{"id":89,"date":"2009-10-05T12:34:42","date_gmt":"2009-10-05T10:34:42","guid":{"rendered":"http:\/\/www.blog.zanetti.ch\/?p=89"},"modified":"2022-08-31T10:23:09","modified_gmt":"2022-08-31T08:23:09","slug":"nicht-dabei-sein-zahlt-sondern-besser-sein","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.zanetti.ch\/?p=89","title":{"rendered":"Nicht dabei sein z\u00e4hlt, sondern besser sein"},"content":{"rendered":"<p>Zwei M\u00e4nner sind zu Fuss in der Savanne unterwegs. Pl\u00f6tzlich merken sie, dass sich ein L\u00f6we an sie heranpirscht. Beide f\u00fcrchten um ihr Leben. Da \u00f6ffnet der eine seinen Rucksack, kramt daraus ein paar Turnschuhe hervor und zieht diese an. Verwirrt und vorwurfsvoll fragt ihn der andere, was er damit bezwecke, ob er denn ernsthaft glaube, mit leichteren Schuhen schneller rennen zu k\u00f6nnen als der K\u00f6nig der Tiere. Doch der Angesprochene antwortet nur trocken: \u201eDas ist ja gar nicht n\u00f6tig. Es reicht, wenn ich schneller bin als Du.\u201c Dieser \u2013 zugegebenermassen nicht mehr ganz taufrische \u2013 Witz illustriert sehr treffend das Wesen eines jeden Wettbewerbs und damit nat\u00fcrlich auch jenes des Steuer- oder Standortwettbewerbs. Am Ende z\u00e4hlt nur der relative Vorteil gegen\u00fcber den Mitbewerbern.<\/p>\n<p>M\u00f6gen ihn die Sozis und ihre Verb\u00fcndeten noch so heftig als ungerecht verdammen, der Wettbewerb unter den Standorten ist Tatsache. Genauso vergeblich k\u00f6nnten unsere ewigen Weltverbesserer gegen das Wetter, die Schwerkraft oder das \u00c4lterwerden protestieren. Wann werden diese Sch\u00f6ngeister endlich begreifen, dass auch unangenehme Tatsachen Tatsachen sind, die es zu akzeptieren gilt?<\/p>\n<p>In der Schweizer Aussenpolitik, die einst eine erfolgreiche Aussenwirtschaftspolitik war, gilt gegenw\u00e4rtig die Devise: \u201eDabei sein ist alles.\u201c Parolen ersetzen das Denken. Ob es richtig und w\u00fcnschenswert ist, dass sich die G 20 zu einer Weltregierung entwickelt, wird nicht gefragt. Man will einfach dabei sein und vergisst, dass unsere Gegner im globalen Wettbewerb keineswegs von olympischem Geist erf\u00fcllt sind. Diese verstehen es, ihre Interessen durchzusetzen, und z\u00f6gern nicht, dabei zu den hinterh\u00e4ltigsten Mitteln wirtschaftlicher Kriegsf\u00fchrung zu greifen. Dazu ist unsere umtriebige Aussenministerin nicht in der Lage. Sie, die ihren eigenen Regierungskollegen bei jeder sich bietenden Gelegenheit in den R\u00fccken schiesst, gibt sich gegen\u00fcber dem Ausland devot. Auch MCR redet zwar von Interessenvertretung, doch h\u00e4lt sie die Interessen des Landes mit denen ihrer Partei und der Ideologie der sozialistischen Internationale f\u00fcr identisch. Darum haben wir heute kein Bankgeheimnis mehr. Und nur, wer die Schweiz hasst, oder sie auf EU-Niveau herunterwirtschaften will, um sie \u201ebeitrittsf\u00e4hig\u201c zu machen, wird behaupten, es seien in den vergangenen Monaten Schweizer Interessen durchgesetzt worden.<\/p>\n<p>Als Land mit denkbar schlechten Voraussetzungen war die Schweiz seit jeher dazu gezwungen, sich ein f\u00fcr Investoren attraktives Rechtskleid zu schneidern. Henri Nestl\u00e9, Georg Wander oder die Herren Brown und Boveri und viele andere haben sich in der Schweiz niedergelassen und Industrien aufgebaut, weil sie hier bessere Standortbedingungen angetroffen haben als in ihren Herkunftsl\u00e4ndern. Diese unterscheiden sich nat\u00fcrlich auch innerhalb eines Landes. Erst recht, wenn dieses f\u00f6deralistisch verfasst ist. Dass wirtschaftspolitische Entscheide langfristig schwerwiegende Folgen haben k\u00f6nnen, ist in der Berner Zeitung vom 3. September 2005 nachzulesen. So handelte sich Bern bereits in der zweiten H\u00e4lfte des 19.Jahrhunderts einen grossen R\u00fcckstand auf Z\u00fcrich ein, weil es \u201eim gem\u00fctlichen Takt tuckerte, den das auf die Landwirtschaft fixierte Patriziat vorgab.\u201c Heute wirbt Bern in Z\u00fcrich um Investoren.<\/p>\n<p>Doch auch Z\u00fcrich l\u00e4uft Gefahr, ins Hintertreffen zu geraten. Soeben ging die Meldung durch die Presse, dass ein russischer Milliard\u00e4r nach einem neuen Wohnsitz Ausschau h\u00e4lt, weil die Pauschalbesteuerung abgeschafft wurde. Anstatt der Turnschuhe haben die Z\u00fcrcher die Skischuhe montiert, und es macht auch nicht den Eindruck, als sei man auf die versprochene Steuersenkung in Deutschland vorbereitetet. Gut m\u00f6glich, dass Berner und Z\u00fcrcher schon bald gemeinsam in Singapur um Investoren werben m\u00fcssen.<br \/>\n&#8212;&#8211;<br \/>\nErschienen in der Berner Zeitung vom 2. Oktober 2009<\/p>\n\n<div class=\"twitter-share\"><a href=\"https:\/\/twitter.com\/intent\/tweet?via=zac1967\" class=\"twitter-share-button\" data-size=\"large\">Twittern<\/a><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zwei M\u00e4nner sind zu Fuss in der Savanne unterwegs. Pl\u00f6tzlich merken sie, dass sich ein L\u00f6we an sie heranpirscht. Beide f\u00fcrchten um ihr Leben. Da \u00f6ffnet der eine seinen Rucksack, kramt daraus ein paar Turnschuhe hervor und zieht diese an. 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