Ist das Evangelium noch Evangelium? – Meine Weihnachtskolumne für den „Zürcher Oberländer“

Vor einigen Jahren schrieb ich auf Twitter, mir gefalle die Vorstellung, dass zur Weihnachtszeit Menschen auf der ganzen Welt die gleichen Lieder singen. Auf keinen meiner zahlreichen politischen Tweets waren die Reaktionen auch nur annähernd so heftig: Es war teilweise blanker Hass, der mir da entgegenschlug. Gegen mich. Gegen die Kirche. Gegen das Christentum.

Wohl um solchen Stürmen des Protests vorzubeugen, forderte die Schulleitung in Will (SG) pünktlich zur Adventszeit, vom Singen von Weihnachtsliedern, in denen es um die Verkündigung der Frohen Botschaft – also um den Kern des Weihnachtsfests! – geht, abzusehen. Angehörige anderer Religionen könnten sich in ihrem Glauben gestört fühlen. Die Volksschule müsse in Glaubensdingen neutral sein.

Konfessionell neutral sind auch die Pfadfinder. Im 2. Punkt ihres Ehrenkodexes, der mir immer besonders gut gefiel, heisst es: „Ein Pfadfinder steht zu seinem Glauben und achtet den Glauben anderer.“ Im Gegensatz zu heutigen Schulfunktionären wissen Pfadfinder also, dass Toleranz nicht Selbstaufgabe bedeutet. Der italienische Semiotik-Professor und Autor, Umberto Eco, stellte einmal klar, dass nur tolerant sein kann, wer die Grenzen dessen, was nicht tolerierbar ist, festgelegt hat. Der erklärte Agnostiker baut damit auf einer zentralen Forderung Jesu und damit des Christentums auf: „Liebe Deinen Nächsten, wie dich selbst!“ Selbstliebe ist Voraussetzung für Nächstenliebe. Wer sich selber hasst, kann andere nicht lieben.

Um von einer Regel abweichen zu können, sagen wir gerne, sie sei schliesslich nicht das Evangelium. Doch offenbar ist für unsere Funktionäre mittlerweile nicht einmal mehr das Evangelium Evangelium! Bei Markus steht der berühmte Satz: „Gehet hin in alle Welt und verkündet das Evangelium aller Kreatur.“ (16:15) Gewiss, unter Berufung auf dieses Bibelwort wurden Fehler, ja auch Verbrechen begangen. Allzu oft blieb es nicht beim Verkünden. Die Urtexte des Christentums sind jedoch von einem anderen Geist durchdrungen. Benedikt von Nursia, den man zu Recht auch „Patron des Abendlands“ nennt, bestimmte in seiner berühmten Klosterregel bespielsweise, dass man Novizen diese Regel dreimal vorlesen müsse. Danach seien sie vor die Wahl zu stellen: „Siehe das Gesetz, unter dem du dienen willst; wenn du es beobachten kannst, tritt ein, wenn du es aber nicht kannst, geh in Freiheit fort.“ Das ist Toleranz. Etwas mehr Benedikt würde Europa guttun.

2 Gedanken zu „Ist das Evangelium noch Evangelium? – Meine Weihnachtskolumne für den „Zürcher Oberländer““

  1. Lieber Herr Zanetti

    Herzlichen Dank für Ihre wahren Worte!
    Bei gelebtem Glauben steht nicht Verurteilung und Diskriminierung im Zentrum, sondern Liebe, Nächstenliebe.
    Würden wir weniger von Religion sprechen dafür mehr Glaube leben, würden so manche Streitereien gar nicht erst entstehen. Christus hat uns dies vorgelegt. Ich bin dankbar diesen Christus zu kennen!

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