{"id":241,"date":"2010-09-18T09:49:09","date_gmt":"2010-09-18T08:49:09","guid":{"rendered":"http:\/\/www.blog.zanetti.ch\/?p=241"},"modified":"2010-09-18T14:52:39","modified_gmt":"2010-09-18T13:52:39","slug":"mimosen-mit-dem-zweihander","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.zanetti.ch\/?p=241","title":{"rendered":"Mimosen mit dem Zweih\u00e4nder"},"content":{"rendered":"<p>Es gen\u00fcgt, dass Adolf Muschg in einer Fernsehsendung einen Hauch von nachvollziehbarem Volkszorn zu sp\u00fcren bekommt, und schon wird behauptet, in der Schweiz herrsche eine intellektuellenfeindliche Stimmung. Ja, von einem eigentlichen Intellektuellen-Bashing, also von einem Eindreschen auf diese offenbar gesch\u00fctzte Spezies wird geredet und geschrieben. Mit dem Selbstvertrauen unserer Intelligenzija scheint es nicht weit her zu sein. Wobei manch einer glaubt, alleine schon der Umstand, dass er kritisiert wird, mache ihn zum Intellektuellen.<\/p>\n<p>Wer mit dem Zweih\u00e4nder austeilt wie Adolf Muschg, seinen Kritikern st\u00e4ndig faschistisches Gedankengut unterstellt, die Neutralit\u00e4t, an der die Schweizer h\u00e4ngen, als \u201eunanst\u00e4ndigen Furz\u201c charakterisiert und beim Anblick Geranien geschm\u00fcckter H\u00e4user zuerst an Auschwitz denkt, muss auch einstecken k\u00f6nnen. Intellekt sollt\u2019 aus h\u00e4rt\u2019rem Stoff beschaffen sein \u2013 m\u00fcsste man meinen. Einem Niklaus Meienberg w\u00e4re es jedenfalls nicht im Traum eingefallen, in den Medien dar\u00fcber zu jammern, dass er angefeindet wird. Ihm war klar, dass, wer, wie er selbst, mit harten Bandagen k\u00e4mpft, entsprechend be-k\u00e4mpft wird. Es herrschte damals auch noch nicht die Unsitte, dass sich Bundesr\u00e4te und eben Intellektuelle in die politische Arena begeben, dabei aber f\u00fcr sich in Anspruch nehmen ex cathedra dozieren zu k\u00f6nnen. Adolf Muschg wurde nach heftigen Attacken gegen Christoph Blocher von diesem wiederholt zu einer \u00f6ffentlichen Debatte eingeladen. Der Bannertr\u00e4ger der beleidigten Intellektuellen war sich daf\u00fcr stets zu gut. Dass er nun dermassen jammert, ist peinlich und soll sich wohl positiv auswirken auf den Verkauf seines neusten Buches. Ich werde es nicht kaufen \u2013 auch wenn ich mich damit dem Vorwurf, ein Intellektuellen-Basher zu sein, aussetze.<\/p>\n<p>Erstmals aufgetaucht ist der Begriff \u201eIntellektueller\u201c im Zusammenhang mit der Dreyfus-Aff\u00e4re in den 1890er Jahren in Frankreich. Man bezeichnete damit \u2013 durchaus in absch\u00e4tziger Absicht \u2013 eine Gruppe prominenter Leute (darunter \u00c9mile Zola), die den j\u00fcdischen Artilleriehauptmann Alfred Dreyfus gegen den f\u00e4lschlicherweise erhobenen Vorwurf des Landesverrats verteidigten. Heute versteht man darunter im Allgemeinen eine Person, die \u2013 meist aufgrund ihrer Ausbildung und T\u00e4tigkeit \u2013 wissenschaftlich oder k\u00fcnstlerisch gebildet ist. Die Internet-Enzyklop\u00e4die \u201eWikipedia\u201c stellt klar, dass der Begriff von der \u201esoziologischen Kategorie der Intelligenz\u201c zu unterscheiden sei. Ein Intellektueller braucht also keineswegs auch intelligent zu sein. Da werden einige aufatmen.<\/p>\n<p>Genau wie es hierzulande gen\u00fcgt, im Fernsehen das Wetter anzuk\u00fcndigen, um \u201ePromi\u201c zu sein, reicht es, um als Intellektueller gefeiert zu werden, vollkommen, wenn man links ist und sich als \u201eoffen\u201c bezeichnet \u2013 also f\u00fcr den EU-Beitritt ist. Nach der intellektuellen Redlichkeit einer Argumentation wird nicht gefragt. Und nie muss jemand den Beweis f\u00fcr die Richtigkeit seiner Thesen antreten.<\/p>\n<p>Mit ungew\u00f6hnlich erfrischender Klarheit best\u00e4tigte Literaturwissenschaftler Peter von Matt k\u00fcrzlich, dass Intellektuelle zu Wehleidigkeit neigen. Das ist so richtig wie bekannt. Das Klima ist keineswegs rau oder intellektuellenfeindlich geworden, wohl aber sehen viele Vertreter der Intelligenzija den EU-Beitritt in weite Ferne r\u00fccken. Sie greifen darum schon einmal zum verbalen Zweih\u00e4nder und bezeichnen jene als \u201eDorftrottel\u201c, die ihre weltarchitektonischen Entw\u00fcrfe ablehnen. Merke: F\u00fcrs Einstecken und Austeilen gelten bei Intellektuellen andere Regeln!<\/p>\n<p>Ist man intellektuellenfeindlich, bloss weil man die st\u00e4ndigen Angriffe von Nestbeschmutzern wie Adolf Muschg auf die Schweiz nicht goutiert? Ist man ein Kulturbanause, wenn man Thomas Hirschhorns F\u00e4kal-Inszenierungen oder Adrian Marthalers Unterhosentheater f\u00fcr nicht subventionsw\u00fcrdig h\u00e4lt? Muss man sich sch\u00e4men, wenn man die Verlautbarungen des \u201eClub Helv\u00e9tique\u201c, eines Intellektuellenkl\u00fcngels um Georg Kreis, Roger de Weck und Kurt Imhof, als etatistisch und demokratiefeindlich ablehnt? Wenn ja, tant pis!<\/p>\n<p>______<\/p>\n<p>Erschienen in der Berner Zeitung vom 18. September 2010<\/p>\n\n<div class=\"twitter-share\"><a href=\"https:\/\/twitter.com\/intent\/tweet?via=zac1967\" class=\"twitter-share-button\" data-size=\"large\">Twittern<\/a><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es gen\u00fcgt, dass Adolf Muschg in einer Fernsehsendung einen Hauch von nachvollziehbarem Volkszorn zu sp\u00fcren bekommt, und schon wird behauptet, in der Schweiz herrsche eine intellektuellenfeindliche Stimmung. Ja, von einem eigentlichen Intellektuellen-Bashing, also von einem Eindreschen auf diese offenbar gesch\u00fctzte Spezies wird geredet und geschrieben. 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