{"id":230,"date":"2010-07-24T09:27:03","date_gmt":"2010-07-24T08:27:03","guid":{"rendered":"http:\/\/www.blog.zanetti.ch\/?p=230"},"modified":"2010-07-24T09:27:03","modified_gmt":"2010-07-24T08:27:03","slug":"selber-dorftrottel","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.zanetti.ch\/?p=230","title":{"rendered":"Selber Dorftrottel!"},"content":{"rendered":"<p>Es ist \u201esaure Gurken-Zeit\u201c. Kein Thema ist zu d\u00e4mlich, um nicht die Aufmerksamkeit der Medien auf sich zu ziehen. Die gegenw\u00e4rtig aufflackernde EU-Diskussion zeichnet sich allerdings durch erschreckende Oberfl\u00e4chlichkeit und Niedertr\u00e4chtigkeit aus. Zum Beweis f\u00fcr das angeblich in der Schweiz herrschende \u201eDenkverbot\u201c verzichtet die \u201eDenkfabrik Avenir Suisse\u201c in ihrem j\u00fcngsten Papier aufs Denken und begn\u00fcgte sich mit einer Aneinanderreihung einiger abgelutschter Plattit\u00fcden. Ganz offensichtlich sollten dem neuen Direktor, der bald seine Stelle antritt, Steine in den Weg gelegt werden. Denn als freiheitlicher, ordnungspolitischen Grunds\u00e4tzen verpflichteter Denker und Beobachter machte der Chef des NZZ-Wirtschaftsressorts, Gerhard Schwarz, nie einen Hehl aus seiner EU-kritischen Haltung.<\/p>\n<p>In diesem Umfeld sind \u201eEuropa-Experten\u201c nat\u00fcrlich sehr gefragt. Doch was ist eigentlich ein \u201eEuropa-Experte\u201c? Jemand, der in der EU lebt, sie aus eigener Erfahrung kennt und darum weiss, wovon er spricht? Oder ist es jemand, der bloss mit einer besonders originellen Begr\u00fcndung an die \u00d6ffentlichkeit tritt, weshalb die Schweiz der EU beitreten soll? Was das Kriterium der Originalit\u00e4t angeht, so liegen die H\u00fcrden daf\u00fcr sehr tief. Der Applaus der hiesigen Intelligentzia ist einem selbst dann sicher, wenn man bloss die Argumentation der Frontisten der 30-er-Jahre \u00fcbernimmt, um dem Anschluss an das grosse Europa, dem angeblich die Zukunft geh\u00f6ren soll, das Wort redet. Man behauptet, die Schweiz sei von der EU bedroht und unter Druck gesetzt. Doch dann folgt nicht etwa Kritik am Erpresser, sondern die Forderung, sich diesem anzuschliessen. Genau in diese Tradition stellte sich auch der Politologe Dieter Freiburghaus, der diese Woche ins Land rief, die Schweiz verkomme zum \u201eglobalen Dorftrottel\u201c, wenn sie sich nicht endlich dem Br\u00fcsseler Diktat unterwerfe. Das hatten wir schon alles: Genau darum geht es in Schillers \u201eWilhelm Tell\u201c im Dialog zwischen Rudenz und Attinghausen: \u201eEs kostete ein einzig leichtes Wort, um augenblicks des Dranges los zu sein, und einen gn\u00e4d&#8217;gen Kaiser zu gewinnen.\u201c Genau das war Pilet-Golaz\u2019s Argumentation in seiner ber\u00fcchtigten Anpasserrede, und genau das war der Inhalt der \u201eEingabe der 200\u201c. Das Wort vom \u201eDorftrottel\u201c f\u00e4llt auf den Urheber zur\u00fcck.<\/p>\n<p>Nun ist Professor Freiburghaus gewiss ein ehrenwerter Mann. Doch ist er auch wirklich ein Experte? Wo bleibt in seinen Schriften und Verlautbarungen das der intellektuellen Redlichkeit geschuldete Abw\u00e4gen der Vor und Nachteile eines EU-Beitritts? Wo bleiben Bedenken hinsichtlich der Folgen f\u00fcr die Demokratie? Der Professor ist ein Euro-Turbo der ersten Stunde, der sich von der Realit\u00e4t kaum beeindrucken l\u00e4sst. Expertise sollt\u2019 aus besserem Stoff beschaffen sein. Richtige Expertise entsteht aus Erfahrung. Und wer danach sucht, wir unweigerlich feststellen, dass die Betroffenen die \u201eSegnungen der EU\u201c anders beurteilen als gewisse Schweizer, die ausser ihrer \u201eOffenheit\u201c nichts zu bieten haben.<\/p>\n<p>Ich weile derzeit in den Ferien in Italien. Gestern musste ich einen Handwerker rufen, um an der Heizung eine kleine Reparatur vorzunehmen. Der gute Mann hatte seine Schraubenschl\u00fcssel noch nicht ausgepackt als er mich fragte, was es denn brauche, um in der Schweiz arbeiten zu k\u00f6nnen. Er wolle raus aus Italien und raus aus der EU. Diese Episode deckt sich genau mit einer repr\u00e4sentativen Umfrage, die die \u201eWeltwoche\u201c k\u00fcrzlich publizierte: Eine Mehrheit in grenznahen Regionen der Nachbarl\u00e4nder Deutschland, \u00d6sterreich, Frankreich und Italien m\u00f6chte der Schweiz beitreten. Besonders deutlich ist die Zustimmung bei den Jungen: Zwei Drittel der unter 35-J\u00e4hrigen bef\u00fcrworten Sezession und Landeswechsel. Noch etwas h\u00f6her ist der Ja-Anteil bei den Personen, die sich politisch rechts der Mitte einordnen, w\u00e4hrend linke und alte Menschen am Status quo festhalten m\u00f6chten. Als besonders attraktiv an der Schweiz gelten die direkte Demokratie, die freiheitliche Wirtschaftsordnung und die tiefen Steuern. Rund 70 bis 80 Prozent<br \/>\nder Wahlberechtigten finden die Schweiz wirtschaftlich und steuerlich gesehen attraktiver als ihr Heimatland.<\/p>\n<p>Bemerkenswert: W\u00e4hrend hierzulande die direkte Demokratie einer wachsenden Kritik und massiven Angriffen seitens der \u201eClasse politique\u201c und des Bundesgerichts ausgesetzt ist, w\u00fcnscht sich eine klare Mehrheit der B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger in den uns umgebenden Regionen, das Recht, Einfluss nehmen zu k\u00f6nnen, auf Belange, die das eigene Leben betreffen. Unser System wird in mancher Hinsicht als \u00fcberlegen betrachtet. Jemand sollte das gelegentlich unserem Bundesrat berichten.<\/p>\n<p>Gewiss, es wurden bloss einfache B\u00fcrger und keine Experten gefragt. Doch zum Gl\u00fcck kommt es in einer Demokratie wie der schweizerischen genau auf deren Expertise an. Wir k\u00f6nnen der kommenden Volksabstimmung also zuversichtlich entgegenblicken. Dann haben wir es in Zahlen und Fakten, wer die \u201eDorftrottel\u201c sind.<br \/>\n____<\/p>\n<p>Erschienen in der Berner Zeitung vom 24. Juli 2010.<\/p>\n\n<div class=\"twitter-share\"><a href=\"https:\/\/twitter.com\/intent\/tweet?via=zac1967\" class=\"twitter-share-button\" data-size=\"large\">Twittern<\/a><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es ist \u201esaure Gurken-Zeit\u201c. Kein Thema ist zu d\u00e4mlich, um nicht die Aufmerksamkeit der Medien auf sich zu ziehen. 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