{"id":702,"date":"2015-10-08T11:18:22","date_gmt":"2015-10-08T09:18:22","guid":{"rendered":"http:\/\/www.zanetti.ch\/?p=702"},"modified":"2023-01-06T16:44:59","modified_gmt":"2023-01-06T15:44:59","slug":"marignano-markus-somm-ueber-den-sonderfall-der-die-schweiz-im-innersten-zusammenhaelt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.zanetti.ch\/?p=702","title":{"rendered":"Marignano &#8211; Markus Somm \u00fcber den Sonderfall, der die Schweiz im Innersten zusammenh\u00e4lt"},"content":{"rendered":"<p>Obwohl es die NZZ vergeigte, Markus Somm zu ihrem Chefredaktor zu machen, musste sie bei der Besprechung seines neuen Buches <a href=\"http:\/\/www.staempflishop.com\/detail\/ISBN-9783727214417\/Somm-Markus\/Marignano?CSPCHD=000001000000117kv8q3sM0000OyNLKsnbCY1Kw$Z8ZJsXVw--#.VhYmuys3l2A\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">\u201eMarignano &#8211; Die Geschichte einer Niederlage\u201c<\/a> einr\u00e4umen: \u201eDer Mann kann schreiben\u201c. Das kann er in der Tat. Somm hat sich mit seinem j\u00fcngsten Werk in die Liga von Barbara Tuchman geschrieben.<\/p>\n<p><!--more-->Wie die amerikanische Journalistin und Historikerin versteht er es meisterhaft, historische Abl\u00e4ufe und Ereignisse spannend beschreiben \u2013 und mit der Gegenwart in Bezug zu setzen. Und h\u00e4tte Tuchman ihrem modernen Klassiker \u00fcber das bewegte 14. Jahrhundert nicht bereits den Namen <a href=\"http:\/\/www.books.ch\/shop\/home\/rubrikartikel\/ID20932036.html?ProvID=10917751\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">\u201eDer ferne Spiegel\u201c<\/a> gegeben, er w\u00fcrde auch perfekt zu Somms neustem Werk passen. Auch er h\u00e4lt uns einen Spiegel entgegen. Wenn er beispielsweise beschreibt, wie die \u00fcberaus m\u00e4chtige und reiche Republik Venedig die Eidgenossenschaft mit Komplimenten \u00fcberh\u00e4uft und es \u2013 rhetorisch \u2013 als Partner auf gleicher Augenh\u00f6he betrachtete, so tut er dies mit Verweis auf die USA, die viele Jahrhunderte sp\u00e4ter, wenn sie etwas erreichen wollten, die kleine Schweiz gerne als \u201eSchwesterrepublik\u201c bezeichneten. H\u00e4ufig hatten zeigten solche Schmeicheleien die gew\u00fcnschte Wirkung.<\/p>\n<p>Genau solche Bez\u00fcge zur Gegenwart st\u00f6ren nat\u00fcrlich all jene, die sich bereits 1998 weigerten, den 350. Jahrestag des Westf\u00e4lischen Friedens zu feiern, weil das Feiern der v\u00f6lkerrechtlichen(!) Anerkennung der schweizerischen Unabh\u00e4ngigkeit vom Heiligen r\u00f6mischen Reich deutscher Nation dem Streben nach der EU-Mitgliedschaft zuwiderl\u00e4uft. Anl\u00e4sslich der Feier zum 500. Jahrestag der Schlacht von Marignano warnte Bundespr\u00e4sidentin Simonetta Sommaruga davor, die Vergangenheit f\u00fcr Zwecke der Gegenwart zurecht zu biegen. Ansonsten w\u00fcrden die falschen Lehren f\u00fcr die Zukunft gezogen. Was k\u00f6nnten solche Lehren sein? Die Erkenntnis, dass Neutralit\u00e4t ein Konzept der Friedenspolitik ist? Dass die Schweiz eben doch ein Sonderfall ist? Dass die Unabh\u00e4ngigkeit der Schweiz nicht vom Himmel gefallen ist?<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/i0.wp.com\/www.zanetti.ch\/wp-content\/uploads\/2015\/10\/Denkmal_Zivido2.jpg\"><img data-recalc-dims=\"1\" loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\" wp-image-706\" src=\"https:\/\/i0.wp.com\/www.zanetti.ch\/wp-content\/uploads\/2015\/10\/Denkmal_Zivido2-300x200.jpg?resize=474%2C316\" alt=\"Marignano als Beginn der schweizerischen Neutralit\u00e4tspolitik: Ex Clade Salus (\u00abAus der Niederlage das Heil\u00bb)\" width=\"474\" height=\"316\" srcset=\"https:\/\/i0.wp.com\/www.zanetti.ch\/wp-content\/uploads\/2015\/10\/Denkmal_Zivido2.jpg?resize=300%2C200&amp;ssl=1 300w, https:\/\/i0.wp.com\/www.zanetti.ch\/wp-content\/uploads\/2015\/10\/Denkmal_Zivido2.jpg?resize=1024%2C683&amp;ssl=1 1024w, https:\/\/i0.wp.com\/www.zanetti.ch\/wp-content\/uploads\/2015\/10\/Denkmal_Zivido2.jpg?w=948&amp;ssl=1 948w, https:\/\/i0.wp.com\/www.zanetti.ch\/wp-content\/uploads\/2015\/10\/Denkmal_Zivido2.jpg?w=1422&amp;ssl=1 1422w\" sizes=\"auto, (max-width: 474px) 100vw, 474px\" \/><\/a><\/p>\n<p>Es liegt auf der Hand: Wer das Heil im Aufgehen in einem anderen Gemeinwesen sucht, wird alles der Zensur unterwerfen und schlecht reden, was f\u00fcr Neutralit\u00e4t und Unabh\u00e4ngigkeit spricht \u2013 selbst wenn man einen feierlichen Eid geleistet hat, die Rechte und Freiheiten des eigenen Landes zu sch\u00fctzen. Woher Frau Sommaruga weiss, was die richtigen Lehren sind, sagte sie nicht. Offenbar wissen Mitglieder der Landesregierung von Amtes wegen und auch ohne \u201eunabh\u00e4ngige\u201c Historikerkommissionen, wie Geschichte richtig zu interpretieren ist.<\/p>\n<p>Schafott und Scheiterhaufen, mit deren Hilfe fr\u00fchere Herrscher und P\u00e4pste der sich Personen und Schriften entledigten, die sie f\u00fcr ketzerisch hielten, wurden mittlerweile durch die Boulevard- und Sonntagspresse ersetzt. Denn auch in deren Redaktionsstuben dominiert die Meinung, dass alles besser sei, als ein freies und unabh\u00e4ngiges Vaterland. Ja sogar das Recht der Anderen, das sie besch\u00f6nigend V\u00f6lkerrecht, anstatt korrekterweise Funktion\u00e4rsrecht nennen, soll generell dem eigenen vorgehen. Die herrschende politische Klasse und der weitaus gr\u00f6sste Teil der Medien sind sich einig. Man hilft sich gegenseitig im Kampf gegen den gemeinsamen Feind. Auch hier bestehen Analogien zum Mittelalter.<strong><br \/>\n<\/strong><\/p>\n<p><strong>Geschichte f\u00fcr den politischen Gebrauch<\/strong><\/p>\n<p>Einer dieser schreibenden Nibelungen heisst Thomas Maissen. Mit besten Beziehungen zu der dem Nationalkonservatismus abholden Neuen Z\u00fcrcher Zeitung steht der Historiker in der Tradition von Georg Kreis, der sich als einer der Ersten die Zerst\u00f6rung der Idee vom \u201eSonderfall Schweiz\u201c zum Ziel setzte, indem er den Nachweis zu erbringen versuchte, dass Wilhelm Tell nicht existierte. Genau wie Kreis versteht es Maissen meisterhaft, sich dem Zeitgeist anzupassen und zu liefern, was von ihm gew\u00fcnscht wird. Markus Somm gelingt es allerdings in \u201eMarignano\u201c, messerscharf aufzuzeigen, wie bei Maissen die Wissenschaftlichkeit durch solche Auftragsarbeiten unter die R\u00e4der kommt. So zitierte der in deutschen Diensten in Paris arbeitende Maissen aus Quellen nur genau das, was in sein Konzept passte und liess nicht Genehmes kurzerhand weg. Das ist nicht, was akademische Redlichkeit gebietet.<\/p>\n<p>Pfleglicher demontierte Somm das Werk \u201eBauern, Hirten und \u201afrume edle puren\u2018. Bauern und Bauernstaatsideologie in der sp\u00e4tmittelalterlichen Eidgenossenschaft und der nationalen Geschichtsschreibung der Schweiz von Matthias Weishaupt. Akribisch wird dargelegt, wie sehr die Hirtenkrieger und Bauern im Sp\u00e4tmittelalter die Politik der Eidgenossenschaft pr\u00e4gten, w\u00e4hrend Weishaupt die Ansicht vertritt, die \u00fcber lange Zeit erfolgreiche Kriegf\u00fchrung der alten Eidgenossenschaft sei vielmehr Ausdruck einer uneingestandenen Kompensation, also des Minderwertigkeitskomplexes eines Kleinstaat. Somm h\u00e4tte es sich hier einfacher machen k\u00f6nnen. Ein Hinweis auf den politischen Hintergrund des Ausserrhodener Historikers h\u00e4tte gen\u00fcgt. Es ist schliesslich bekannt, dass der Sozialismus, zu dessen Familie auch die heimische Sozialdemokratie geh\u00f6rt, eine politisch-deterministische Geschichtswissenschaft betreibt.<\/p>\n<p>Der dem freien Geist verpflichtete Rest der Welt glaubt hingegen nicht an eine absolute Wahrheit. Erkenntnis ist f\u00fcr ihn immer nur eine vorl\u00e4ufige. Diese Geschichtswissenschaft lebt von, ja sucht die Konfrontation von These und Gegenthese. So erhebt Somm in keinem Satz den Anspruch auf abschliessende Richtigkeit. Im Gegenteil h\u00e4ufig schreibt er, dass die Faktenlage unklar, widerspr\u00fcchlich oder ungen\u00fcgend sei, und wir deshalb auf Mutmassungen angewiesen sind. Und dabei verwendet er auch gerne Witz und Ironie. So schreibt er etwa im Zusammenhang mit der Begeisterung von Papst Julius II f\u00fcr die Kampfkraft der Eidgenossen: dieser \u201esah sich eher f\u00fcr immaterielle Leistungen zust\u00e4ndig.\u201c \u2013 will heissen: Er war knausrig und anstatt mit klingender M\u00fcnze bezahlte er mit Titeln und Abl\u00e4ssen.<strong><br \/>\n<\/strong><\/p>\n<p><strong>In Zusammenh\u00e4ngen denken<\/strong><\/p>\n<p>Als Journalist pflegt Markus Somm einen packenden Erz\u00e4hlstil. Sein Buch k\u00f6nnte sogar Vorlage f\u00fcr einen Film sein. Es stellt die Ereignisse in den grossen Zusammenhang. Bereits Somms Werk \u00fcber Christoph Blocher war weniger eine klassische Biographie, als vielmehr ein Buch \u00fcber die grosse Umw\u00e4lzung in der politischen Landschaft der Schweiz und \u00fcber den Niedergang des einst m\u00e4chtigen Z\u00fcrcher Freisinns in den vergangenen Jahrzehnten. Auch in \u201eMarignano\u201c beansprucht das eigentliche Schlachtgeschehen nur relativ wenige der rund 300 Seiten. Weit mehr interessieren Somm die Hintergr\u00fcnde, die Konflikte der Europa beherrschenden M\u00e4chte. Er will dem Leser die einflussreichen Figuren der damaligen Eidgenossenschaft n\u00e4herbringen, wie Kardinal Matthias Schiner und den Reformator Huldrych Zwingli. Und man merkt, dass Somm seine Quellen sorgf\u00e4ltig studiert hat. Vor allem die Analysen von Niccol\u00f2 Machiavelli haben es ihm angetan.<\/p>\n<p>Markus Somm hat ein gutes und sch\u00f6nes Buch geschrieben. Ein Buch, das jeder politisch und historisch interessierte Schweizer kaufen und lesen sollte. Als begeisterter Leser h\u00e4tte ich mir jedoch noch erg\u00e4nzende Zeittafeln, Kurzbiographien der wichtigsten Protagonisten und einige Illustrationen gew\u00fcnscht. So beschreibt Somm beispielsweise Kaiser Maximilians d\u00fcstere Totenmaske. Ein Bild davon h\u00e4tte die damit verbundene Botschaft noch verst\u00e4rkt. Auch w\u00e4ren Karten eine wertvolle Hilfe, um sich in einer Welt, die sich unter dem Einfluss st\u00e4ndig wechselnder Allianzen st\u00e4ndig wandelte, zurechtzufinden. Auch g\u00e4be dies einen Eindruck von den Gewaltm\u00e4rschen, die die Eidgenossen teilweise im Eiltempo bew\u00e4ltigten.<\/p>\n<p>Markus Somm ist jedenfalls der Nachweis gelungen, dass die Geschichte der Eidgenossenschaft in vielfacher Hinsicht aussergew\u00f6hnlich verlaufen ist. Die Schweiz ist nun einmal ein Sonderfall, und es gibt keinen vern\u00fcnftigen Grund, weshalb sie sich daf\u00fcr sch\u00e4men sollte, wenn sie ein Sonderfall bleiben will.<\/p>\n\n<div class=\"twitter-share\"><a href=\"https:\/\/twitter.com\/intent\/tweet?via=zac1967\" class=\"twitter-share-button\" data-size=\"large\">Twittern<\/a><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Obwohl es die NZZ vergeigte, Markus Somm zu ihrem Chefredaktor zu machen, musste sie bei der Besprechung seines neuen Buches \u201eMarignano &#8211; Die Geschichte einer Niederlage\u201c einr\u00e4umen: \u201eDer Mann kann schreiben\u201c. Das kann er in der Tat. 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