{"id":615,"date":"2013-02-04T09:55:10","date_gmt":"2013-02-04T08:55:10","guid":{"rendered":"http:\/\/www.zanetti.ch\/?p=302"},"modified":"2013-02-04T09:55:10","modified_gmt":"2013-02-04T08:55:10","slug":"kritisch-und-boshaft-sind-zweierlei-von-ta-online-als-carte-blanche-bestellt-und-dann-zensiert-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.zanetti.ch\/?p=615","title":{"rendered":"Kritisch und boshaft sind zweierlei (von TA-Online als \u201ccarte blanche\u201d bestellt und dann zensiert)"},"content":{"rendered":"<p>Die Grunds\u00e4tze und Richtlinien des schweizerischen Presserats k\u00f6nnten hehrer kaum sein. Da heisst es schon in Artikel 1: Journalisten \u201ehalten sich an die Wahrheit ohne R\u00fccksicht auf die sich daraus f\u00fcr sie ergebenden Folgen und lassen sich vom Recht der \u00d6ffentlichkeit leiten, die Wahrheit zu erfahren.\u201c Anhand einiger Beispiele aus j\u00fcngerer Zeit l\u00e4sst sich leicht darlegen, dass es viele Journalisten mit dieser Wahrheitspflicht nicht sehr genau nehmen. Vielmehr wird deutlich, dass viele eigentlich lieber Politiker w\u00e4ren. Das ist erstaunlich, vor allem bei solchen, die dem Schreibenden regelm\u00e4ssig vorwerfen, er sei ein M\u00f6chtegern-Journalist.<\/p>\n<p>Nehmen wir Herrn St\u00e4dler vom Tages-Anzeiger, der sich von einem Ehepaar in einem klassischen Mobbing-Fall gegen Christoph M\u00f6rgeli instrumentalisieren liess. Er musste von Anfang an haargenau wissen, in welcher Absicht ihm vertrauliche Informationen zugespielt wurden. Und dieser Mann fordert nun Transparenz? Niemand k\u00f6nnte sie schneller schaffen als er. Aber es geht um einen verhassten SVP-Nationalrat, und da gelten die Regeln der Fairness nicht.<\/p>\n<p>Viele Journalisten halten sich f\u00fcr kritisch, dabei sind sie bloss boshaft. Ein besonders pr\u00e4chtiges Exemplar dieser Sorte, Christof Moser vom \u201eSonntag\u201c, unterstelle mir k\u00fcrzlich, ich w\u00fcrde den wahnsinnigen Sch\u00fctzen von Biel, Peter Hans Kneub\u00fchl, gut finden und den Schusswaffengebrauch gegen Polizisten im Dienst als legitimen Widerstand gegen die Staatsgewalt billigen. W\u00e4re es dem Journalisten um die Wahrheit gegangen, h\u00e4tte er sich von der Absurdit\u00e4t seiner These leicht \u00fcberzeugen k\u00f6nnen. Ein Blick auf meine Website oder R\u00fcckfragen bei Menschen, die mich kennen, h\u00e4tten gen\u00fcgt. Offenbar war eine andere Story geplatzt, und so konstruierte er rasch vor Redaktionsschluss eine neue, von der er sich einen Schlag gegen einen SVP-Politiker erhoffte. So etwas hat mit kritischem Journalismus nichts zu tun. Eine solche Person geh\u00f6rt nicht in eine seri\u00f6se Redaktion; ebenso wenig der Chefredaktor, Patrik M\u00fcller, der solches Treiben zul\u00e4sst.<\/p>\n<p>Einschr\u00e4nkend zu den oben erw\u00e4hnten Richtlinien m\u00fcsste man vielleicht besser sagen, die \u00d6ffentlichkeit habe ein Recht, nicht belogen zu werden. Es ist n\u00e4mlich nicht Pflicht von Journalisten, die \u00f6ffentliche Neugier zu befriedigen. Jene des \u00f6ffentlichen Interesses reicht v\u00f6llig. Ein grosses Problem mit dieser Unterscheidung bekundet Francesco Benini von der NZZ am Sonntag, der es nicht fassen kann, dass ein Schwiegersohn in einer eidgen\u00f6ssischen Vorlage eine andere Meinung hat als sein Schwiegervater. Und ich war dabei, als er fragte, was denn eigentlich die Frau Gemahlin dazu meine. Wie muss ein Hirn beschaffen sein, dem der Gedanke, eine erwachsene Frau k\u00f6nne sich 2013 ohne Vater und Ehemann eine eigene Meinung bilden, frivol erscheint? Und seit wann liegt es im \u00f6ffentlichen Interesse, zu erfahren, was eine B\u00fcrgerin in einer geheimen Abstimmung auf ihren Stimmzettel schreibt? Auch hier interessiert der Sachverhalt nur sehr am Rande. Nur um Zwietracht zu s\u00e4en, kramte der betreffende Redaktor uralte Geschichten aus der Mottenkiste. Das ist N\u00e4hrboden f\u00fcr seine \u201eArbeit\u201c. Und schliesslich ist n\u00e4chste Woche wieder Sonntag.<\/p>\n<p>Kritisches Denken ist eine Geisteshaltung. Nach Karl Popper zeichnet sich diese dadurch aus, dass sie Wahrheiten nur als vorl\u00e4ufig anerkennt, und darum stets hinterfragt, was gewiss zu sein scheint. Diesen kritischen Rationalismus zu pflegen, w\u00e4re vornehmste Aufgabe der Journalisten. Doch leider huldigen viele von ihnen \u2013 aus rein politischen Gr\u00fcnden \u2013 lieber den M\u00e4chtigen der Landesregierung, anstatt diese intellektuell herauszufordern.<\/p>\n<p>Warum kann der Bundesrat handstreichartig den Atomausstieg beschliessen, ohne daf\u00fcr ein schl\u00fcssiges Konzept vorlegen zu m\u00fcssen? Warum konfrontiert niemand die Regierung mit der lapidaren Feststellung, dass das Bankgeheimnis im Interesse des Kunden und nicht der Bank liegt? Warum muss keiner erkl\u00e4ren, warum die direkte Demokratie pl\u00f6tzlich eine Schw\u00e4che und keine St\u00e4rke unseres Landes mehr sein soll? Fragen gibt es genug. Doch damit wir \u00fcber die Antworten diskutieren und streiten k\u00f6nnen, m\u00fcssen sie erst gestellt werden.<\/p>\n<p>Die geistige Tr\u00e4gheit des medialen Mainstreams hat ein erschreckendes Ausmass angenommen. Obwohl die Richtlinien, die sie sich selber gegeben haben, dazu verpflichten, f\u00fcr die Medienfreiheit zu k\u00e4mpfen, r\u00fchrte niemand einen Finger als die EU-Kommission letzte Woche bekannt gab, sie plane eine gross angelegte Intervention in den freien Wettbewerb von Medien und Meinungen \u2013 zur Wahrung europ\u00e4ischer Werte. Die politische Absicht verdr\u00e4ngt hier das kritische Denken.<\/p>\n<p><em>Wer von diesen Ausf\u00fchrungen ausgenommen ist, weiss das. Und wenn sich ein paar Journalisten dennoch zu Unrecht betroffen f\u00fchlen sollten, ist das auch nicht weiter schlimm.<\/em><\/p>\n\n<div class=\"twitter-share\"><a href=\"https:\/\/twitter.com\/intent\/tweet?via=zac1967\" class=\"twitter-share-button\" data-size=\"large\">Twittern<\/a><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Grunds\u00e4tze und Richtlinien des schweizerischen Presserats k\u00f6nnten hehrer kaum sein. 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