{"id":494804,"date":"2020-05-11T13:24:20","date_gmt":"2020-05-11T11:24:20","guid":{"rendered":"http:\/\/www.zanetti.ch\/?p=494804"},"modified":"2020-05-11T13:24:20","modified_gmt":"2020-05-11T11:24:20","slug":"rettet-die-schweiz-coute-que-coute","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.zanetti.ch\/?p=494804","title":{"rendered":"\u00abRettet die Schweiz \u2013 co\u00fbte que co\u00fbte!\u00bb"},"content":{"rendered":"<p>Zum 700. Geburtstag: Manifest wider die Bundesabschaffer und f\u00fcr ein lateinisches Landesbewusstsein. Von Niklaus Meienberg<!--more--><\/p>\n<blockquote>\n<p style=\"text-align: right;\"><em>\u00abWollen wir oder wollen wir nicht<br \/>\nein schweizerischer Staat bleiben,<br \/>\nder dem Auslande gegen\u00fcber<br \/>\neine politische Einheit darstellt?<br \/>\nWenn nein (&#8230;), dann lasse man\u2019s<br \/>\nmeinetwegen laufen, wie es geht<br \/>\nund schlottert und lottert.<\/em><br \/>\nCarl Spitteler, 1914<br \/>\n\u00abUnser Schweizer Standpunkt\u00bb<\/p>\n<\/blockquote>\n<p>Ein Gespenst geht um in der Schweiz, termingerecht zum angeblichen 700. Geburtstag, der uns von Regierung und Parlament eingebrockt worden ist, ohne dass man vorg\u00e4ngig \u00fcber die Bedeutung dieser Jahreszahl nachgedacht h\u00e4tte: das Gespenst der Aufl\u00f6sung. Es geht um im Kopf des SBG-Direktors Ernst M\u00fchlemann, welcher der Zeitschrift L\u2019Hebdo erkl\u00e4rt, die Abschaffung der Schweiz liege im Bereich des M\u00f6glichen und die Nationalstaaten seien generell auf dem Aussterbeetat. Es geistert in der Vorstellungswelt des wackeren Fernsehdirektors Schellenberg herum, welcher sich sehr gut vorstellen kann, dass sich die Welschschweiz Frankreich anschliesst und das Tessin Italien (kulturell oder territorial?). (Da bliebe doch wohl f\u00fcr die Deutschschweiz nur noch der Anschluss an Grossdeutschland?) Und der Philosoph Hans Saner, im allgemeinen kein Spassmacher, hat k\u00fcrzlich am Radio erkl\u00e4rt: Es ist zu Ende mit diesem Land. Was soll es noch! In pseudolinken Konventikeln wird fleissig der Slogan 700 Jahre sind genug herumtrompetet, und der schweizerische Spiegel-Korrespondent B\u00fcrgi dekretiert nassforsch, unserem Staat sei die Raison d\u2019\u00eatre abhanden gekommen, und eine neue ist nicht in Sicht. Da fehlt nur noch Gerd Bucerius, Herausgeber der Zeit, welcher die Schweiz als Staatssplitter bezeichnete.<\/p>\n<p>Sind, so muss man sich fragen, noch alle Tassen im Schrank? Dass Ernst M\u00fchlemann, der sich ebensogut bei der Deutschen Bank wie bei der SBG als Prokurist verdingen kann, die Abschaffung der Schweiz akzeptiert, kann die Kenner des heimatlosen Kapitals nicht verbl\u00fcffen; und der aufgebl\u00e4hte Bucerius spricht halt vom hohen deutschen Ross herunter. Aber unsere Linken und gar die Denker?<\/p>\n<p>Ein bunt zusammengew\u00fcrfelter Haufen von Intellektuellen hat bekanntlich deklariert, dass er nichts zu diesem Jubil\u00e4um beitragen wolle, weil man f\u00fcr einen Staat, der die Fichen und Dossiers der Bespitzelung nicht offenlege, keinen Finger r\u00fchren m\u00f6ge (\u00abKulturboykott\u00bb). Manche finden \u00fcberdies, das Geburtsdatum 1291 sei ein Jux und die Eidgenossenschaft keineswegs samenhaft in den drei Urkantonen angelegt gewesen (dem stimmt sogar der konservative Historiker Peyer in der NZZ zu) und die halbfeudale Agrargesellschaft des 13. und 14. Jahrhunderts bedeute uns heute nichts mehr, wohingegen man den Import der b\u00fcrgerlichen Freiheiten durch die Armeen der Franz\u00f6sischen Republik (1798), ohne welche wir den Ausgang aus der selbstverschuldeten Unm\u00fcndigkeit nicht gefunden h\u00e4tten, sowie die Bekr\u00e4ftigung dieser Freiheiten in der Verfassung von 1848 mit einiger Berechtigung h\u00e4tte feiern k\u00f6nnen (1998).<\/p>\n<p>Von einer Aufl\u00f6sung der Schweiz war dabei nicht die Rede, auch nicht vom doofen Slogan 700 Jahre sind genug, weil ja, nach Auffassung gerade der sogenannten Kulturboykottanten, die Schweiz in ihrer modernen Form eben nicht seit 700 Jahren besteht. Man wird sich deshalb, gerade als einer, der aus Sympathie f\u00fcr die guten Traditionen der Demokratie den 1991er Rummel nicht mitmachen will, von den Schn\u00f6rrenwagnern und Plaudert\u00e4schchen und Abschaffungsaposteln distanzieren m\u00fcssen, denn:<\/p>\n<p>Wir wollen nicht keine Schweiz, sondern eine andere als die gegenw\u00e4rtig grassierende.<\/p>\n<p><strong>Kanalratte und Bl\u00e4hn\u00fcsterich<\/strong><\/p>\n<p>Ein h\u00fcbscher Gedanke, dass die Deutschschweiz in Deutschland aufgehen k\u00f6nnte: Kohl als Wahlredner in Z\u00fcrich, da m\u00fcsste man grad Attent\u00e4ter werden. Zu diesem Staat geh\u00f6ren, dessen B\u00fcrger nicht mal dar\u00fcber abstimmen k\u00f6nnen, ob sie mit einem andern Staat (DDR) fusionieren wollen; und ein Plebiszit \u00fcber die Armee gibt\u2019s dort auch nicht. Aber bitte, dieser Wunsch hat Tradition, schon Gottfried Keller meinte, nur die deutsche Staatsform, damals monarchisch, hindere uns daran, in Deutschland aufzugehen, und unterdessen haben sie dort doch Demokratie. Aus der Welschschweiz k\u00f6nnte man dann etwa vier franz\u00f6sische D\u00e9partements machen und diese zur Region Burgund schlagen, mit Ausnahme des Juras; das Wallis, von Italien geschluckt (war schon zu Mussolinis Zeiten geplant) wie auch das Tessin und die italienischsprachigen B\u00fcndnert\u00e4ler: W\u00e4re dann exakt jene Aufteilung der territorialen Partikeln, die uns im faschistischen Europa gebl\u00fcht h\u00e4tte.<\/p>\n<p>Keine Raison d\u2019\u00eatre, wie der seltsame B\u00fcrgi im Spiegel meint? Hoppla! Allen Regionen geht es besser, wenn sie nach Bern ausgerichtet sind und nicht nach Berlin, Rom oder Paris. Alle w\u00fcrden zu Randgebieten degradiert, auch im EG-Europa, wo die Nationalstaaten keineswegs \u00fcber Nacht verdunsten (schon mal etwas von der Langlebigkeit des franz\u00f6sischen Zentralismus geh\u00f6rt?). Und, bei allem Entsetzen \u00fcber den gegenw\u00e4rtigen Zustand der Schweiz: Wir wurden in den vergangenen hundert Jahren nicht von einer Kanalratte angef\u00fchrt (1933\u201345) oder von einem pubertierenden Bl\u00e4hn\u00fcsterich, dem sogenannten Kaiser, und Koller ist weniger schlimm als Kohl und in unserem System wohl doch besser kontrollierbar (Small is beautiful). Im neuen, voraussichtlich von Grossdeutschland bzw. der Deutschen Bank dominierten Europa werden wir uns als Staat nur behaupten k\u00f6nnen, wenn die \u00fcberm\u00e4chtigen Deutschschweizer sich dem grossdeutschen Sog entziehen und sich endlich energisch der lateinischen Komponente im Lande zuwenden: so dass die Schweiz notfalls mit Frankreich, Italien und Spanien zusammen Front machen kann gegen den heraufziehenden teutonischen Wirtschaftsimperialismus. Das heisst: endlich Franz\u00f6sisch lernen in der Deutschschweiz (und Italienisch)! Das Tessin ben\u00fctzen wir vornehmlich als Unterlage f\u00fcr unsere Ferienh\u00e4user. Es gibt Z\u00fcrcher, die noch nie in Fribourg waren, aber eine Loft in New York besitzen. Kaum ein Deutschschweizer Schriftsteller, der ein passables Franz\u00f6sisch spr\u00e4che: F\u00fcr Interviews oder gar Debatten an Radio\/TV romande reicht\u2019s auf keinen Fall. Kaum ein Deutschschweizer Journalist, abgesehen von Marcel Schwander, der sich als Br\u00fcckenbauer verst\u00fcnde (die Welschen haben immerhin Fran\u00e7ois Gross und Jacques Pilet). Der letzte Schrei aus Manhattan, Frankfurt, Berlin oder Hamburg gellt immer sofort nach Z\u00fcrich; aber den Unterschied zwischen der waadtl\u00e4ndischen, neuenburgischen, genferischen, fribourgischen und jurassischen Befindlichkeit kennt hier fast niemand. Der Weg zu den Romands f\u00fchrt allerdings \u00fcber Paris, und weil Frankreich nicht mehr \u00abin\u00bb ist (als Bildungserlebnis), leben wir an den Welschen vorbei. Auch da hat der vielgepriesene Gottfried Keller vorgespurt: kam nie \u00fcber Murten hinaus, verabscheute Paris, ohne es zu kennen, maltr\u00e4tierte die franz\u00f6sische Sprache und trieb sich ausschliesslich im deutschsprachigen Ausland herum. Ein sch\u00f6ner National-Dichter!<\/p>\n<p><strong>Larmoyanter Onkel Muschg<\/strong><\/p>\n<p>Reizvoll, wenn die Deutschschweizer Intellektuellen, anstatt in der Roten Fabrik larmoyant den Untergang der Schweiz, wobei sie immer nur die Deutschschweiz meinen, zu beschnorren (Onkel Muschg: \u00abIch bin froh um diese Ratlosigkeit\u00bb), eventuell B\u00fccher schreiben w\u00fcrden, welche in der Welsch- wie in der Deutschschweiz zu heftigen Debatten f\u00fchren und so die Landesteile miteinander verklammern k\u00f6nnten (Tertium comparationis).<\/p>\n<p>H\u00f6chste Zeit, dass alle Studierenden mindestens zwei, besser noch vier Semester in der Welschschweiz absolvieren (die Welschen umgekehrt bei uns). Das kann man nicht erzwingen? O doch, ein offiziell polyglotter Staat muss das k\u00f6nnen: Den Schulzwang haben wir schliesslich auch akzeptiert. Warum immer an der langweiligen Z\u00fcrcher Uni herumh\u00e4ngen? Das kostet allerdings Geld (mehr Studienpl\u00e4tze, Stipendien). Die patriotischen Milliard\u00e4re, Schmidheiny und Blocher u.a.m., werden es gern lockermachen.<\/p>\n<p>Sch\u00f6n, wenn jede Berufslehre obligatorisch mindestens ein Welschlandjahr bedeuten w\u00fcrde (mit der Einrichtung der \u00abfilles au pair\u00bb, die in welschen Haushalten ausgebeutet werden, ist kein Staat zu machen). Und jeder Journalist, der in der Deutschschweiz fest angestellt werden m\u00f6chte, sollte einen l\u00e4ngeren Stage bei einer welschen \u2013 oder bei einer franz\u00f6sischen? \u2013 Zeitung absolviert haben m\u00fcssen.<\/p>\n<p><strong>Bundespr\u00e4sident vors Volk<\/strong><\/p>\n<p>Die Landesteile k\u00f6nnte man politisch miteinander verklammern, indem man, die Anregung von Nationalrat Bremi aufnehmend, der einen Bundespr\u00e4sidenten mit erweiterten Kompetenzen installieren m\u00f6chte, diesen Pr\u00e4sidenten gleich noch vom \u2013 horribile dictu! \u2013 Volk w\u00e4hlen liesse (vielleicht auf vier, keinesfalls auf sieben Jahre). So m\u00fcsste denn ein Politiker mit seinem Programm und seiner Pers\u00f6nlichkeit die Kampagne im alemannischen und welschen Landesteil f\u00fchren, \u00fcberall gleichm\u00e4ssig bekannt und akzeptiert werden und debattieren, bevor er gew\u00e4hlt wird, auf deutsch und franz\u00f6sisch; und dabei w\u00fcrden bestimmt die jetzt gebr\u00e4uchlichen schwachen Figuren aus dem Rennen fallen: die Deutschschweizer schon wegen ihres miserablen Franz\u00f6sisch.<\/p>\n<p>Das allerdings bedingt eine Verfassungs\u00e4nderung \u2013 ein sch\u00f6nes und seri\u00f6ses Geschenk, vom Jubil\u00e4umsjahr inspiriert.<\/p>\n<p>Erschienen am 10. Januar 1991<\/p>\n<p><strong>Niklaus Meienberg<\/strong> (1940\u20131993) schrieb im Mai 1968 von Paris aus f\u00fcr die Weltwoche und publizierte auch sp\u00e4ter immer wieder Texte in diesem Blatt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n\n<div class=\"twitter-share\"><a href=\"https:\/\/twitter.com\/intent\/tweet?via=zac1967\" class=\"twitter-share-button\" data-size=\"large\">Twittern<\/a><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zum 700. Geburtstag: Manifest wider die Bundesabschaffer und f\u00fcr ein lateinisches Landesbewusstsein. 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