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">*<\/p>\n<p>Unteroffiziersschule und Abverdienen im Sommer\/Herbst 1970, wiederum in Bi\u00e8re. Einer meiner besten Kollegen ist der Solothurner Armin Flury; er ist sehr interessiert am weiblichen Geschlecht und hat eine sch\u00f6ne junge Freundin. Eines Tages, zur\u00fcck aus dem Urlaub, erz\u00e4hlt er begeistert von der Mutter der Freundin, die er erstmals gesehen habe: \u201eIhr gloubet\u2019s nid, aber di Auti (die \u201eAlte\u201c) isch no besser als die Jungi!\u201c. Und obwohl er praktisch kein Franz\u00f6sisch spricht, versucht er sein Gl\u00fcck sp\u00e4ter auch bei den Frauen in St. Imier, wo wir in der \u201eVerlegung\u201c sind. Als er am Abend im Restaurant eine junge Frau ersp\u00e4ht, die etwas verlassen an einem Tisch sitzt, w\u00e4hlt er den direkten Weg und spricht sie an: \u201cMademoiselle, vous avez des probl\u00e8mes?\u201c Ihr Blick ist derart abweisend, dass selbst Flury aufgibt und sich rasch zur\u00fcckzieht.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">*<\/p>\n<p>In St. Imier, wo wir 1970 w\u00e4hrend meines Abverdienens als Korporal in der Verlegung sind, h\u00e4tte sich mein erwarteter Vorschlag f\u00fcr die Offiziersschule beinahe in Luft aufgel\u00f6st. Der Ausgang ist eines Abends etwas lang geworden, und als ich endlich schlafen gehe \u2013 ich teile das Zimmer mit dem bereits beschriebenen Armin Flury \u2013 sind wir beide der festen Meinung, der \u201eandere\u201c habe den Wecker gestellt. Am andern Morgen, es ist schon verd\u00e4chtig hell, schrecke ich pl\u00f6tzlich aus dem Schlaf. Und oh Schreck: Statt 0530 Uhr ist es zehn vor sieben. Und um sieben Uhr ist Antrittsverlesen! Verantwortlich f\u00fcr die Bereitschaft der vielen Unimog S\u00a0 (Blachen gerollt, Material und Munition verladen) bin ich als \u201eF\u00fchrer rechts\u201c. Blitzschnell st\u00fcrzen wir uns in den Kampfanzug und rennen hinter zum Bahnhofplatz. Schon von weitem h\u00f6re ich den Kompaniekommandanten laut fluchen: \u201eWelches faule Ei ist hier verantwortlich?\u201c Ich melde mich und stottere irgendetwas. \u201eDas hat Folgen. Sie werden von mir h\u00f6ren!\u201c kanzelt mich der Kadi ab. Nach einigen Wochen gibt er mir dennoch den Vorschlag \u2013 weil es eine einmalige Schlamperei gewesen sei und er eine \u201eGesamtbeurteilung\u201c vorgenommen habe. Erleichtert und mit dem Gedanken \u201eEs gibt noch eine Gerechtigkeit\u201c melde ich mich ab.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">*<\/p>\n<p>Infanterie-Offiziersschule (Inf OS) 1971, Z\u00fcrich. Am Morgen des zweiten Tages sind wir Aspiranten beim Fr\u00fchst\u00fcck in der Kantine. Es ist die Zeit der 4- und 6-Pf\u00fcnder-Brote und der\u00a0 Vierfruchtkonfit\u00fcre. Wir sind hungrig und schneiden grosse Brotscheiben ab, bestreichen sie reichlich mit Butter und Vierfruchtkonfit\u00fcre \u2013 und \u201eschieben\u201c sie in den Mund. Da kommt der OS-Kompaniekommandant, Hauptmann i Gst (im Generalstab) Louis Geiger (der sp\u00e4tere Division\u00e4r, leider vor einigen Jahren verstorben) herein und befiehlt: \u201eDas Ganze halt! Ich sage Ihnen jetzt, wie man Konfit\u00fcrenbrote isst: Das Brot ist in mundgerechte Brocken zu zerteilen, diese sind einzeln zu bestreichen und dann in den Mund zu f\u00fchren.\u201c So haben wir neben viel Milit\u00e4rischem auf Ziviles gelernt.<\/p>\n<p>Eines Tages gibt es w\u00e4hrend einer \u00dcbung eine Unklarheit. Ein Auftrag wird nicht zur Zufriedenheit von Hauptmann i Gst Geiger, der gerade als Klassenlehrer fungiert, ausgef\u00fchrt. Er stellt den verantwortlichen Kameraden zur Rede. Dieser will sich erkl\u00e4ren und stottert: \u201eHerr Hauptme, Aspirant X, es h\u00e4t gheisse \u2026\u201c Weiter kommt er nicht. Geiger schneidet ihm das Wort ab mit der Bemerkung: \u201eEs h\u00e4t gheisse existiert in einer Infanterie-Offiziersschule nicht. Wenn Sie solche Ausdr\u00fccke brauchen wollen, dann gehen Sie zu den Train-Rekruten. Die reden so!\u201c<\/p>\n<p>Schiessverlegung im M\u00fcnstertal. Im Sp\u00e4tsommer sind wir bei zumeist sch\u00f6nem Wetter drei Wochen in der Schiessverlegung im Biwak auf der Alp Campatsch oberhalb von L\u00fc\/Lusei mit unserem Klassenlehrer Hauptmann i Gst Ostertag, dem sp\u00e4teren Division\u00e4r. Eines Tages bekommen wir zu dritt die Bewilligung, mit dem Jeep hinter nach Schuls zu fahren \u2013 zwei Aspiranten m\u00fcssen zum Arzt, ich wegen einer herausgebissenen Plombe zum Zahnarzt. Fahrer ist Aspirant Attinger. Bis vor Lavin geht alles gut, dann muss der schnelle Attinger wegen einer Baustelle abrupt bremsen, der Jeep ger\u00e4t auf der nassen Fahrbahn ins Rutschen, f\u00e4hrt auf die Strassenb\u00f6schung und kippt zu unserem Schrecken zur Seite. Ich habe ein Bein eingeklemmt und hinke, die andern haben ein paar Prellungen \u2013 weiter nichts. Aber der Jeep ist sichtbar l\u00e4diert, einiges ist verbogen. Was nun? Die Bauarbeiter helfen uns, den Jeep wieder aufzustellen. Attinger f\u00e4hrt zur nahen Garage und \u00fcberredet den Inhaber, den Jeep rasch und wenigstens einigermassen zu reparieren. Und uns best\u00fcrmt er, wir m\u00fcssten nun \u201egute Kameraden sein\u201c. Wenn die Geschichte auskomme, werde er ohne Wenn und Aber nach Hause geschickt. Wir haben Bedenken, wollen aber nat\u00fcrlich\u00a0 \u201egute Kameraden\u201c sein und erfinden gemeinsam eine einigermassen plausible Erkl\u00e4rung, warum wir erst am sp\u00e4teren Abend wieder auf der Alp eintreffen. Ostertag h\u00f6rt sich die Geschichte an, scheint aber nur halbwegs \u00fcberzeugt. Nach zwei Tagen will er die Sache nochmals h\u00f6ren \u2013 und am Schluss sagt er: \u201eMeine Herren, jetzt sagen Sie mir, wie es wirklich gewesen ist!\u201c Und so sagen wir eben die Wahrheit \u2013 und bitten um \u201eGnade\u201c f\u00fcr Attinger, denn wir f\u00fchlen uns mitschuldig. Am Ende der Verlegung, zur\u00fcck in der Kaserne, werden wir am Abend mit Helm und Bajonett zu Kompaniekommandant Geiger befohlen. Und er erteilt uns \u2013 in einem w\u00fcrdig-feierlichen Rahmen \u2013 einen Verweis. Grund der milden Strafe: Falsch verstandene Kameradschaft.<\/p>\n<p>Zur Infanterie-Offiziersschule geh\u00f6ren auch einige lehrreiche Wochen an der Schiessschule (heute AAZ) Walenstadt. Wir lernen Gruppen\u00fcbungen anzulegen, \u00dcbungen zu leiten, vertiefen uns in die Schiesslehre, es gibt viel Sport und einen 50 km-Marsch, und wir sollen auch die Schiessfertigkeit mit der pers\u00f6nlichen Waffe verbessern. Im Walenstadterberg hat es Parcours mit elektronischen Scheiben. Als ich mich anschicke, auf eine solche Scheibe zu schiessen, taucht pl\u00f6tzlich Geiger neben mir auf. Ich melde mich an, und er fragt: \u201eWie viele Sch\u00fcsse brauchen Sie, um jene Scheibe\u00a0 zu treffen?\u201c Ich sch\u00e4tzte die Distanz und komme gem\u00e4ss Schiesslehre auf zwei Schuss. \u201eAlso los!\u201c befiehlt Geiger. Erster Schuss \u2013 die Scheibe macht keinen Wank. Zweiter Schuss \u2013 wieder daneben. \u201eSchlechter Sch\u00fctze!\u201c kommentiert Geiger. Dritter Schuss \u2013 die Scheibe zeigt sich wieder unbeeindruckt. \u201eMiserabler Sch\u00fctze \u2013 Sie m\u00fcssen noch viel \u00fcben!\u201c bemerkt Geiger und begibt sich von dannen. Ich bleibe ein \u201emittelpr\u00e4chtiger\u201c Sch\u00fctze und tr\u00f6ste mich mit dem Ausspruch des seinerzeitigen Korpskommandanten Ulrico Hess, der als mittelm\u00e4ssiger Sch\u00fctze jeweils meinte: \u201eW\u00fcssed Sie, ich mues gar nid gut ch\u00f6ne sch\u00fcsse, ich mues def\u00fcr sorge, dass mini Soldate (vom Feldarmeekorps 4) gut sch\u00fcssed.\u201c<\/p>\n<p>In der Winter-RS 1972 verdiene ich den Leutnantsgrad ab, wiederum in \u201evertrauten\u201c Bi\u00e8re. (Wenn immer m\u00f6glich, habe ich damals meine Bef\u00f6rderungsdienste in der k\u00e4lteren Jahreszeit geleistet, in der \u00dcberzeugung: Gegen K\u00e4lte kann man sich sch\u00fctzen, gegen die Hitze kaum). Dieser Grundsatz beginnt aber wegen der ekelhaften Bise, die oft \u00fcber die \u201ePr\u00e4rie\u201c von Bi\u00e8re fegt, hin und wieder zu wanken. Mein ehemaliger Schulkollege Andreas Farner, der zu meiner freudigen \u00dcberraschung in der gleichen Kompanie den Leutnant abverdient, meint denn auch zurecht: \u201eDas sch\u00f6nste Tenue im Milit\u00e4r ist eben doch das Pyjama!\u201c<\/p>\n<p>Der Schulkommandant, Oberstleutnant Piot, ein v\u00e4terlich-w\u00fcrdiger Vaudois alter Schule, ehemaliger Lehrer in Bi\u00e8re, der alle und alles kennt, f\u00fchrt die RS wie ein Patron und \u201eun homme de culture\u201c, straff und zugleich mit Kompetenz, W\u00fcrde und Autorit\u00e4t. Mehrmals befiehlt er das ganze Schulkader zu einer speziellen \u201e\u00dcbung\u201c: Wir verschieben uns am Abend in irgendein Waadtl\u00e4nder Dorf abseits der Heerstrasse \u2013 und landen in einem verborgenen l\u00e4ndlichen Ch\u00e2teau oder in einem \u00e4usserlich unscheinbaren \u201eRelais gastronomique\u201c, und es gibt ein Fest sondergleichen mit guter K\u00fcche, der Dorfmusik (Les fanfares), \u00f6rtlichen Beh\u00f6rdevertretern und Kurzansprachen. Neben den milit\u00e4rischen Angelegenheiten funktioniert so auch der kulturelle Austausch bestens. Bei gr\u00f6sseren \u00dcbungen und in den Verlegungen lernen wir Deutschschweizer mehr oder weniger die ganze Westschweiz kennen: Den Marcheruz, La Br\u00e9vine, Neuch\u00e2tel, die Vue des Alpes, das Grosse Moos, das Broyetal, das Gros de Vaud, das Wallis vom Pfynwald bis Champ\u00e9ry, den Kanton Freiburg und vieles mehr. Und das Eindr\u00fccklichste: Wir marschieren oder fahren quasi vom Winter in den Fr\u00fchling mit all seinen Sch\u00f6nheiten. Ich hoffe, dass davon trotz WEA \u2013 der \u201eweiterentwickelten Armee\u201c mit bloss 100\u2018000 Mann \u2013 noch etwas \u00fcbrig bleibt.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">*<\/p>\n<p>Im Herbst 1972, meinem ersten WK als Zugf\u00fchrer, sind wir \u00dcbungstruppe f\u00fcr die Schiessschule Walenstadt. Dabei ereignet sich im Nachbarbataillon bei einer \u00dcbung mit Minenwerfern im scharfen Schuss ein schwerer Unfall. Der \u201eLader\u201c, der die Wurfgranaten bei einem \u201eSchnellfeuer\u201c von oben ins Rohr einf\u00fchren muss (der Aufschlagz\u00fcnder im Rohrboden aktiviert danach eine Treibladung, welche die Granate auf die Flugbahn schickt) tut dies im Eifer des Gefechts zu rasch: Er f\u00fchrt die n\u00e4chste Granate so schnell vor die Rohrm\u00fcndung, dass sie von der vorherigen Granate, die das Rohr erst gerade verl\u00e4sst, weggeschleudert wird und tragischerweise nach kurzer Distanz in der N\u00e4he einer Soldatengruppe explodiert. Mit allerschlimmsten Folgen: Mehrere Soldaten werden get\u00f6tet oder verletzt.<\/p>\n<p>Dieser tragische Unfall lastet f\u00fcr l\u00e4ngere Zeit wie ein furchtbares Fanal \u00fcber der Truppe. Er zeigt, dass der Umgang mit Waffen und scharfer Munition immer ein \u201eErnstfall\u201c ist und dass kleinste Unachtsamkeiten und Ausbildungsm\u00e4ngel schwerste Folgen haben k\u00f6nnen.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">*<\/p>\n<p>Winter-RS 1972, motorisierte Infanterie, Waffenplatz Bi\u00e8re. Im Verlauf dieser unvergesslichen RS, in der ich \u201eden Leutnant\u201c abverdiene, sind wir in der Schiessverlegung in einer gut eingerichteten Baracke in Champ\u00e9ry oberhalb von Monthey. Eines Tages \u00fcben wir mit den Minenwerfer-Z\u00fcgen wieder taktische Stellungswechsel. Das heisst: Nachdem wir ein erstes Ziel bek\u00e4mpft haben, m\u00fcssen wir \u2013 um nicht geortet und selbst zum Ziel zu werden \u2013 sofort zu Fuss, samt Material und Munition, einen etwa 300 Meter entfernten neuen Stellungsraum beziehen und von dort weitere Ziele bek\u00e4mpfen \u2013 und so fort. Eine gewaltige Anstrengung f\u00fcr alle \u2013 aber es l\u00e4uft gut, und mein Solothurner Zug wird entsprechend gelobt.<\/p>\n<p>Als der \u201eGrosskampftag\u201c bald zu Ende ist \u2013 wir sind in der N\u00e4he eines Alpstalles in Stellung \u2013 gehe ich um den Stall herum und stehe auf der r\u00fcckw\u00e4rtigen Seite vor einem vermeintlich zementierten Platz, von dem wegen des einsetzenden Regens dicke Tropfen aufspritzen \u2013 wie eben von einem Zementboden. Ich gehe weiter und \u2013 o Schreck \u2013 versinke bis zu den Achseln in einer Jauchegrube mit dickfl\u00fcssigem Inhalt. Irgendwie schaffe ich es, wieder herauszukommen, \u00fcber und \u00fcber mit stinkender Jauche verziert. M\u00f6glichst unauff\u00e4llig melde ich mich beim Stellvertreter vor\u00fcbergehend ab, werde auf der Br\u00fccke eines Unimog S zur Unterkunft gekarrt und befreie mich dort von der stinkenden Mistbr\u00fche. Mit einem sauberen Kampfanzug erscheine ich danach wieder auf der Alp, wo das Ereignis nat\u00fcrlich l\u00e4ngst die Runde gemacht hat. \u201eGsch\u00e4ch n\u00fct Schlimmers\u201c, lautet mein Kommentar.<\/p>\n<p>Etwas sehr Schlimmes erlebe ich hingegen im Herbst 1972, in meinem ersten WK als Zugf\u00fchrer. Unser Motorisiertes F\u00fcsilierbataillon (Mot F\u00fcs Bat) 106 ist \u00dcbungstruppe f\u00fcr die Schiessschule Walenstadt. Dabei ereignet sich im Nachbarbataillon bei einer \u00dcbung mit Minenwerfern im scharfen Schuss ein schwerer Unfall. Der \u201eLader\u201c, der die Wurfgranaten bei einem \u201eSchnellfeuer\u201c von oben ins Rohr einf\u00fchren muss (der Aufschlagz\u00fcnder im Rohrboden aktiviert danach eine Treibladung, welche die Granate auf die Flugbahn katapultiert), tut dies im Eifer des Gefechts zu rasch: Er f\u00fchrt die n\u00e4chste Granate so schnell vor die Rohrm\u00fcndung, dass sie von der vorherigen Granate, die das Rohr erst gerade verl\u00e4sst, weggeschleudert wird und tragischerweise nach kurzer Distanz noch im Stellungsraum explodiert. Mit allerschlimmsten Folgen: Mehrere Soldaten werden get\u00f6tet oder verletzt. Dieser tragische Unfall lastet f\u00fcr einige Zeit wie ein schlimmes Fanal \u00fcber der Truppe. Er zeigt, dass der Umgang mit Waffen und scharfer Munition immer ein Ernstfall ist und dass kleinste Unachtsamkeiten oder Ausbildungsm\u00e4ngel schwerste Folgen haben k\u00f6nnen.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">*<\/p>\n<p>Die WK und Kurse in den Folgejahren, wo ich Zugf\u00fchrer und dann Stellvertreter des Kommandanten bin, sind voller besonderer Ereignisse, die ich hier aus Platzgr\u00fcnden nur punktuell erw\u00e4hnen kann. So \u201eersaufen\u201c wir im Winter-WK 1974 in San Bernardino buchst\u00e4blich in den Schneemassen. Jeder Meter, der f\u00fcr \u00dcbungen im Gel\u00e4nde gebraucht wird, muss zuerst freigeschaufelt werden. Schon im Kadervorkurs im Raum Zillis-Andeer schneit es am Sonntag ununterbrochen. Bei einer Theorie mit dem ganzen Bataillons-Kader meint der bereits erw\u00e4hnte J\u00fcrg \u00dcbersax, nunmehr Major und unser Bataillonskommandant, zu seinen nicht sehr motivierten Zuh\u00f6rern: \u201e Meine Herren, reissen Sie sich zusammen! Ich kann Ihnen eines garantieren: Den Soldaten, die morgen einr\u00fccken, stinkt es noch viel mehr. Seien Sie Vorbilder und keine Jammerlappen!\u201c<\/p>\n<p>Der WK geht dann noch ganz leidlich \u00fcber die B\u00fchne. Schliesslich wird unser Motorisiertes Infanterieregiment (Mot Inf Rgt) 25 \u2013 Kommandant ist der mir bereits als Turndidaktiklehrer vom Oberseminar bekannte Oberst Hans Futter \u2013 im Bodenseeraum zur Unterst\u00fctzung des Grenzwachtkorps eingesetzt. Die Zusammenarbeit funktioniert nach kurzer Einf\u00fchrung tadellos. Warum der Bundesrat in den letzten Jahren gegen\u00fcber solchen Eins\u00e4tzen immer mit Wenn und Aber reagiert hat, ist mir unverst\u00e4ndlich. Auch unsere heutige Milizarmee kann solche Eins\u00e4tze bei Bedarf ohne Probleme leisten.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">*<\/p>\n<p>1979 kommt mein milit\u00e4risches \u201eSchicksalsjahr\u201c. Nach den grossen Fr\u00fchjahrsman\u00f6vern des Feldarmeekorps 4 bekomme ich vom damaligen Regimentskommandanten Oberst i Gst (im Generalstab) Bernhard Wehrli den Vorschlag f\u00fcr die Zentralschule 1 (heute F\u00fchrungslehrgang). In der Schiessschule Walenstadt, die ich zun\u00e4chst absolviere, lernen wir als angehende Kompaniekommandanten vor allem, mit \u00dcbungstruppen gr\u00f6ssere \u00dcbungen anzulegen, durchzuf\u00fchren und zu beurteilen. Schon damals legend\u00e4r ist unser Klassenlehrer, Major i Gst Ulrico Hess \u2013 der geborene Troupier und sp\u00e4tere Korpskommandant \u2013 der jeweils ein paar Stichworte f\u00fcr die \u00dcbungsbesprechung auf seine ber\u00fchmte Cigarilloschachtel kritzelt und die Leute zu begeistern weiss. Zu meiner Freude treffe ich ihn gegen Ende des Jahres wieder als Klassenlehrer in der Zentralschule auf dem Monte Ceneri, die ich bei der Felddivision 6 unter Frank Seethaler absolviere. In jenen Wochen lernen wir das Tessin recht gut kennen \u2013 vor allem bei \u00dcbungen im Malcantone, im Mendrisiotto und im Raum Isone. Nach Arbeitsschluss besuchen wir mit Hess hin und wieder kleine, versteckte Grotti, die nur er zu kennen scheint, wo es \u201eSalami Nostrano, Pane e Merlot\u201c in bester Qualit\u00e4t gibt und wo Clay Regazzoni wie ein Halbgott verehrt wird.<\/p>\n<p>1982 \u00fcbernehme ich das Kommando der Motorisierten Schweren F\u00fcsilierkompanie IV\/106, in der ich schon mehrere WK geleistet habe. Im Fr\u00fchjahr verdiene ich aber zun\u00e4chst den \u201eKadi\u201c ab. Weil meine Frau und ich zwei kleine Kinder haben und die Schwiegereltern bei Aarau wohnen, wird meinem Gesuch, in Aarau abverdienen zu k\u00f6nnen, entsprochen, was f\u00fcr unsere junge Familie einiges erleichtert.<\/p>\n<p>Zun\u00e4chst gibt es zwei Wochen Vorkurs mit dem Kader, danach folgen 17 Wochen mit den Rekruten \u2013 eine lange aber sehr gute Zeit. In einem 2-t\u00e4tigen \u201eKurs f\u00fcr angehende Einheitskommandanten\u201c treffe ich wieder auf den bereits aus der Offiziersschule bekannten Louis Geiger, nunmehr Oberst i Gst und Kurskommandant. Er gibt uns hilfreiche und praxistaugliche Ratschl\u00e4ge f\u00fcr das Abverdienen und meint: \u201eWenn Sie jeweils am Wochenende nach Hause kommen, dann belasten Sie Ihre Frau ums Himmels Willen nicht mit Ihren Milit\u00e4rgeschichten und -problemen! Seien Sie voll da f\u00fcr Ihre Familie. Und nehmen Sie auch die \u201aStaubsaugerprobleme\u2018 ernst.\u201c Geiger hatte \u2013 einmal mehr \u2013 Recht.<\/p>\n<p>Beim Abverdienen in Aarau stimmt wirklich alles. Oberst i Gst Werner Frey (sp\u00e4ter Kommandant der Felddivision 5) ist ein vorbildlicher Schulkommandant. Er erz\u00e4hlt uns in einer lockeren Stunde, dass er als Hauptmann ein Ausbildungsjahr bei der finnischen Armee verbracht habe. Bei Hinflug habe ihm die finnische Hostess so gut gefallen, dass er sie \u201egerade\u201c geheiratet habe. Auch der legend\u00e4re Adjutant und SP-Kantonsrat Salm, die Hauptleute i Gst Hubeli und Stadler und weitere Instruktoren sind echte Vorbilder. Stadler geht zwar am Anfang mit uns abverdienenden Kommandanten bis an die Grenze zur Schikane \u2013 aber mit der Zeit verstehen wir uns so gut, dass wir seiner Frau zur Geburt des ersten Kindes sogar Blumen ins Spital bringen.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">*<\/p>\n<p>Sp\u00e4therbst 1982. Erster WK als Kompaniekommandant. Meine Motorisierte Schwere F\u00fcsilierkompanie (Mot Sch F\u00fcs Kp) IV\/106, die zum Motorisierten Infanterieregiment (Mot Inf Rgt) 25 geh\u00f6rt, ist in der Gemeinde Wald im Z\u00fcrcher Oberland stationiert. \u201eEin milit\u00e4rfreundlicher Ort\u201c, versichert mir der Gemeindepr\u00e4sident \u2013 und das bewahrheitet sich auch. Unser Schiessplatz \u201eW\u00e4ngital-Speer\u201c ist allerdings recht weit entfernt, daf\u00fcr aber ausgezeichnet \u2013 und es gibt sogar eine gute Bergwirtschaft. Auch f\u00fcr unsere Minenwerfer ist der Schiessplatz ideal. Eines Tages, bei sch\u00f6nstem Herbstwetter, ist das Schiessen wieder in vollem Gang. Die Beobachter-Unteroffiziere und die Gesch\u00fctzmannschaften arbeiten gut. Die Schiesswachen sind an den entscheidenden Stellen postiert, denn bei diesem guten Wetter muss mit Wanderern im Speergebiet gerechnet werden.<\/p>\n<p>Im Lauf des Nachmittags taucht pl\u00f6tzlich ein Mann aufgeregt im Stellungsraum auf und verlangt, sofort den \u201eKadi\u201c zu sprechen. \u201eSie haben mich dort oben fast erschossen!\u201c klagt er mich an. Mehrere Granaten seien unmittelbar in seiner N\u00e4he explodiert, und er werde das dem \u201eBlick\u201c melden. Nach und nach beruhigt er sich, und wir kl\u00e4ren genau ab, welchen Weg er gegangen ist. Nach R\u00fccksprache mit den Beobachtern, der Feuerleitstelle und den Schiesswachen stellen wir fest: Ein Schnellfeuer von vier Schuss ist etwa 250 Meter von ihm entfernt eingeschlagen. Die Wurfgranaten und der Widerhall von den Felsw\u00e4nden haben einen derartigen L\u00e4rm verursacht, dass der Mann glaubte, fast getroffen worden zu sein. Zudem stellt sich heraus, dass er kurz vor einer Schiesswache den Weg verlassen und diese auf einer sehr gewagten Abk\u00fcrzung umgangen hat. Wie dem auch\u00a0 sei: Wir alle sind froh, dass nichts passiert ist \u2013 und dass sich der saloppe Spruch \u201eEin Minenwerfer-Kadi ist immer mit einem Bein im Gef\u00e4ngnis\u201c nicht bewahrheitet hat.<\/p>\n<p>Eine Woche sp\u00e4ter findet im Raum Z\u00fcrcher Oberland\/Ricken eine gr\u00f6ssere Man\u00f6ver\u00fcbung statt, f\u00fcr welche eine \u201eKampfgruppe Ricken\u201c gebildet wird \u2013 bestehend aus dem Infanteriebataillon (Inf Bat) unseres Regiments, und verst\u00e4rkt durch meine Kompanie, der noch zwei Grenadierz\u00fcge unterstellt werden. Nachdem wir M\u00f6nchaltdorf \u201egehalten\u201c und die Hauptachsen mit den Grenadieren gesperrt haben (einer der Grenadierzugf\u00fchrer ist der heutige Thurgauer St\u00e4nderat Roland Eberle) kommt in der Nacht der Befehl zur Verschiebung Richtung Ricken und zum Bezug eines gesicherten Halts. Alles funktioniert gut \u2013 und dann geschieht das Seltsame: Wir wollen Verbindung mit dem Kommandanten des Inf Bat aufnehmen, aber er ist am vereinbarten Ort (Kommandoposten) unauffindbar und bleibt wie vom Erdboden verschwunden. Wegen des Funkverbots schicke ich eine Jeep- und eine Motorradpatrouille los. Ohne Erfolg. Wir verst\u00e4rken die Wachen und fassen vorbehaltene Entschl\u00fcsse (f\u00fcr m\u00f6gliche Eins\u00e4tze). Im Morgengrauen endlich erfahren wir von einem Offizier des Regimentsstabes, dass auch sie w\u00e4hrend Stunden keinen Kontakt zum Inf Bat-Kommandanten gehabt h\u00e4tten. Was genau los war, habe ich nie erfahren. Am besten halten wir uns wohl an William Shakespeare, der Hamlet zu Horatio (1. Akt, 5. Szene) sagen l\u00e4sst: \u201eEs gibt mehr Ding\u2018 zwischen Himmel und Erde, als Eure Schulweisheit sich tr\u00e4umen l\u00e4sst\u201c.<\/p>\n<p>Mein erster WK als Kadi endet schliesslich mit einer umfassenden Inspektion durch den Regimentsstab auf dem Schiessplatz W\u00e4ngital-Speer. Das Wetter ist neblig, regnerisch und kalt \u2013 dennoch \u201el\u00e4uft es\u201c gut. Und im Inspektionsbericht, auf den die ganze Kompanie stolz ist, heisst es: Pr\u00e4sentation, Tarnung, Ausbildungsstand an der pers\u00f6nlichen Waffe und an den Korpswaffen, Sanit\u00e4tsdienst etc. \u201esehr gut\u201c. Und zus\u00e4tzlich steht der Satz: \u201eTrotz des garstigen Wetters hat die Kompanie mit vollem Einsatz gearbeitet, und wir h\u00f6rten keinen einzigen Fluch und kein b\u00f6ses Wort.\u201c\u00a0 Fast zu sch\u00f6n, um wahr zu sein. Allerdings sind nicht alle meine WK derart \u201eharmonisch\u201c verlaufen.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">*<\/p>\n<p>Der Februar-WK 1984 ist hart. Wir sind im bernischen Eriswil, am Rand des Napfgebietes, stationiert. Und es ist saukalt. Die Wache beim Kantonnement (Truppenunterkunft) h\u00e4lt es nur mit Spezialausr\u00fcstung \u2013 mit pelzgef\u00fctterten M\u00e4nteln, Stiefeln, Handschuhen und M\u00fctzen \u2013 und auch so nur f\u00fcr eine Stunde aus; dann wird sie wieder abgel\u00f6st. Auf dem Programm steht als \u201eH\u00f6hepunkt\u201c die mehrt\u00e4gige \u00dcbung \u201eSchneel\u00f6we\u201c im Gebiet \u201eEriswil\/Ahorn\/Trachselwald. Die drei Minenwerferz\u00fcge operieren als Jagdkampf-Detachemente im abgelegenen Gebiet der Gr\u00e4ben und Eggen.<\/p>\n<p>Nach der Befehlsausgabe folgt der gedeckte Anmarsch mit voller Ausr\u00fcstung, dann bezieht jeder Zug\u00a0 ein Basislager im zugewiesenen Raum und richtet es so ein, dass man darin \u201eleben\u201c kann. Danach bekommen die Z\u00fcge gestaffelt immer wieder neue Einsatzbefehle f\u00fcr Erkundungen, Verschiebungen, S\u00e4uberungen, Feuer\u00fcberf\u00e4lle und dergleichen mehr. Ruhephasen wechseln ab mit harten Eins\u00e4tzen. Mit \u201everschleiertem\u201c Funkverkehr und Meldel\u00e4ufern koordinieren wir das Ganze. In der Morgenfr\u00fche des dritten Tages erreichen die Z\u00fcge nach etlichen Eins\u00e4tzen und gr\u00f6sseren Marschleistungen schliesslich das Schloss Trachselwald, wo die ganze Kompanie mit einem \u00fcppigen Fr\u00fchst\u00fcck \u00fcberrascht wird. Nach dem motorisierten R\u00fccktransport nach Eriswil, dem \u201eParkdienst\u201c und dem \u201eInneren Dienst\u201c (Reinigung, Dusche) und der Materialkontrolle findet vor dem Abtreten in den Urlaub die \u00dcbungsbesprechung statt. Und siehe da: Trotz K\u00e4lte und harter Beanspruchung wird \u201eSchneel\u00f6we\u201c auch von den Soldaten fast unisono als \u201eeine gute und interessante Sache\u201c beurteilt. \u00dcberhaupt habe ich immer wieder festgestellt, dass anspruchsvolle und m\u00f6glichst realistische \u00dcbungen mit klaren Zielsetzungen von den Soldaten und vom Kader in aller Regel positiv beurteilt werden. Das galt damals, und es gilt auch heute.<\/p>\n<p>Nicht sehr erfolgreich ist die \u00dcbung \u201eSchneel\u00f6we\u201c indes f\u00fcr mich selbst. Weil ich auf dem steinhart gefrorenen Boden mit eher \u201esuboptimalen\u201c leichten Stiefeln nicht nur marschiere, sondern bei den Eins\u00e4tzen der Z\u00fcge auch oft an Ort und Stelle verharren muss, verf\u00e4rben sich die Zehen meines linken Fusses in der Folge immer mehr\u00a0 ins Violette \u2013 und vor allem werden sie v\u00f6llig gef\u00fchllos. Es dauert sechs Wochen, bis die Zehen wieder zur Normalit\u00e4t zur\u00fcckgefunden haben. Auch wegen meiner Zehen ist mir der \u201eSchneel\u00f6we\u201c sehr eindr\u00fccklich und \u201enachhaltig\u201c in Erinnerung geblieben.<\/p>\n<p>Im gleichen WK 1984 verschiebt sich unser Bataillon auch noch f\u00fcr eine \u00dcbung nach Bure. \u201eSchulung der Zusammenarbeit Panzer\/Infanterie\u201c lautet das Thema. Unser Partner ist das Panzerregiment 3 unter dem straffen Kommando von Oberst i Gst Hans-Rudolf Blumer, dem sp\u00e4teren Kommandanten der Mechanisierten Division (Mech Div) 11, dem ich damals zum ersten Mal begegne. Die \u00dcbung l\u00e4uft \u00fcber mehrere Phasen \u2013 und selbstverst\u00e4ndlich \u00fcber Nacht \u2013 und es ist einmal mehr saukalt, aber dank viel \u201eBewegung\u201c und guter Ausr\u00fcstung ertr\u00e4glich. Wir gehen schlussendlich weit weg von den Kasernen an der Peripherie des Waffenplatzes in Stellung, um einen m\u00f6glichst grossen Wirkungsraum f\u00fcr die Minenwerfer zu gew\u00e4hrleisten.<\/p>\n<p>Unmittelbar nach \u00dcbungsabbruch soll die \u00dcbungsbesprechung stattfinden. Aber die \u201eAbbruch-Meldung\u201c erreicht uns viel zu sp\u00e4t. Im Laufschritt spurten wir mehrere Kilometer zur Besprechung und kommen dort dennoch etwas zu sp\u00e4t an. Oberst Blumers spitzer Kommentar: \u201eD\u2018 Minewerfer ch\u00f6mmed nat\u00fcrli wieder emal zspat!\u201c erf\u00fcllt uns mit Wut. Aber der Stolz verbietet mir jede Rechtfertigung. Denn schon damals hatte ich mir die \u201eLebensweisheit\u201c eingeimpft: \u201eDie Begr\u00fcndung des Misserfolgs interessiert nicht.\u201c Die Konsequenz in allen Lebenslagen muss deshalb lauten: \u201eErfolg sicherstellen, statt Misserfolg begr\u00fcnden!\u201c \u2013 auch wenn dies nicht immer gelingt.<\/p>\n\n<div class=\"twitter-share\"><a href=\"https:\/\/twitter.com\/intent\/tweet?via=zac1967\" class=\"twitter-share-button\" data-size=\"large\">Twittern<\/a><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Gastbeitrag von alt Nationalrat und Oberstleutnant Hans Fehr, Eglisau ZH<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":1566,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_exactmetrics_skip_tracking":false,"_exactmetrics_sitenote_active":false,"_exactmetrics_sitenote_note":"","_exactmetrics_sitenote_category":0,"jetpack_post_was_ever_published":false,"_jetpack_newsletter_access":"","_jetpack_dont_email_post_to_subs":false,"_jetpack_newsletter_tier_id":0,"_jetpack_memberships_contains_paywalled_content":false,"_jetpack_memberships_contains_paid_content":false,"footnotes":"","jetpack_publicize_message":"","jetpack_publicize_feature_enabled":true,"jetpack_social_post_already_shared":true,"jetpack_social_options":{"image_generator_settings":{"template":"highway","default_image_id":0,"font":"","enabled":false},"version":2}},"categories":[11],"tags":[165,585,409],"class_list":["post-1562","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-landesverteidigung-armee","tag-armee","tag-hans-fehr","tag-landesverteidigung"],"jetpack_publicize_connections":[],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/i0.wp.com\/www.zanetti.ch\/wp-content\/uploads\/2018\/03\/Panzer-1.jpg?fit=1024%2C686&ssl=1","jetpack_sharing_enabled":true,"jetpack_shortlink":"https:\/\/wp.me\/p6ORi5-pc","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.zanetti.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1562","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.zanetti.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.zanetti.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.zanetti.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.zanetti.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1562"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/www.zanetti.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1562\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1567,"href":"https:\/\/www.zanetti.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1562\/revisions\/1567"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.zanetti.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/1566"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.zanetti.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1562"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.zanetti.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1562"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.zanetti.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1562"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}