{"id":841,"date":"2015-12-12T19:10:02","date_gmt":"2015-12-12T18:10:02","guid":{"rendered":"http:\/\/www.zanetti.ch\/?p=841"},"modified":"2015-12-14T16:18:05","modified_gmt":"2015-12-14T15:18:05","slug":"eine-brach-liegende-fundgrube-fuer-qualitaetsjournalisten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.zanetti.ch\/?p=841","title":{"rendered":"Eine brachliegende Fundgrube f\u00fcr Qualit\u00e4tsjournalisten"},"content":{"rendered":"<p>Wohl nur der olympische Eid, wonach alle fairen Sport wollen, wird so h\u00e4ufig und in voller Absicht gebrochen, wie die <a href=\"http:\/\/www.presserat.ch\/Documents\/Erklaerung2008.pdf\" target=\"_blank\">Erkl\u00e4rungen des schweizerischen Presserats<\/a>. Danach haben \u201eJournalistinnen und Journalisten den gesellschaftlich notwendigen Diskurs\u201c zu sichern.\u00a0Und weiter heisst es im Text: \u201eDie Verantwortlichkeit der Journalistinnen und Journalisten gegen\u00fcber der \u00d6ffentlichkeit hat den Vorrang vor jeder anderen, insbesondere vor ihrer Verantwortlichkeit gegen\u00fcber ihren Arbeitgebern und gegen\u00fcber staatlichen Organen.\u201c Die Realit\u00e4t sieht anders aus.<!--more--><\/p>\n<p>Als die \u201eSonntagsZeitung\u201c beispielsweise k\u00fcrzlich schrieb, sie habe vernommen, dass die \u201eWeltwoche\u201c an einem Artikel \u00fcber Alkoholprobleme des mittlerweile zum Bundesrat gew\u00e4hlten Waadtl\u00e4nder SVP-Politikers Guy Parmelin arbeitete, verletzte sie damit s\u00e4mtliche Regeln des Presserats. Kein anst\u00e4ndiger Journalist schreibt so etwas. Die Verantwortlichkeit gegen\u00fcber der \u00d6ffentlichkeit, die ein Anrecht auf sachgerechte, also wahre Informationen hat, wurde hier mit F\u00fcssen getreten.<\/p>\n<p>Die meisten Journalisten bezeichnen sich selber als \u201ekritisch\u201c, dabei sind die meisten lediglich boshaft. W\u00e4ren sie tats\u00e4chlich kritisch, w\u00fcrden sie die Positionen der M\u00e4chtigen hinterfragen und Argumente zu kontern versuchen, ohne als erstes zu fragen, von wem sie stammen. Eine wunderbare Gelegenheit daf\u00fcr h\u00e4tte beispielsweise <a href=\"http:\/\/www.parlament.ch\/ab\/frameset\/d\/v\/5001\/484559\/d_v_5001_484559_484563.htm\" target=\"_blank\">das Referat von Roger Nordmann<\/a>, dem Pr\u00e4sidenten der SP-Fraktion der Bundesversammlung anl\u00e4sslich der Bundesratsersatzwahl geboten.<\/p>\n<p>Selbst wenn man den Umstand, dass Nordmanns Ausf\u00fchrungen in erster Linie Ausdruck der v\u00f6lligen Konzeptlosigkeit seiner Truppe waren, h\u00e4tten sie in mehreren Punkten, jeden zur Reflexion f\u00e4higen Berichterstatter und Kommentator zumindest aufhorchen lassen m\u00fcssen. Im Bestreben, die Staatsgef\u00e4hrlichkeit der SVP zu illustrieren rief Nordmann in den Saal: <em>\u201eEncore avant-hier, l&#8217;UDC a refus\u00e9 le budget, alors qu&#8217;elle avait obtenu des avantages pour sa &#8222;client\u00e8le&#8220;.\u201c<\/em> Man k\u00f6nne die SVP also nicht w\u00e4hlen, weil sie es gewagt habe, das Budget des Bundes abzulehnen. Abgesehen davon, dass es eine Demokratie erst ausmacht, dass man eine Frage mit \u201eJa\u201c oder \u201eNein\u201c beantworten darf, w\u00e4re in diesen Zusammenhang von kritischen Medien daran zu erinnern gewesen, dass auch die SP selber den Voranschlag ablehnte.<\/p>\n<p>Doch es kommt noch grotesker: Als sich an der elektronischen Anzeigetafel n\u00e4mlich abzeichnete, dass \u201eRot\u201c (also Nein\u201c) obsiegt, schwenkten die Genossinnen und Genossen kurzerhand auf \u201eStimmenthaltung\u201c. Die Sozis f\u00fcrchteten also, es k\u00f6nne eintreten, was sie zuvor gefordert hatten, und kippten. Ist das gradlinige Politik? Und warum hat die \u00d6ffentlichkeit, der gegen\u00fcber man sich in den Medien angeblich in der Verantwortung sieht, davon nichts erfahren?<\/p>\n<p>Nordmann gab sich aber noch eine weitere Bl\u00f6sse, \u00fcber welche die Bundesqualit\u00e4tsmedien gn\u00e4dig den Mantel des Schweigens warfen: <em>\u201eNous observons que l&#8217;UDC n&#8217;a toujours pas supprim\u00e9 de ses statuts la clause totalitaire qui exclue automatiquement du parti un \u00e9lu au Conseil f\u00e9d\u00e9ral qui ne serait pas son candidat officiel. Cette clause est scandaleuse et antid\u00e9mocratique parce qu&#8217;elle fait pression et tant \u00e0 restreindre les pr\u00e9rogatives de l&#8217;Assembl\u00e9e f\u00e9d\u00e9rale, ceci alors que le peuple vient de confirmer tout r\u00e9cemment que c&#8217;est \u00e0 l&#8217;Assembl\u00e9e f\u00e9d\u00e9rale d&#8217;\u00e9lire le Conseil f\u00e9d\u00e9ral.\u201c<\/em><\/p>\n<p>Dass Sozialdemokraten an einer Klausel in den Statuten der SVP-Fraktion keine Freude haben, ist nicht weiter schlimm, schliesslich politisiert die Volkspartei nicht zum Gaudi der Linken. Eine Partei ist ihren W\u00e4hlern verpflichtet, und die Erwartung, man solle ein klares Versprechen zwei Monate nach der Wahl brechen, zeugt von einem bedenklichen Demokratieverst\u00e4ndnis. Freilich stellte kein einziger Qualit\u00e4tsjournalist Nordmann dazu eine Frage. Nicht einmal, was besser daran sei, einen gew\u00e4hlten Bundesrat zur Abdankung zu n\u00f6tigen, weil einem sein Geschlecht missf\u00e4llt, musste Nordmann beantworten. Und auch zur \u00fcberaus k\u00fchnen Behauptung, die Wahlfreiheit der Bundesversammlung sei dadurch infrage gestellt, dass transparent und im vornherein \u00fcber allf\u00e4llige Konsequenzen informiert wird, durfte Genosse Nordmann schweigen.<\/p>\n<p>Schliesslich \u2013 Nordmanns Referat w\u00e4re f\u00fcr einen kritischen Journalisten eine wahre Fundgrube \u2013 h\u00e4tte der sprunghafte Umgang mit Volksinitiativen Anlass f\u00fcr Fragen geboten: Aus dem klaren Nein von Volk und St\u00e4nden zur SVP-Initiative f\u00fcr eine Volkswahl des Bundesrates leitete Nordmann ab, <em>\u201ele peuple a confirm\u00e9 que c&#8217;est l&#8217;Assembl\u00e9e f\u00e9d\u00e9rale qui doit \u00e9lire librement qui elle entend.\u201c<\/em> Auch hier konnte sich Nordmann auf die Loyalit\u00e4t der Medien verlassen: Niemand wies darauf hin, dass es bei besagter Abstimmung um den Wahlk\u00f6rper und nicht um die Statuten der SVP ging. Und selbstverst\u00e4ndlich fragt auch niemand, warum der SP-Fraktionschef im einen Satz einen bestimmten Volksentscheid zum Dogma erkl\u00e4rt, um nur Sekunden sp\u00e4ter gegen Entscheide des gleichen Volkes zu SVP-Volksinitiativen zu wettern.<\/p>\n\n<div class=\"twitter-share\"><a href=\"https:\/\/twitter.com\/intent\/tweet?via=zac1967\" class=\"twitter-share-button\" data-size=\"large\">Twittern<\/a><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wohl nur der olympische Eid, wonach alle fairen Sport wollen, wird so h\u00e4ufig und in voller Absicht gebrochen, wie die Erkl\u00e4rungen des schweizerischen Presserats. 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