Warum Politiker nicht zuhören – von Barbara Tuchman

Ab einem bestimmten Punkt sind Politiker rationalen Argumenten nicht mehr zugänglich. Dann interessiert sie nur noch, was sie in ihrer Haltung bestätigt. Die EU, der Euro, die Covid-Pandemie oder die „Energiewende“ und der „Klimaschutz“ liefern dafür täglich neue Beispiele. Warum dem so ist, untersuchte die grossartige Barbara Tuchman 1973 in einem Referat vor der Foreign Service Association (Quelle: Foreign Service Buletin. März 1973, aus «In Geschichte Denken», claassen Verlag GmbH, Düsseldorf 1982).

Wir sind hier zusammengekommen, um eine Gruppe von Beamten des auswärtigen Dienstes repräsentiert durch John Service zu ehren, denen die Geschichte recht gegeben hat; und nicht nur die Geschichte, sondern, wenn nicht im Wort, so doch in der Tat, sogar die gegenwärtige Regierung. In der Gruppe, die während des Zweiten Weltkrieges aus China berichtete, gibt es sicherlich keinen, der sich angesichts der Reise des amerikanischen Präsidenten in das kommunistische China im Jahre 1971 nicht einer geradezu schmerzhaften Ironie bewusst war. Könnte irgendjemand, der sich an die Haltungen der Vergangenheit erinnert, jenes Bild von Präsident Nixon und dem Vorsitzenden Mao in grossen Sesseln, beide mit leicht schiefem Lächeln, das ihr beiderseitiges Unbehagen tapfer überdecken sollte, ansehen und sich des überwältigenden Gefühls erwehren, dass die Wahrheit in der Tat abenteuerlicher ist als alle Fiktion? Als ich jung war, veröffentlichte die Zeitschrift Vanity Fair eine Serie, die «Unmögliche Interviews» genannt wurde und in der Covarrubias, der künstlerische Karikaturist, Calvin Coolidge mit Greta Garbo und John D. Rockefeller senior mit Stalin zusammenbrachte. Die Begegnung in Peking überbot Covarrubias

Dennoch hätte sie fünfundzwanzig Jahre früher stattfinden und uns und Asien unermesslichen und bis zu einem gewissen Grade irreparablen Schaden ersparen können, wenn sich die amerikanische Politik nach den Informationen und Ratschlägen des Stabs der Tschungking-Botschaft gerichtet hätte, der damals als die bestinformierte Gruppe des auswärtigen Dienstes in China anerkannt war. Sie schloss den Botschafter Clarence Gauss, den Rechtskonsulenten George Atcheson, die beide gestorben sind, ein, und zu ihr zählten in den Reihen der Sekretäre und Konsuln, die über ganz China verstreut stationiert waren, neben Jack Service solche Männer wie John Paton Davies, Edward Rice, Arthur Ringwalt, Philip Sprouse, Edmund Clubb und der verstorbene John Carter Vincent. Einige von ihnen waren in China geboren, viele sprachen Chinesisch, und eine Reihe von ihnen ist glücklicherweise heute unter uns.

Sie hatten recht, und dafür wurden viele von ihnen verfolgt, entlassen, in ihren Karrieren blockiert oder gestört, wobei der Schaden, der ihnen zugefügt wurde, jeweils einen weit grösseren Schaden für den auswärtigen Dienst bedeutete. Kein Spektakel, hat Macauly gesagt, sei so lächerlich wie die britische Öffentlichkeit in einem ihrer periodischen Anfälle von Moralismus- und keines, so könnte man hinzufügen, ist gemeiner als die amerikanische Öffentlichkeit in einer ihrer periodischen Hexeniagden. Ihre Kollegen und Vorgänger wurden gehetzt, weil Fähigkeit und Ehrlichkeit in ihrem Beruf mit der Hysterie eines kalten Krieges kollidierte, dessen Äusserungen von einem Mann manipuliert wurden, der prinzipienlos bis zur Abnormität war – wie der Mann ohne Schatten. Ich will diese Geschichte jetzt nicht aufwärmen, so wichtig sie für Sie und jeden Bürger auch ist, denn ich möchte zu einem Problem kommen, das vielleicht andauernder ist: Warum diesen Männern nicht zugehört wurde, zumindest bevor die Verfolgungen einsetzten.

Der Tenor ihrer Berichte war im ganzen genommen, dass Chiang Kai-shek auf dem Weg nach draussen war, während die Kommunisten ihren Auftritt vor sich hatten, und dass die amerikanische Politik, statt sich wie gelähmt an den ersten zu hängen, gut beraten sei, diesen Trend zu berücksichtigen. Diese Meinung sprach implizit aus den Berichten von Beamten, die keinen Kontakt mit den Kommunisten hatten, sich aber in der Erkenntnis einig waren, dass die Kuomintang eine verfallende Bewegung

war. Sie wurde explizit dargelegt von den Beamten, die die Kommunisten aus eigener Ertahrung kannten, so von Service in seinen bemerkenswerten Berichten aus Yenan und von Ludden, der in das Innere des Landes reiste, um das Funktionieren der kommunistischen Verwaltung zu beobachten, sowie von Davies, der sein Ohr überall hatte. Mit einer Stimme spricht aus ihren Berichten die Überzeugung, dass die Kommunisten die dynamische Partei im Lande waren; in Davies‘ Worten von 1944: «Das Schicksal Chinas lag nicht in Chiangs Händen, sondern in ihren.» Das war nicht Subversion, wie unsere Kommunistenjäger behaupten sollten, sondern lediglich Beobachtung. Jede Regierung, die nicht mit offenen Augen in einen politischen Sumpf marschieren und ihr Land mit sich ziehen will, wird zu einem solchen Zeitpunkt ihre Optionen zu klären versuchen. Dazu haben wir schliesslich die Beamten des Auswärtigen Dienstes: die Politikmacher über die tatsächlichen Bedingungen, auf die sich ein realistisches Programm stützt, aufzuklären. Die quälende Frage ist: Warum werden ihre Berichte ignoriert, warum besteht eine Lücke zwischen den Beobachtern im Feld und den Politikmachern in der Hauptstadt? Ich kann nicht behaupten, aus Erfahrung zu sprechen, aber ich möchte als kritische Aussenseiterin ein paar Antworten anbieten.

Zunächst einmal wird Politik durch vorgefasste Meinungen, durch tiefverwurzelte Vorurteile bestimmt. Wenn die Information die Politikmacher erreicht, dann reagieren sie in den Begriffen, die sich bereite ihren Köpfen festgesetzt haben, und machen demzufolge eine Politik, die sich weniger an den Fakten orientiert als an den Ideen und Absichten, die aus dem geistigen Gepäck geformt sind, das sich in ihren Köpfen seit ihrer Kindheit angesammelt hat. Als Präsident McKinley entscheiden musste, ob er 1898 die Philippinen annektieren sollte oder nicht, kniete er nach seinem eigenen Bericht gegen Mitternacht nieder und «betete zum Allmächtigen Gott um Erleuchtung und Anleitung». Er wurde angeleitet zu beschliessen, dass «uns nichts anderes bliebe, als sie alle zu übernehmen und die Filipinos zu erziehen, zu erheben und zivilisieren und sie zu christianisieren und mit Gottes Gnade unser Bestes für sie als unsere Mitmenschen, für die Christus starb, zu geben».

In Wirklichkeit lieferte die «Manifest Destiny»-Denkschule den Hauptimpuls für die Entscheidung, da sie die Philippinen als Sprungbrett für die Expansion über den Pazifik hinweg ansah, aber das geistige Gepäck eines Präsidenten in den 1890ern zwang ihn, in den Begriffen des Allmächtigen Gottes und des «White Man’s Burden» zu handeln, genau wie die geistige Fixierung seiner Nachfolger in unserer Zeit sie gezwungen hat, in den Begriffen des Antikommunismus zu reagieren. Genauere Beobachter als der Allmächtige Gott hätten McKinley sagen können, dass die Filipinos nicht scharf darauf waren, bekehrt oder auch zivilisiert zu werden oder die spanische Herrschaft gegen die amerikanische einzutauschen, sondern dass sie die Unabhängigkeit wollten. Da wir das übersahen, fanden wir uns bald in einem keineswegs zivilisierenden, sondern grausamen und blutigen Repressionskrieg wieder – sehr zu unserer Verlegenheit. Wenn man das Wesen der gegnerischen Partei nicht in seine Überlegungen einbezieht, hat das oft sehr unangenehme Folgen.

Dasselbe Versagen traf Präsident Wilson schwer. Seine Fixierung war der McKinleys entgegengesetzt: Er favorisierte eine fortschrittliche Politik, Reformen und die »New Freedome-Bewegung. Als der reaktionäre General Huerta durch einen Staatsstreich 1913 in Mexiko an die Macht kam, war Wilson von der Idee besessen, dass es seine Pflicht sei, das mexikanische Volk von diesem unrechtmässigen Machthaber zu befreien, auf dass Mexiko mit der freien Zustimmung der Regierten regiert werden möge. »Meine Leidenschaft gilt jenen unsichtbaren 85 Prozent, die um ihre Freiheit kämpfen«, sagte er, aber die Realität sah eher so aus, dass die unsichtbaren 85 Prozent in ihren Hütten sassen und gar nicht in der Lage waren, einen Unterschied zwischen Huerta und seinem Rivalen Caranza zu erkennen. Wilson sandte indessen die Marines nach Mexiko, um Veracruz zu erobern, eine Einmischung, die nicht nur amerikanische Leben kostete, sondern auch das Durcheinander in Mexiko vertiefte und die Vereinigten Staaten in eine weitere Intervention hineinzog, die sich zwei Jahre später gegen einen Mann des Volkes, Pancho Villa, richtete. Politische Leidenschaft ist eine gute Sache, aber es ist besser, wenn sie eine aufgeklärte Leidenschaft ist.

Auch Roosevelt neigte zum Progressivismus. George Kennan hat berichtet, dass der Präsident, als der Stab der Botschaft in Moskau von den stalinistischen Säuberungen der 1930er berichtete und eine Tyrannei enthüllte, die so schrecklich war wie die der Zaren, die Berichte als das Produkt einer in seinen Augen typischen Mentalität des steifen auswärtigen Dienstes zuschrieb. Es war nicht nur unbequem, sondern verstörend, zu der Zeit Berichte anerkennen zu müssen, die eine Änderung der Haltung der Sowjetunion gegenüber implizierten. (Aussenpolitik gehorcht Newtons Trägheitsgesetz: Sie fährt tort, das zu tun, was sie tut, wenn nicht eine unwiderstehliche Kraft auf sie einwirkt.) Da er sich von diesen Enthüllungen nicht beunruhigen lassen wollte, die ihm seine eigene Tendenz als tendenziös enthüllt hätte, schloss Roosevelt die russische Abteilung des Auswärtigen Dienstes, löste ihre Bibliothek auf und zwang ihren Chef zum Rücktritt. Dieser Wunsch, sich vor unangenehmen Wahrheiten zu bewahren – «verwirr mich nicht mit Fakten!» -, ist nur allzu menschlich und unter Staatschefs weit verbreitet. Wurde nicht der Überbringer schlechter Nachrichten von antiken Königen oft hingerichtet? Chiang Kai-sheks rachsüchtige Reaktion auf unangenehme Neuigkeiten war häufig so ausgeprägt, dass seine Minister allmählich darauf verzichteten, ihm überhaupt welche zu unterbreiten. Infolgedessen lebte er in einer Phantasiewelt.

Berichte müssen durch eine ganze Reihe abschirmender psychologischer Faktoren auf Seiten des Empfängers hindurch: Temperament, privater Ehrgeiz, die Furcht vor dem Versagen oder das Gefühl des Herrschers, dass seine Männlichkeit auf dem Spiele steht. (Dies ist ein männliches Problem, das glücklicherweise Frauen nicht berührt was vielleicht dafür spricht, Frauen in hohe Ämter zu wählen. Welche Minderwertigkeitskomplexe auch immer an einer Frau nagen mögen, sie zwingen sie nicht, Kompensation darin zu suchen, dass sie Härte zeigt. Man mag den Namen Golda Meir als Gegenargument nennen, aber man hat doch den Eindruck, dass ihre Härte eher natürlich als neurotisch ist und sie wird von ihr auch durch die Umstände gefordert.)

Der Beweis seiner Männlichkeit war, so glaube ich, ein Faktor, der Präsident Nasser von Ägypten dazu trieb, den Krieg mit Israel 1967 auszulösen. Er wollte nicht der Schwäche geziehen werden, noch wollte er weniger militant als die Syrer erscheinen. Man spürt ihn als Faktor in den Persönlichkeiten von Johnson und Nixon, was den Rückzug aus Vietnam betrifft; in beiden gab es den schrecklichen Zweifel: «Werde ich weich erscheinen?» Auch in Kennedy waren diese Ängste deutlich zu erkennen; andererseits scheinen sie Eisenhower, Truman oder Roosevelt nicht berührt zu haben.

Ein klassischer Fall eines Mannes, dessen Temperament sich über alle Evidenz hinwegsetzt, wird von John Davies in seinem vor kurzem veröffentlichten Buch Dragon by the Tail (Den Drachen am Schwanz) dargestellt. Stalins grösster Irrtum, so sagt er, war es, den chinesischen Kommunismus zu unterschätzen. «Er liess sich von seinem eigenen Zynismus betrügen. Er glaubte nicht, dass Mao es schaffen könnte, da er, was erstaunlich genug ist, zu wenig Glaube in die Kraft eines Volkskrieges setzte.»

Von allen Hindernissen, die Berichte vom Ort der Handlung überwinden müssen, ist das höchste die Weigerung der Politikmacher zu glauben, was sie nicht glauben wollen. Alle deutlichen Hinweise auf die Stosskraft des deutschen rechten Flügels im Ersten Weltkrieg, die der Generalstab der französischen Armee in den Jahren unmittelbar vor 1914 in die Hände bekam, darunter authentische Dokumente, die ihm von einem deutschen Offizier verkauft worden waren, konnte die Generäle des Generalstabs nicht von ihrem verhängnisvollen Plan abbringen, das Zentrum der deutschen Armeen anzugreifen oder sie dazu bringen, auf ihrer eigenen Linken die Verteidigungsanstrengungen zu erhöhen. Als 1941 der Doppelagent Richard Sorge in Tokio die genauen Daten der bevorstehenden deutschen Invasion nach Moskau telegrafierte, wurden seine Warnungen ignoriert, weil die grosse Furcht der Russen vor diesem Geschehen sie dazu verführte, die Nachricht nicht zu glauben. Sie wurde unter «zweifelhafte und irreführende Information» abgelegt.

Dasselbe Prinzip beherrschte Washingtons Reaktion auf die Berichte aus China in den 1940ern. Gleichgültig, wie viele Hinweise darauf, dass der Zusammenbruch der Kuomintang nur eine Frage der Zeit sei, nach Washington vermittelt wurden- nichts konnte die Regierung veranlassen, die Bande, die uns an Chiang Kai-shek fesselten, zu lösen. Nichts schreckte die Politikmacher aus ihrem «trägen, kurzsichtigen Zweckdenken» auf, wie John Service das damals nannte.

Ein anderes Hindernis auf dem Weg des Realismus sind nationale Mythen. Der amerikanische Instinkt für aktives Handeln, der «Macher»-Mythos, hat uns in ein Übel geführt, das unnötig war, und Amerikas Ehre unwiderruflich befleckt. Stewart Alsop hat einmal in der New York Times Book Review das interessante Argument vorgebracht, dass amerikanische Präsidenten seit Roosevelt das Aussenministerium abgelehnt und sich stark auf das Militär gestützt hätten, weil die Militärs dazu neigten, sich als unkomplizierte, entschlossene Problemlöser darzustellen, während hohe Beamte des auswärtigen Dienstes eher «skeptische Denker» seien, die die Schwierigkeiten einer Situation betonten. Und besorgte, unsichere Präsidenten werden immer eine positive einer negativen Beratung vorziehen. Es wird Ihnen vielleicht auffallen, dass die zunehmende Bedeutung militärischer Beratung mit der Ära der Luftwaffe zusammenfällt und viel mit der, wie ich glaube, enormen Attraktivität der einfachen Lösung zu tun hat der Idee, das ein schreckliches Problem durch einen Machtspruch aus der Luft gelöst werden könnte, ohne Kontakt und ohne sich in lange, schmutzige Auseinandersetzungen auf dem Boden einzulassen. Der Einfluss der Luftherrschaft auf die Aussenpolitik wäre eine Analyse wert.

Der Aktivismus der Impuls, tatkräftig eine schwierige Lage zu meistern, besseres Land zu suchen, zu einer neuen Grenze vorzustossen – war eine grosse Kraft, die grosse Kraft, in unserer Geschichte, und sie brachte unter engen kontrollierbaren Bedingungen positive Ergebnisse hervor. Ohne örtliche Gegebenheiten zu beachten, ohne auf die Motivation der Beteiligten einzugehen und in Blindheit gegen die Lehren von Diën Biën Phu fühlt die amerikanische Politik sich zum Handeln gezwungen auch da, wo sie sich besser heraushielte. Es wäre gut, wenn wir es lernen könnten, den Dingen gelegentlich nach den in ihnen liegenden Gesetzmässigkeiten ihren Laut zu lassen.

Der kostspieligste Mythos unserer Zeit ist der Mythos vom Monolithentum des Kommunismus gewesen. Wir entdecken jetzt zufrieden, wenn auch verspätet, dass die angebliche sino-sowjetische Einheit sich als ein bitterer Antagonismus zweier Rivalen entpuppt, die einander in Hass, Furcht und Misstrauen gegenüberstehen. Unsere ursprüngliche Einschätzung hatte nie viel mit den Fakten zu tun, sondern war eher eine Spiegelung von Ängsten und Vorurteilen. Konditionierte Reflexe dieser Art sind nicht die besten Ratgeber einer zweckmässigen Aussenpolitik, die ich definieren würde als die Aufrechterhaltung von Beziehungen und die Ausübung von Einfluss im wohlverstandenen Dienst eines aufgeklärten Selbstinteresses.

Es bleibt die Frage, was man tun kann, um die Lücke zwischen Informationen aus erster Hand und den politischen Entscheidungsträgern zu schliessen? Zunächst bleibt es eine wesentliche Aufgabe, die Integrität der Berichte des auswärtigen Dienstes aufrechtzuerhalten, nicht nur in der Hoffnung, dass mehr durchdringen möge zu den Entscheidungsinstanzen, sondern auch, um eine Basis für eine politische Wende zu schaffen, falls die Forderung danach unabweisbar wird. Zweitens müsste irgendein Mittel gefunden werden, durch das sich vorgefasste Meinungen und emotionale Fixierungen in regelmässigen Abständen der Evidenz auszusetzen hätten. Vielleicht ist eine gesetzliche Regelung denkbar, die die

Regierung institutionell zu bestimmten Denkpausen zwingt. Ihr Sinn wäre, die Regierung zu veranlassen, die Weisheit eines akzeptierten politischen Kurses zu überdenken und unter Umständen ein Engagement – auch unter Verlusten – zu beenden.

Auf diesem etwas umständlichen Weg komme ich auf John Service zurück, der im Zentrum unseres Gesprächs hier steht.

Mr. Service wurde in China in der Provinz Szetschuan geboren. Er war der Sohn von Missionaren, die für den CVJM arbeiteten. Er verbrachte seine Jugend in China, bis er in die Vereinigten Staaten zurückkehrte, um am Oberlin College zu studieren. 1932 machte er sein Examen. Er heiratete eine Kommilitonin, und jeder, der Caroline Service kennt, wird diese Ehe als ein frühes Beispiel von Johns gutem Urteilsvermögen anerkennen. Nachdem er das Examen für den Eintritt in den auswärtigen Dienst abgelegt hatte, kehrte er nach China zurück, da er während der Depression keine Einstellung in den USA fand, und begann, als Büroangestellter in Kunming zu arbeiten. 1935 wurde er als Beamter des auswärtigen Dienstes eingestellt, arbeitete zunächst in Peking und Shanghai und schloss sich 1941 der Botschaft in Tschungking an. Während der Kriegsjahre diente er fast die Hälfte der Zeit im Lande, sah die politische Lage realistisch und unbeeinflusst von den ansteckenden Illusionen der Hauptstadt. Seine Möglichkeit, die Realitäten in China zu studieren, kamen an einen Gipfelpunkt, nachdem er Stilwells Stab zugeordnet worden war und als politischer Beamter der American Military Observers Mission in Yenan diente. Dies war der erste offizielle amerikanische Kontakt mit den Kommunisten. Seine vielen Gespräche mit Mao, Chou En-lai, Chu Te, Lin Piao und anderen Führern der Kommunisten, festgehalten in lebhaften, fast wörtlichen Berichten und mit klugen Kommentaren angereichert, sind eine historische Quelle von erstrangiger und einzigartiger Bedeutung. Ebenso eindrucksvoll sind Dokumente, die Services leidenschaftlichen Versuch belegen, die Politikmacher in Washington zu überreden und zu überzeugen. Zum Beispiel der Kurzbericht, den er für den Vizepräsidenten Wallace im Juni 1944 schrieb und das berühmte Gruppentelegramm an das Aussenministerium, das Services Handschrift trug – ein verzweifelter Versuch des Botschaftsstabes, Hurleys Politik aufzuhalten, die in ihrer bedingungslosen Bindung an das Schicksal Chiang Kai-sheks dem Untergang zutrieb. Wenn darin Leidenschaft enthaltet war, so war es zumindest aufgeklärte Leidenschaft.

Nach der Festnahme im Verlauf der «Amerasia-Affäre» von 1945 wurde Service entlastet und freigesprochen, 1948 auch befördert – nur um aufgrund der alten Vorwürfe 1949 wieder angeklagt zu werden, als der kommunistische Sieg in China in Amerika eine nationale Hysterie auslöste und dem Senator McCarthy in seltsamer Allianz mit der China-Lobby die Aufsicht über die amerikanische Seele anvertraut wurde. Wenn Chiang Kai-shek weiterhin die amerikanische Unterstützung geniessen sollte, so war es absolut notwendig, dass der «Verlust» von China nicht als Ergebnis einer falschen China-Politik erschien, sondern als das Werk einiger Subversiver, die von aussen auf dieses Ziel hingearbeitet hatten. Dieses Gespenst einer Verschwörung fügte sich nahtlos den Bedürfnissen bestimmter Kreise in Amerika. Zusammen mit anderen hatte Service unter den Folgen zu leiden. Trotz einer ganzen Reihe von Freisprüchen verfolgten ihn Zweifel an seiner Loyalität, und Dean Acheson entliess ihn 1951 aus dem auswärtigen Dienst. Davies und Vincent wurden wenig später von Dulles ebenfalls ihrer Ämter enthoben. Sechs Jahre lang kämpfte Service in den Gerichtshöfen um eine Wiederaufnahme seines Prozesses und erreichte 1957 vor dem Obersten Gerichtshof der Vereinigten Staaten einen einstimmigen Urteilsspruch zu seinen Gunsten. Er trat wieder in den auswärtigen Dienst ein, bekam aber keine Aufgabe zugewiesen, in der er sein Wissen um und seine Erfahrung in China hätte einsetzen können. Als deutlich wurde, dass auch die Kennedy-Regierung ihm keine geeignetere Aufgabe anvertrauen würde, trat Service 1962 zu rück und arbeitete seit dieser Zeit am Zentrum für China-Studien der Universität von Kalifornien in Berkeley.

Es ist ein für die Geschichte und für den Ruf des auswärtigen Dienstes glücklicher Umstand, dass die Berichte von Service und von seinen Kollegen aus China nun vorliegen und von jedem eingesehen werden können – in den veröffentlichten Bänden der U.S. Foreign Relations, China Series. Vor dem unbestechlichen Urteilsspruch der Geschichte erweisen sie sich als wahr und richtig.

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