{"id":181,"date":"2010-04-28T11:55:45","date_gmt":"2010-04-28T10:55:45","guid":{"rendered":"http:\/\/www.blog.zanetti.ch\/?p=181"},"modified":"2010-04-28T12:03:01","modified_gmt":"2010-04-28T11:03:01","slug":"aus-aktuellem-anlass-heinrich-bolls-%e2%80%9eanekdote-zur-senkung-der-arbeitsmoral%e2%80%9c","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.zanetti.ch\/?p=181","title":{"rendered":"Aus aktuellem Anlass: Heinrich B\u00f6lls \u201eAnekdote zur Senkung der Arbeitsmoral\u201c"},"content":{"rendered":"<p>In einem Hafen an einer westlichen K\u00fcste Europas liegt ein \u00e4rmlich gekleideter Mann in seinem Fischerboot und d\u00f6st. Ein schick angezogener Tourist legt eben einen neuen Farbfilm in seinen Fotoapparat, um das idyllische Bild zu fotografieren: blauer Himmel, gr\u00fcne See mit friedlichen, schneeweissen Wellenk\u00e4mmen, schwarzes Boot, rote Fischerm\u00fctze. Klick. Noch einmal: klick, und da aller guten Dinge drei sind und sicher sicher ist, ein drittes Mal: klick. Das spr\u00f6de, fast feindselige Ger\u00e4usch weckt den d\u00f6senden Fischer, der sich schl\u00e4frig aufrichtet, schl\u00e4frig nach seiner Zigarettenschachtel angelt. Aber bevor er das Gesuchte gefunden, hat ihm der eifrige Tourist schon eine Schachtel vor die Nase gehalten, ihm die Zigarette nicht gerade in den Mund gesteckt, aber in die Hand gelegt, und ein viertes Klick, das des Feuerzeuges, schliesst die eilfertige H\u00f6flichkeit ab. Durch jenes kaum messbare, nie nachweisbare zuviel an flinker H\u00f6flichkeit ist eine gereizte Verlegenheit entstanden, die der Tourist &#8211; der Landessprache m\u00e4chtig &#8211; durch ein Gespr\u00e4ch zu \u00fcberbr\u00fccken versucht. &#8222;Sie werden heute einen guten Fang machen.&#8220;<\/p>\n<p>Kopfsch\u00fctteln des Fischers. &#8222;Aber man hat mir gesagt, dass das Wetter g\u00fcnstig ist.&#8220; Kopfnicken des Fischers.<\/p>\n<p>&#8222;Sie werden also nicht ausfahren?&#8220; Kopfsch\u00fctteln des Fischers, steigende Nervosit\u00e4t des Touristen. Gewiss liegt ihm das Wohl des \u00e4rmlich gekleideten Menschen am Herzen, nagt an ihm die Trauer \u00fcber die verpasste Gelegenheit. &#8222;Oh? Sie f\u00fchlen sich nicht wohl?&#8220; Endlich geht der Fischer von der Zeichensprache zum wahrhaft gesprochenen Wort \u00fcber.<\/p>\n<p>&#8222;Ich f\u00fchle mich grossartig&#8220;, sagt er. &#8222;Ich habe mich nie besser gef\u00fchlt.&#8220; Er steht auf, reckt sich, als wollte er demonstrieren, wie athletisch er gebaut ist. &#8222;Ich f\u00fchle mich phantastisch.&#8220;<\/p>\n<p>Der Gesichtsausdruck des Touristen wird immer ungl\u00fccklicher, er kann die Frage nicht mehr unterdr\u00fccken, die ihm sozusagen das Herz zu sprengen droht: &#8222;Aber warum fahren Sie dann nicht aus?&#8220; Die Antwort kommt prompt und knapp.<\/p>\n<p>&#8222;Weil ich heute morgen schon ausgefahren bin.&#8220; &#8222;War der Fang gut?&#8220; &#8222;Er war so gut, dass ich nicht noch einmal ausfahren brauche, ich habe vier Hummer in meinen K\u00f6rben gehabt, fast zwei Dutzend Makrelen gefangen.&#8220;<\/p>\n<p>Der Fischer, endlich erwacht, taut jetzt auf und klopft dem Touristen auf die Schulter. Dessen besorgter Gesichtsausdruck erscheint ihm als ein Ausdruck zwar unangebrachter, doch r\u00fchrender K\u00fcmmernis. &#8222;Ich habe sogar f\u00fcr morgen und \u00fcbermorgen genug!&#8220; sagte er, um des Fremden Seele zu erleichtern. &#8222;Rauchen Sie eine von meinen?&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Ja, danke.&#8220;<\/p>\n<p>Zigaretten werden in M\u00fcnder gesteckt, ein f\u00fcnftes Klick, der Fremde setzt sich kopfsch\u00fcttelnd auf den Bootsrand, legt die Kamera aus der Hand, denn er braucht jetzt beide H\u00e4nde, um seiner Rede Nachdruck zu verleihen. &#8222;Ich will mich ja nicht in Ihre pers\u00f6nlichen Angelegenheiten mischen&#8220;, sagt er, &#8222;aber stellen Sie sich mal vor, Sie f\u00fchren heute ein zweites, ein drittes, vielleicht sogar ein viertes Mal aus, und Sie w\u00fcrden drei, vier, f\u00fcnf, vielleicht sogar zehn Dutzend Makrelen fangen. Stellen Sie sich das mal vor!&#8220;<\/p>\n<p>Der Fischer nickt.<\/p>\n<p>&#8222;Sie w\u00fcrden&#8220;, f\u00e4hrt der Tourist fort, &#8222;nicht nur heute, sondern morgen, \u00fcbermorgen, ja, an jedem g\u00fcnstigen Tag zwei-, dreimal, vielleicht viermal ausfahren &#8211; wissen Sie, was geschehen w\u00fcrde?&#8220;<\/p>\n<p>Der Fischer sch\u00fcttelt den Kopf.<\/p>\n<p>&#8222;Sie w\u00fcrden sich in sp\u00e4testens einem Jahr einen Motor kaufen k\u00f6nnen, in zwei Jahren ein zweites Boot, in drei oder vier Jahren k\u00f6nnten Sie vielleicht einen kleinen Kutter haben, mit zwei Booten oder dem Kutter w\u00fcrden Sie nat\u00fcrlich viel mehr fangen &#8211; eines Tages w\u00fcrden Sie zwei Kutter haben, Sie w\u00fcrden&#8230;&#8220;, die Begeisterung verschl\u00e4gt ihm f\u00fcr ein paar Augenblicke die Stimme, &#8222;Sie w\u00fcrden ein kleines K\u00fchlhaus bauen, vielleicht eine R\u00e4ucherei, sp\u00e4ter eine Marinadenfabrik, mit einem eigenen Hubschrauber rumfliegen, die Fischschw\u00e4rme ausmachen und Ihren Kuttern per Funk Anweisung geben, sie k\u00f6nnten die Lachsrechte erwerben, ein Fischrestaurant er\u00f6ffnen, den Hummer ohne Zwischenh\u00e4ndler direkt nach Paris exportieren &#8211; und dann&#8230;&#8220; &#8211; wieder verschl\u00e4gt die Begeisterung dem Fremden die Sprache. Kopfsch\u00fcttelnd, im tiefsten Herzen betr\u00fcbt, seiner Urlaubsfreude schon fast verlustig, blickt er auf die friedlich hereinrollende Flut, in der die ungefangenen Fische munter springen. &#8222;Und dann&#8220;, sagt er, aber wieder verschl\u00e4gt ihm die Erregung die Sprache. Der Fischer klopft ihm auf den R\u00fccken wie einem Kind, das sich verschluckt hat. &#8222;Was dann?&#8220; fragt er leise.<\/p>\n<p>&#8222;Dann&#8220;, sagt der Fremde mit stiller Begeisterung, &#8222;dann k\u00f6nnten Sie beruhigt hier im Hafen sitzen, in der Sonne d\u00f6sen &#8211; und auf das herrliche Meer blicken.&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Aber das tu ich ja schon jetzt&#8220;, sagt der Fischer, &#8222;ich sitze beruhigt am Hafen und d\u00f6se, nur Ihr Klicken hat mich dabei gest\u00f6rt.&#8220; Tats\u00e4chlich zog der solcherlei belehrte Tourist nachdenklich von dannen, denn fr\u00fcher hatte er auch einmal geglaubt, er arbeite, um eines Tages einmal nicht mehr arbeiten zu m\u00fcssen, aber es blieb keine Spur von Mitleid mit dem \u00e4rmlich gekleideten Fischer in ihm zur\u00fcck, nur ein wenig Neid.<\/p>\n\n<div class=\"twitter-share\"><a href=\"https:\/\/twitter.com\/intent\/tweet?via=zac1967\" class=\"twitter-share-button\" data-size=\"large\">Twittern<\/a><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In einem Hafen an einer westlichen K\u00fcste Europas liegt ein \u00e4rmlich gekleideter Mann in seinem Fischerboot und d\u00f6st. 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