Ohne X würden Millionen von Menschen glauben, es gehe in Frankreich um einen Schülerprotest…

Es kann vorkommen, dass das Dach eines öffentlichen Gebäudes leckt. Das sollte es zwar nicht, aber es kann vorkommen. Im März 2017 stürzte Alt-Bundesrat Christoph Blocher im Bundeshaus auf einer Wasserlache und brach sich mehrfach die Nase. Erst nachdem die Gefahrenstelle im Dezember erneut markiert werden musste, sah sich die Bundeshausverwaltung veranlasst, das Dach zu reparieren. Niemand in der SVP wäre deswegen auf die Idee gekommen, plündernd und brandschatzend durch die Berner Altstadt zu ziehen.

Anders in Frankreich: Als es am Lycée Saint-Exupéry in Créteil von der Decke tropfte und Lehrer nicht zum Unterricht erschienen, kam es zu gewalttätigen Protesten, die sich rasch auf mehrere Städte des Landes übergriffen. Schon am 9. Oktober meldete das Pariser Justizministerium 6877 Personen in Polizeigewahrsam, 86 Prozent davon minderjährig. In Nantes brannte eine Schule, in La Ciotat übergoss ein Jugendlicher einen Lehrer mit Benzin, in Paris wurde eine Polizistin zu Boden geprügelt.

Am 17. Oktober dann der grosse Aktionstag: 550’000 Demonstranten laut Innenministerium, das Rathaus von Limoges wurde ein Opfer der Flammen, die Galeries Lafayette und zahlreiche Läden mit Luxusmarken wurden von den Antikapitalisten geplündert: Rund 2400 Festnahmen.

Von «Schülerprotest» zu «Lebenshaltungskosten»

Ein nichtiger Anlass reichte der Qualitätsjournaille, um in der Folge unisono von «Schülerprotesten» zu sprechen. Dass man schon sehr ungebildet sein muss, um – im angeblichen Streben nach Bildung – Bildungseinrichtungen zu zertrümmern, wurde nicht thematisiert.

Wer diese zahlreichen Delinquenten sind und warum Frankreichs Unruhen seit 2005 so verlässlich in den Banlieues beginnen, fragt niemand. Zuwanderung kommt als Thema nicht vor, ausser als Vorwurf an jene, die danach fragen.

Die Spindoctors in den Redaktionen von Spiegel über Tagesanzeiger bis SRF kämpften allerdings auf verlorenem Posten. Tausendfach wurde auf X eine andere Geschichte erzählt: Auf Videos konnte jedermann erkennen, dass die Ausschreitungen grösstenteils von Horden integrationsunwilliger Migranten getragen werden.

Journalismus von unten

Nur auf X sah man die junge Frau, deren Stimme der Linken über Jahre sicher war, die für ein «freies Palästina» und eine «Willkommenskultur» eintrat, mit entsetztem Gesicht vor den Trümmern ihres geplünderten Ladens.

Als sich das Narrativ «Schülerprotest» nicht mehr länger aufrechterhalten liess, musste eine neue Sprachregelung her: Fortan war von Protesten gegen «hohe Lebenshaltungskosten» die Rede. Und erneut stellte kein Qualitätsjournalist die Frage, ob es intelligent sei, der Allgemeinheit hohe Kosten zu verursachen, wenn man bereits unter hohen Kosten leidet…

Nur auf X war zu sehen, wie die marodierenden Horden zu Hunderten die «Palästinenser-Flagge» schwenkten, und nur auf X war zu erfahren, dass die Schulschwänzerin Greta Thunberg die «Schülerproteste» unterstützte und zu Spenden aufruft.

Gewiss, auf X kursierte auch Unfug; Faktenchecker von France 24 identifizierten einige alte Videos und Bilder einer PSG-Meisterfeier – wobei diese auf die gleichen Ursachen zurückzuführen sind.

Das ist das Überzeugende an X. Falsches wird widerlegt, öffentlich und für alle sichtbar. In der Redaktionsstube wird das Unbequeme hingegen gar nicht erst gezeigt. Den Unterschied zwischen einer Korrektur und einem Schweigen kennt jeder Leser. Frankreichs Aussenminister Jean-Noël Barrot sagte es offen: Man bemühe sich, eigene Narrative zu verbreiten, statt denen anderer ausgeliefert zu sein. Narrative, wohlgemerkt, nicht Nachrichten.

Ein neuer Index

Elon Musk ist der Johannes Gutenberg unserer Tage. X verändert die Welt wie seinerzeit die Druckerpresse, die 1450 das Deutungsmonopol von Klerus und Fürsten zerschlug.

Die Mächtigen reagierten mit Vorzensur, Imprimatur und ab 1559 mit dem Index der verbotenen Bücher. Stets zum Schutz vor Irrlehre. Heute heisst das «Desinformation».

Auch dieses Muster wiederholt sich: Der Digital Services Act der EU verpflichtet grosse Plattformen, «systemische Risiken» für die gesellschaftliche Debatte zu mindern. Was der Debatte schadet, entscheidet die Kommission. Es drohen Bussen bis sechs Prozent des Weltumsatzes. Die Schweiz zieht mit dem KomPG nach, das sich laut Bundesrat «eng am DSA» orientiert. Selbst der erläuternde Bericht räumt ein, dass Plattformen aus Haftungsangst übermässig löschen könnten.

Genau darum geht es. Wer mit solchen Bussen droht, braucht keinen Zensor mehr. Die Plattformen löschen in vorauseilendem Gehorsam selbst. Der Index wurde erst 1966 abgeschafft. Gebracht hat er nichts, ausser dass die verbotenen Bücher umso eifriger gelesen wurden.

Die Qualitätsjournaille, insbesondere auch das zwangsgebührenfinanzierte SRF, die das Publikum – aus rein politischen Erwägungen – nachweislich mit falschen Narrativen versorgen, die von «Schülerprotesten» palavern, wo es in Tat und Wahrheit um den von Samuel Phillips Huntington beschriebenen «Zusammenprall der Zivilisationen» geht, werden hingegen nichts zu befürchten haben…

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