{"id":495032,"date":"2021-06-10T15:11:31","date_gmt":"2021-06-10T13:11:31","guid":{"rendered":"https:\/\/www.zanetti.ch\/?p=495032"},"modified":"2021-06-10T15:17:08","modified_gmt":"2021-06-10T13:17:08","slug":"warum-politiker-nicht-zuhoeren","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.zanetti.ch\/?p=495032","title":{"rendered":"Warum Politiker nicht zuh\u00f6ren &#8211; von Barbara Tuchman"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"https:\/\/i0.wp.com\/www.zanetti.ch\/wp-content\/uploads\/2021\/06\/Tuchman.jpg?ssl=1\"><img data-recalc-dims=\"1\" loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-495034 alignleft\" src=\"https:\/\/i0.wp.com\/www.zanetti.ch\/wp-content\/uploads\/2021\/06\/Tuchman.jpg?resize=235%2C300&#038;ssl=1\" alt=\"\" width=\"235\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/i0.wp.com\/www.zanetti.ch\/wp-content\/uploads\/2021\/06\/Tuchman.jpg?resize=235%2C300&amp;ssl=1 235w, https:\/\/i0.wp.com\/www.zanetti.ch\/wp-content\/uploads\/2021\/06\/Tuchman.jpg?w=643&amp;ssl=1 643w\" sizes=\"auto, (max-width: 235px) 100vw, 235px\" \/><\/a>Ab einem bestimmten Punkt sind Politiker rationalen Argumenten nicht mehr zug\u00e4nglich. Dann interessiert sie nur noch, was sie in ihrer Haltung best\u00e4tigt. Die EU, der Euro, die Covid-Pandemie oder die &#8222;Energiewende&#8220; und der &#8222;Klimaschutz&#8220; liefern daf\u00fcr t\u00e4glich neue Beispiele. Warum dem so ist, untersuchte die grossartige Barbara Tuchman 1973 in einem Referat vor der Foreign Service Association (Quelle: Foreign Service Buletin. M\u00e4rz 1973, aus \u00abIn Geschichte Denken\u00bb, claassen Verlag GmbH, D\u00fcsseldorf 1982).<!--more--><\/p>\n<p>Wir sind hier zusammengekommen, um eine Gruppe von Beamten des ausw\u00e4rtigen Dienstes repr\u00e4sentiert durch John Service zu ehren, denen die Geschichte recht gegeben hat; und nicht nur die Geschichte, sondern, wenn nicht im Wort, so doch in der Tat, sogar die gegenw\u00e4rtige Regierung. In der Gruppe, die w\u00e4hrend des Zweiten Weltkrieges aus China berichtete, gibt es sicherlich keinen, der sich angesichts der Reise des amerikanischen Pr\u00e4sidenten in das kommunistische China im Jahre 1971 nicht einer geradezu schmerzhaften Ironie bewusst war. K\u00f6nnte irgendjemand, der sich an die Haltungen der Vergangenheit erinnert, jenes Bild von Pr\u00e4sident Nixon und dem Vorsitzenden Mao in grossen Sesseln, beide mit leicht schiefem L\u00e4cheln, das ihr beiderseitiges Unbehagen tapfer \u00fcberdecken sollte, ansehen und sich des \u00fcberw\u00e4ltigenden Gef\u00fchls erwehren, dass die Wahrheit in der Tat abenteuerlicher ist als alle Fiktion? Als ich jung war, ver\u00f6ffentlichte die Zeitschrift Vanity Fair eine Serie, die \u00abUnm\u00f6gliche Interviews\u00bb genannt wurde und in der Covarrubias, der k\u00fcnstlerische Karikaturist, Calvin Coolidge mit Greta Garbo und John D. Rockefeller senior mit Stalin zusammenbrachte. Die Begegnung in Peking \u00fcberbot Covarrubias<\/p>\n<p>Dennoch h\u00e4tte sie f\u00fcnfundzwanzig Jahre fr\u00fcher stattfinden und uns und Asien unermesslichen und bis zu einem gewissen Grade irreparablen Schaden ersparen k\u00f6nnen, wenn sich die amerikanische Politik nach den Informationen und Ratschl\u00e4gen des Stabs der Tschungking-Botschaft gerichtet h\u00e4tte, der damals als die bestinformierte Gruppe des ausw\u00e4rtigen Dienstes in China anerkannt war. Sie schloss den Botschafter Clarence Gauss, den Rechtskonsulenten George Atcheson, die beide gestorben sind, ein, und zu ihr z\u00e4hlten in den Reihen der Sekret\u00e4re und Konsuln, die \u00fcber ganz China verstreut stationiert waren, neben Jack Service solche M\u00e4nner wie John Paton Davies, Edward Rice, Arthur Ringwalt, Philip Sprouse, Edmund Clubb und der verstorbene John Carter Vincent. Einige von ihnen waren in China geboren, viele sprachen Chinesisch, und eine Reihe von ihnen ist gl\u00fccklicherweise heute unter uns.<\/p>\n<p>Sie hatten recht, und daf\u00fcr wurden viele von ihnen verfolgt, entlassen, in ihren Karrieren blockiert oder gest\u00f6rt, wobei der Schaden, der ihnen zugef\u00fcgt wurde, jeweils einen weit gr\u00f6sseren Schaden f\u00fcr den ausw\u00e4rtigen Dienst bedeutete. Kein Spektakel, hat Macauly gesagt, sei so l\u00e4cherlich wie die britische \u00d6ffentlichkeit in einem ihrer periodischen Anf\u00e4lle von Moralismus- und keines, so k\u00f6nnte man hinzuf\u00fcgen, ist gemeiner als die amerikanische \u00d6ffentlichkeit in einer ihrer periodischen Hexeniagden. Ihre Kollegen und Vorg\u00e4nger wurden gehetzt, weil F\u00e4higkeit und Ehrlichkeit in ihrem Beruf mit der Hysterie eines kalten Krieges kollidierte, dessen \u00c4usserungen von einem Mann manipuliert wurden, der prinzipienlos bis zur Abnormit\u00e4t war &#8211; wie der Mann ohne Schatten. Ich will diese Geschichte jetzt nicht aufw\u00e4rmen, so wichtig sie f\u00fcr Sie und jeden B\u00fcrger auch ist, denn ich m\u00f6chte zu einem Problem kommen, das vielleicht andauernder ist: Warum diesen M\u00e4nnern nicht zugeh\u00f6rt wurde, zumindest bevor die Verfolgungen einsetzten.<\/p>\n<p>Der Tenor ihrer Berichte war im ganzen genommen, dass Chiang Kai-shek auf dem Weg nach draussen war, w\u00e4hrend die Kommunisten ihren Auftritt vor sich hatten, und dass die amerikanische Politik, statt sich wie gel\u00e4hmt an den ersten zu h\u00e4ngen, gut beraten sei, diesen Trend zu ber\u00fccksichtigen. Diese Meinung sprach implizit aus den Berichten von Beamten, die keinen Kontakt mit den Kommunisten hatten, sich aber in der Erkenntnis einig waren, dass die Kuomintang eine verfallende Bewegung<\/p>\n<p>war. Sie wurde explizit dargelegt von den Beamten, die die Kommunisten aus eigener Ertahrung kannten, so von Service in seinen bemerkenswerten Berichten aus Yenan und von Ludden, der in das Innere des Landes reiste, um das Funktionieren der kommunistischen Verwaltung zu beobachten, sowie von Davies, der sein Ohr \u00fcberall hatte. Mit einer Stimme spricht aus ihren Berichten die \u00dcberzeugung, dass die Kommunisten die dynamische Partei im Lande waren; in Davies&#8216; Worten von 1944: \u00abDas Schicksal Chinas lag nicht in Chiangs H\u00e4nden, sondern in ihren.\u00bb Das war nicht Subversion, wie unsere Kommunistenj\u00e4ger behaupten sollten, sondern lediglich Beobachtung. Jede Regierung, die nicht mit offenen Augen in einen politischen Sumpf marschieren und ihr Land mit sich ziehen will, wird zu einem solchen Zeitpunkt ihre Optionen zu kl\u00e4ren versuchen. Dazu haben wir schliesslich die Beamten des Ausw\u00e4rtigen Dienstes: die Politikmacher \u00fcber die tats\u00e4chlichen Bedingungen, auf die sich ein realistisches Programm st\u00fctzt, aufzukl\u00e4ren. Die qu\u00e4lende Frage ist: Warum werden ihre Berichte ignoriert, warum besteht eine L\u00fccke zwischen den Beobachtern im Feld und den Politikmachern in der Hauptstadt? Ich kann nicht behaupten, aus Erfahrung zu sprechen, aber ich m\u00f6chte als kritische Aussenseiterin ein paar Antworten anbieten.<\/p>\n<p>Zun\u00e4chst einmal wird Politik durch vorgefasste Meinungen, durch tiefverwurzelte Vorurteile bestimmt. Wenn die Information die Politikmacher erreicht, dann reagieren sie in den Begriffen, die sich bereite ihren K\u00f6pfen festgesetzt haben, und machen demzufolge eine Politik, die sich weniger an den Fakten orientiert als an den Ideen und Absichten, die aus dem geistigen Gep\u00e4ck geformt sind, das sich in ihren K\u00f6pfen seit ihrer Kindheit angesammelt hat. Als Pr\u00e4sident McKinley entscheiden musste, ob er 1898 die Philippinen annektieren sollte oder nicht, kniete er nach seinem eigenen Bericht gegen Mitternacht nieder und \u00abbetete zum Allm\u00e4chtigen Gott um Erleuchtung und Anleitung\u00bb. Er wurde angeleitet zu beschliessen, dass \u00abuns nichts anderes bliebe, als sie alle zu \u00fcbernehmen und die Filipinos zu erziehen, zu erheben und zivilisieren und sie zu christianisieren und mit Gottes Gnade unser Bestes f\u00fcr sie als unsere Mitmenschen, f\u00fcr die Christus starb, zu geben\u00bb.<\/p>\n<p>In Wirklichkeit lieferte die \u00abManifest Destiny\u00bb-Denkschule den Hauptimpuls f\u00fcr die Entscheidung, da sie die Philippinen als Sprungbrett f\u00fcr die Expansion \u00fcber den Pazifik hinweg ansah, aber das geistige Gep\u00e4ck eines Pr\u00e4sidenten in den 1890ern zwang ihn, in den Begriffen des Allm\u00e4chtigen Gottes und des \u00abWhite Man&#8217;s Burden\u00bb zu handeln, genau wie die geistige Fixierung seiner Nachfolger in unserer Zeit sie gezwungen hat, in den Begriffen des Antikommunismus zu reagieren. Genauere Beobachter als der Allm\u00e4chtige Gott h\u00e4tten McKinley sagen k\u00f6nnen, dass die Filipinos nicht scharf darauf waren, bekehrt oder auch zivilisiert zu werden oder die spanische Herrschaft gegen die amerikanische einzutauschen, sondern dass sie die Unabh\u00e4ngigkeit wollten. Da wir das \u00fcbersahen, fanden wir uns bald in einem keineswegs zivilisierenden, sondern grausamen und blutigen Repressionskrieg wieder &#8211; sehr zu unserer Verlegenheit. Wenn man das Wesen der gegnerischen Partei nicht in seine \u00dcberlegungen einbezieht, hat das oft sehr unangenehme Folgen.<\/p>\n<p>Dasselbe Versagen traf Pr\u00e4sident Wilson schwer. Seine Fixierung war der McKinleys entgegengesetzt: Er favorisierte eine fortschrittliche Politik, Reformen und die \u00bbNew Freedome-Bewegung. Als der reaktion\u00e4re General Huerta durch einen Staatsstreich 1913 in Mexiko an die Macht kam, war Wilson von der Idee besessen, dass es seine Pflicht sei, das mexikanische Volk von diesem unrechtm\u00e4ssigen Machthaber zu befreien, auf dass Mexiko mit der freien Zustimmung der Regierten regiert werden m\u00f6ge. \u00bbMeine Leidenschaft gilt jenen unsichtbaren 85 Prozent, die um ihre Freiheit k\u00e4mpfen\u00ab, sagte er, aber die Realit\u00e4t sah eher so aus, dass die unsichtbaren 85 Prozent in ihren H\u00fctten sassen und gar nicht in der Lage waren, einen Unterschied zwischen Huerta und seinem Rivalen Caranza zu erkennen. Wilson sandte indessen die Marines nach Mexiko, um Veracruz zu erobern, eine Einmischung, die nicht nur amerikanische Leben kostete, sondern auch das Durcheinander in Mexiko vertiefte und die Vereinigten Staaten in eine weitere Intervention hineinzog, die sich zwei Jahre sp\u00e4ter gegen einen Mann des Volkes, Pancho Villa, richtete. Politische Leidenschaft ist eine gute Sache, aber es ist besser, wenn sie eine aufgekl\u00e4rte Leidenschaft ist.<\/p>\n<p>Auch Roosevelt neigte zum Progressivismus. George Kennan hat berichtet, dass der Pr\u00e4sident, als der Stab der Botschaft in Moskau von den stalinistischen S\u00e4uberungen der 1930er berichtete und eine Tyrannei enth\u00fcllte, die so schrecklich war wie die der Zaren, die Berichte als das Produkt einer in seinen Augen typischen Mentalit\u00e4t des steifen ausw\u00e4rtigen Dienstes zuschrieb. Es war nicht nur unbequem, sondern verst\u00f6rend, zu der Zeit Berichte anerkennen zu m\u00fcssen, die eine \u00c4nderung der Haltung der Sowjetunion gegen\u00fcber implizierten. (Aussenpolitik gehorcht Newtons Tr\u00e4gheitsgesetz: Sie f\u00e4hrt tort, das zu tun, was sie tut, wenn nicht eine unwiderstehliche Kraft auf sie einwirkt.) Da er sich von diesen Enth\u00fcllungen nicht beunruhigen lassen wollte, die ihm seine eigene Tendenz als tendenzi\u00f6s enth\u00fcllt h\u00e4tte, schloss Roosevelt die russische Abteilung des Ausw\u00e4rtigen Dienstes, l\u00f6ste ihre Bibliothek auf und zwang ihren Chef zum R\u00fccktritt. Dieser Wunsch, sich vor unangenehmen Wahrheiten zu bewahren \u2013 \u00abverwirr mich nicht mit Fakten!\u00bb -, ist nur allzu menschlich und unter Staatschefs weit verbreitet. Wurde nicht der \u00dcberbringer schlechter Nachrichten von antiken K\u00f6nigen oft hingerichtet? Chiang Kai-sheks rachs\u00fcchtige Reaktion auf unangenehme Neuigkeiten war h\u00e4ufig so ausgepr\u00e4gt, dass seine Minister allm\u00e4hlich darauf verzichteten, ihm \u00fcberhaupt welche zu unterbreiten. Infolgedessen lebte er in einer Phantasiewelt.<\/p>\n<p>Berichte m\u00fcssen durch eine ganze Reihe abschirmender psychologischer Faktoren auf Seiten des Empf\u00e4ngers hindurch: Temperament, privater Ehrgeiz, die Furcht vor dem Versagen oder das Gef\u00fchl des Herrschers, dass seine M\u00e4nnlichkeit auf dem Spiele steht. (Dies ist ein m\u00e4nnliches Problem, das gl\u00fccklicherweise Frauen nicht ber\u00fchrt was vielleicht daf\u00fcr spricht, Frauen in hohe \u00c4mter zu w\u00e4hlen. Welche Minderwertigkeitskomplexe auch immer an einer Frau nagen m\u00f6gen, sie zwingen sie nicht, Kompensation darin zu suchen, dass sie H\u00e4rte zeigt. Man mag den Namen Golda Meir als Gegenargument nennen, aber man hat doch den Eindruck, dass ihre H\u00e4rte eher nat\u00fcrlich als neurotisch ist und sie wird von ihr auch durch die Umst\u00e4nde gefordert.)<\/p>\n<p>Der Beweis seiner M\u00e4nnlichkeit war, so glaube ich, ein Faktor, der Pr\u00e4sident Nasser von \u00c4gypten dazu trieb, den Krieg mit Israel 1967 auszul\u00f6sen. Er wollte nicht der Schw\u00e4che geziehen werden, noch wollte er weniger militant als die Syrer erscheinen. Man sp\u00fcrt ihn als Faktor in den Pers\u00f6nlichkeiten von Johnson und Nixon, was den R\u00fcckzug aus Vietnam betrifft; in beiden gab es den schrecklichen Zweifel: \u00abWerde ich weich erscheinen?\u00bb Auch in Kennedy waren diese \u00c4ngste deutlich zu erkennen; andererseits scheinen sie Eisenhower, Truman oder Roosevelt nicht ber\u00fchrt zu haben.<\/p>\n<p>Ein klassischer Fall eines Mannes, dessen Temperament sich \u00fcber alle Evidenz hinwegsetzt, wird von John Davies in seinem vor kurzem ver\u00f6ffentlichten Buch Dragon by the Tail (Den Drachen am Schwanz) dargestellt. Stalins gr\u00f6sster Irrtum, so sagt er, war es, den chinesischen Kommunismus zu untersch\u00e4tzen. \u00abEr liess sich von seinem eigenen Zynismus betr\u00fcgen. Er glaubte nicht, dass Mao es schaffen k\u00f6nnte, da er, was erstaunlich genug ist, zu wenig Glaube in die Kraft eines Volkskrieges setzte.\u00bb<\/p>\n<p>Von allen Hindernissen, die Berichte vom Ort der Handlung \u00fcberwinden m\u00fcssen, ist das h\u00f6chste die Weigerung der Politikmacher zu glauben, was sie nicht glauben wollen. Alle deutlichen Hinweise auf die Stosskraft des deutschen rechten Fl\u00fcgels im Ersten Weltkrieg, die der Generalstab der franz\u00f6sischen Armee in den Jahren unmittelbar vor 1914 in die H\u00e4nde bekam, darunter authentische Dokumente, die ihm von einem deutschen Offizier verkauft worden waren, konnte die Gener\u00e4le des Generalstabs nicht von ihrem verh\u00e4ngnisvollen Plan abbringen, das Zentrum der deutschen Armeen anzugreifen oder sie dazu bringen, auf ihrer eigenen Linken die Verteidigungsanstrengungen zu erh\u00f6hen. Als 1941 der Doppelagent Richard Sorge in Tokio die genauen Daten der bevorstehenden deutschen Invasion nach Moskau telegrafierte, wurden seine Warnungen ignoriert, weil die grosse Furcht der Russen vor diesem Geschehen sie dazu verf\u00fchrte, die Nachricht nicht zu glauben. Sie wurde unter \u00abzweifelhafte und irref\u00fchrende Information\u00bb abgelegt.<\/p>\n<p>Dasselbe Prinzip beherrschte Washingtons Reaktion auf die Berichte aus China in den 1940ern. Gleichg\u00fcltig, wie viele Hinweise darauf, dass der Zusammenbruch der Kuomintang nur eine Frage der Zeit sei, nach Washington vermittelt wurden- nichts konnte die Regierung veranlassen, die Bande, die uns an Chiang Kai-shek fesselten, zu l\u00f6sen. Nichts schreckte die Politikmacher aus ihrem \u00abtr\u00e4gen, kurzsichtigen Zweckdenken\u00bb auf, wie John Service das damals nannte.<\/p>\n<p>Ein anderes Hindernis auf dem Weg des Realismus sind nationale Mythen. Der amerikanische Instinkt f\u00fcr aktives Handeln, der \u00abMacher\u00bb-Mythos, hat uns in ein \u00dcbel gef\u00fchrt, das unn\u00f6tig war, und Amerikas Ehre unwiderruflich befleckt. Stewart Alsop hat einmal in der New York Times Book Review das interessante Argument vorgebracht, dass amerikanische Pr\u00e4sidenten seit Roosevelt das Aussenministerium abgelehnt und sich stark auf das Milit\u00e4r gest\u00fctzt h\u00e4tten, weil die Milit\u00e4rs dazu neigten, sich als unkomplizierte, entschlossene Probleml\u00f6ser darzustellen, w\u00e4hrend hohe Beamte des ausw\u00e4rtigen Dienstes eher \u00abskeptische Denker\u00bb seien, die die Schwierigkeiten einer Situation betonten. Und besorgte, unsichere Pr\u00e4sidenten werden immer eine positive einer negativen Beratung vorziehen. Es wird Ihnen vielleicht auffallen, dass die zunehmende Bedeutung milit\u00e4rischer Beratung mit der \u00c4ra der Luftwaffe zusammenf\u00e4llt und viel mit der, wie ich glaube, enormen Attraktivit\u00e4t der einfachen L\u00f6sung zu tun hat der Idee, das ein schreckliches Problem durch einen Machtspruch aus der Luft gel\u00f6st werden k\u00f6nnte, ohne Kontakt und ohne sich in lange, schmutzige Auseinandersetzungen auf dem Boden einzulassen. Der Einfluss der Luftherrschaft auf die Aussenpolitik w\u00e4re eine Analyse wert.<\/p>\n<p>Der Aktivismus der Impuls, tatkr\u00e4ftig eine schwierige Lage zu meistern, besseres Land zu suchen, zu einer neuen Grenze vorzustossen \u2013 war eine grosse Kraft, die grosse Kraft, in unserer Geschichte, und sie brachte unter engen kontrollierbaren Bedingungen positive Ergebnisse hervor. Ohne \u00f6rtliche Gegebenheiten zu beachten, ohne auf die Motivation der Beteiligten einzugehen und in Blindheit gegen die Lehren von Di\u00ebn Bi\u00ebn Phu f\u00fchlt die amerikanische Politik sich zum Handeln gezwungen auch da, wo sie sich besser heraushielte. Es w\u00e4re gut, wenn wir es lernen k\u00f6nnten, den Dingen gelegentlich nach den in ihnen liegenden Gesetzm\u00e4ssigkeiten ihren Laut zu lassen.<\/p>\n<p>Der kostspieligste Mythos unserer Zeit ist der Mythos vom Monolithentum des Kommunismus gewesen. Wir entdecken jetzt zufrieden, wenn auch versp\u00e4tet, dass die angebliche sino-sowjetische Einheit sich als ein bitterer Antagonismus zweier Rivalen entpuppt, die einander in Hass, Furcht und Misstrauen gegen\u00fcberstehen. Unsere urspr\u00fcngliche Einsch\u00e4tzung hatte nie viel mit den Fakten zu tun, sondern war eher eine Spiegelung von \u00c4ngsten und Vorurteilen. Konditionierte Reflexe dieser Art sind nicht die besten Ratgeber einer zweckm\u00e4ssigen Aussenpolitik, die ich definieren w\u00fcrde als die Aufrechterhaltung von Beziehungen und die Aus\u00fcbung von Einfluss im wohlverstandenen Dienst eines aufgekl\u00e4rten Selbstinteresses.<\/p>\n<p>Es bleibt die Frage, was man tun kann, um die L\u00fccke zwischen Informationen aus erster Hand und den politischen Entscheidungstr\u00e4gern zu schliessen? Zun\u00e4chst bleibt es eine wesentliche Aufgabe, die Integrit\u00e4t der Berichte des ausw\u00e4rtigen Dienstes aufrechtzuerhalten, nicht nur in der Hoffnung, dass mehr durchdringen m\u00f6ge zu den Entscheidungsinstanzen, sondern auch, um eine Basis f\u00fcr eine politische Wende zu schaffen, falls die Forderung danach unabweisbar wird. Zweitens m\u00fcsste irgendein Mittel gefunden werden, durch das sich vorgefasste Meinungen und emotionale Fixierungen in regelm\u00e4ssigen Abst\u00e4nden der Evidenz auszusetzen h\u00e4tten. Vielleicht ist eine gesetzliche Regelung denkbar, die die<\/p>\n<p>Regierung institutionell zu bestimmten Denkpausen zwingt. Ihr Sinn w\u00e4re, die Regierung zu veranlassen, die Weisheit eines akzeptierten politischen Kurses zu \u00fcberdenken und unter Umst\u00e4nden ein Engagement \u2013 auch unter Verlusten \u2013 zu beenden.<\/p>\n<p>Auf diesem etwas umst\u00e4ndlichen Weg komme ich auf John Service zur\u00fcck, der im Zentrum unseres Gespr\u00e4chs hier steht.<\/p>\n<p>Mr. Service wurde in China in der Provinz Szetschuan geboren. Er war der Sohn von Missionaren, die f\u00fcr den CVJM arbeiteten. Er verbrachte seine Jugend in China, bis er in die Vereinigten Staaten zur\u00fcckkehrte, um am Oberlin College zu studieren. 1932 machte er sein Examen. Er heiratete eine Kommilitonin, und jeder, der Caroline Service kennt, wird diese Ehe als ein fr\u00fches Beispiel von Johns gutem Urteilsverm\u00f6gen anerkennen. Nachdem er das Examen f\u00fcr den Eintritt in den ausw\u00e4rtigen Dienst abgelegt hatte, kehrte er nach China zur\u00fcck, da er w\u00e4hrend der Depression keine Einstellung in den USA fand, und begann, als B\u00fcroangestellter in Kunming zu arbeiten. 1935 wurde er als Beamter des ausw\u00e4rtigen Dienstes eingestellt, arbeitete zun\u00e4chst in Peking und Shanghai und schloss sich 1941 der Botschaft in Tschungking an. W\u00e4hrend der Kriegsjahre diente er fast die H\u00e4lfte der Zeit im Lande, sah die politische Lage realistisch und unbeeinflusst von den ansteckenden Illusionen der Hauptstadt. Seine M\u00f6glichkeit, die Realit\u00e4ten in China zu studieren, kamen an einen Gipfelpunkt, nachdem er Stilwells Stab zugeordnet worden war und als politischer Beamter der American Military Observers Mission in Yenan diente. Dies war der erste offizielle amerikanische Kontakt mit den Kommunisten. Seine vielen Gespr\u00e4che mit Mao, Chou En-lai, Chu Te, Lin Piao und anderen F\u00fchrern der Kommunisten, festgehalten in lebhaften, fast w\u00f6rtlichen Berichten und mit klugen Kommentaren angereichert, sind eine historische Quelle von erstrangiger und einzigartiger Bedeutung. Ebenso eindrucksvoll sind Dokumente, die Services leidenschaftlichen Versuch belegen, die Politikmacher in Washington zu \u00fcberreden und zu \u00fcberzeugen. Zum Beispiel der Kurzbericht, den er f\u00fcr den Vizepr\u00e4sidenten Wallace im Juni 1944 schrieb und das ber\u00fchmte Gruppentelegramm an das Aussenministerium, das Services Handschrift trug \u2013 ein verzweifelter Versuch des Botschaftsstabes, Hurleys Politik aufzuhalten, die in ihrer bedingungslosen Bindung an das Schicksal Chiang Kai-sheks dem Untergang zutrieb. Wenn darin Leidenschaft enthaltet war, so war es zumindest aufgekl\u00e4rte Leidenschaft.<\/p>\n<p>Nach der Festnahme im Verlauf der \u00abAmerasia-Aff\u00e4re\u00bb von 1945 wurde Service entlastet und freigesprochen, 1948 auch bef\u00f6rdert \u2013 nur um aufgrund der alten Vorw\u00fcrfe 1949 wieder angeklagt zu werden, als der kommunistische Sieg in China in Amerika eine nationale Hysterie ausl\u00f6ste und dem Senator McCarthy in seltsamer Allianz mit der China-Lobby die Aufsicht \u00fcber die amerikanische Seele anvertraut wurde. Wenn Chiang Kai-shek weiterhin die amerikanische Unterst\u00fctzung geniessen sollte, so war es absolut notwendig, dass der \u00abVerlust\u00bb von China nicht als Ergebnis einer falschen China-Politik erschien, sondern als das Werk einiger Subversiver, die von aussen auf dieses Ziel hingearbeitet hatten. Dieses Gespenst einer Verschw\u00f6rung f\u00fcgte sich nahtlos den Bed\u00fcrfnissen bestimmter Kreise in Amerika. Zusammen mit anderen hatte Service unter den Folgen zu leiden. Trotz einer ganzen Reihe von Freispr\u00fcchen verfolgten ihn Zweifel an seiner Loyalit\u00e4t, und Dean Acheson entliess ihn 1951 aus dem ausw\u00e4rtigen Dienst. Davies und Vincent wurden wenig sp\u00e4ter von Dulles ebenfalls ihrer \u00c4mter enthoben. Sechs Jahre lang k\u00e4mpfte Service in den Gerichtsh\u00f6fen um eine Wiederaufnahme seines Prozesses und erreichte 1957 vor dem Obersten Gerichtshof der Vereinigten Staaten einen einstimmigen Urteilsspruch zu seinen Gunsten. Er trat wieder in den ausw\u00e4rtigen Dienst ein, bekam aber keine Aufgabe zugewiesen, in der er sein Wissen um und seine Erfahrung in China h\u00e4tte einsetzen k\u00f6nnen. Als deutlich wurde, dass auch die Kennedy-Regierung ihm keine geeignetere Aufgabe anvertrauen w\u00fcrde, trat Service 1962 zu r\u00fcck und arbeitete seit dieser Zeit am Zentrum f\u00fcr China-Studien der Universit\u00e4t von Kalifornien in Berkeley.<\/p>\n<p>Es ist ein f\u00fcr die Geschichte und f\u00fcr den Ruf des ausw\u00e4rtigen Dienstes gl\u00fccklicher Umstand, dass die Berichte von Service und von seinen Kollegen aus China nun vorliegen und von jedem eingesehen werden k\u00f6nnen \u2013 in den ver\u00f6ffentlichten B\u00e4nden der U.S. Foreign Relations, China Series. Vor dem unbestechlichen Urteilsspruch der Geschichte erweisen sie sich als wahr und richtig.<\/p>\n\n<div class=\"twitter-share\"><a href=\"https:\/\/twitter.com\/intent\/tweet?via=zac1967\" class=\"twitter-share-button\" data-size=\"large\">Twittern<\/a><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ab einem bestimmten Punkt sind Politiker rationalen Argumenten nicht mehr zug\u00e4nglich. Dann interessiert sie nur noch, was sie in ihrer Haltung best\u00e4tigt. Die EU, der Euro, die Covid-Pandemie oder die &#8222;Energiewende&#8220; und der &#8222;Klimaschutz&#8220; liefern daf\u00fcr t\u00e4glich neue Beispiele. Warum dem so ist, untersuchte die grossartige Barbara Tuchman 1973 in einem Referat vor der Foreign &hellip; <a href=\"https:\/\/www.zanetti.ch\/?p=495032\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">Warum Politiker nicht zuh\u00f6ren &#8211; von Barbara Tuchman<\/span> weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_exactmetrics_skip_tracking":false,"_exactmetrics_sitenote_active":false,"_exactmetrics_sitenote_note":"","_exactmetrics_sitenote_category":0,"jetpack_post_was_ever_published":false,"_jetpack_newsletter_access":"","_jetpack_dont_email_post_to_subs":false,"_jetpack_newsletter_tier_id":0,"_jetpack_memberships_contains_paywalled_content":false,"_jetpack_memberships_contains_paid_content":false,"footnotes":"","jetpack_publicize_message":"","jetpack_publicize_feature_enabled":true,"jetpack_social_post_already_shared":true,"jetpack_social_options":{"image_generator_settings":{"template":"highway","default_image_id":0,"font":"","enabled":false},"version":2}},"categories":[1],"tags":[],"class_list":["post-495032","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein"],"jetpack_publicize_connections":[],"jetpack_featured_media_url":"","jetpack_sharing_enabled":true,"jetpack_shortlink":"https:\/\/wp.me\/p6ORi5-24Mo","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.zanetti.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/495032","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.zanetti.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.zanetti.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.zanetti.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.zanetti.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=495032"}],"version-history":[{"count":5,"href":"https:\/\/www.zanetti.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/495032\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":495038,"href":"https:\/\/www.zanetti.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/495032\/revisions\/495038"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.zanetti.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=495032"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.zanetti.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=495032"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.zanetti.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=495032"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}