Damals in der Armee – Erlebnisse aus rund 1400 Tagen Militär

Ein Gastbeitrag von alt Nationalrat und Oberstleutnant Hans Fehr, Eglisau ZH

Montag, 21. Juli 1969. Mit vielen Kollegen rückte ich an diesem heissen Sommertag (an dem Neil Armstrong auf dem Mond landet) in die Motorisierte Infanterie (Mot Inf) RS  in Bière ein. Die Stimmung im Bière-Apples-Morges-Bähnli (BAM) ist eher lustlos. Obwohl uns ein älterer Kollege wegen der Holzbänke schalkhaft vorgewarnt hat – „S’BAM-Bähnli hät jetzt au Spis-Wäge; chum isch me abghocke, hät me scho en Spise im Füdli ine“ – ist das kein Problem. Den meisten „stinkt“ es. Viele hätten Ferien gehabt. Wäre jemand gekommen und hätte uns gesagt: „Ab sofort ist der Militärdienst freiwillig“, so wären mit Sicherheit 90 Prozent wieder nach Hause zurückgekehrt, ich ebenfalls. Weil dieser „Jemand“ aber nicht gekommen ist, habe ich nachträglich noch rund 1400 Diensttage geleistet – und ich denke, nicht zu meinem Schaden und nicht zum Schaden der Schweiz. (Die absurde Idee einer „freiwilligen Miliz“ wurde dann später von sogenannten Sicherheitspolitikern wie SP-Nationalrätin Chantal Galladé und vielen ihrer Genossen vor einigen Jahren tatsächlich vertreten, ist aber zum Glück im Abfallkübel gelandet.)

Als uns Leutnant Konrad Schneider, unser Zugführer, ein sportlicher „Beau“, zum ersten Mal zu Gesicht bekommt, meint er kurz: „I bi Lehrer in Fribourg und füere dert en achti Klass“ – dann ruft er zackig: „Zug Schneider, mir nach!“ und spurtet weit in die „Prärie“ hinaus, bis er endlich anhält und wir, schweissüberströmt, etwas verschnaufen können. In kurzer Zeit schwitzen wir in jenen Tagen etliche Hemden durch, denn „Gnägi-Leibchen“ gab es damals noch nicht.

Vor allem In den ersten Wochen nimmt uns der Zugführer gewaltig in die Kur. Unsere Begeisterung für ihn ist relativ gering. Als etwas nicht klappt, befiehlt er uns am Abend anstelle des Ausgangs im „Tenue blau“ zur Kampfbahn. Kaum haben wir damit angefangen, kommt der alte Oberst Wettstein, der vorübergehend als Schulkommandant fungiert, auf den Platz und fragt den Leutnant vorwurfsvoll: „Worum sy die Lüüt da usse statt im Usgang?“ Schneider versucht sich zu erklären – aber Wettstein meint: „Jetzt göit Dir sälber über d’Kampfbahn, Lütnant!“ Diese völlige Blossstellung unseres Leutnants freut uns nur halb, denn trotz einer gewissen Schadenfreude ist es uns klar, dass Wettstein einen krassen Führungsfehler begeht. Nachdem dieser gegangen ist, bietet uns der Leutnant Zigaretten an, und wir verstehen uns in der Folge recht gut.

Einer unserer abverdienenden Unteroffiziere ist Korporal Mehr – nicht gerade der intellektuelle Typ (aber von dieser Sorte hat es ohnehin zu viele). In unserer vierten (Minenwerfer-) Kompanie hat es neben dem Zürcher und dem Solothurner auch einen welschen Zug. Eines Abends, beim Antrittsverlesen vor dem Ausgang, ist es unruhig. Korporal Mehr als „Führer rechts“ (Stellvertreter des Zugführers) will die Unruhestifter ausfindig machen und ruft laut in seinem ausgeprägten Solothurner Slang: „Wär isch’s?“ Niemand regiert. Korporal Mehr ruft noch lauter: „Wär isch’s?“ Keine Reaktion. Da kommt ihm in den Sinn, dass die Welschen ihn möglicherweise nicht verstehen. Also versucht er es auf „Hochdeutsch“ und schreit energisch: „Wer ist?“ Schallendes Gelächter erfüllt den Kasernenhof. Ohne es zu wissen hat Mehr eine geradezu existenz-philosophische Frage (nach dem Wesen des Seins) aufgeworfen.

Gefürchtet ist insbesondere der Kompanie-Instruktor Hauptmann im Generalstab Jürg Übersax, genannt „Sexy“. Er macht uns Rekruten mächtig Eindruck, und mancher macht fast in die Hosen, wenn Übersax mit dem VW-Käfer auf den Ausbildungsplatz rollt, dem Gefährt elegant entsteigt und bald einmal den ersten von uns wegen irgendetwas „zusammenscheisst“. Er versteht das militärische Handwerk zweifellos, er kann aber auf Rekruten und Kadern regelrecht „herumtrampeln“. Mit der Zeit wird er aber auch im Umgang ganz passabel.

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Im Herbst 1979, bei Grossmanövern in der Ostschweiz, kann ich eine gewisse Schadenfreude dennoch nicht verkneifen. Als Verbindungsoffizier zwischen der damaligen Mechanisierten Division 11 (Mech Div 11) und „meinem“ Motorisierten Infanterieregiment (Mot Inf Rgt) 25 werde ich Zeuge eines Zwischenfalls: Bei einem Rapport auf dem Divisions-KP (Kommandoposten) will Divisionär Weidenmann von Oberst Reinhart, Kommandant eines Panzerregiments, wissen, warum die Zusammenarbeit zwischen Panzer und Infanterie im Bereich eines Thurabschnitts nicht geklappt habe. Dieser meint wütend: „Wenn das dieser Major (gemeint ist der ebenfalls anwesende Übersax) nicht zustande bringt, dann können wir aufhören!“ Der arme Übersax macht den Eindruck, als würde er am liebsten in einem Mausloch verschwinden.

Nach Jahren sehe ich ihn zu meiner Überraschung jedoch in der „Tagesschau“. Er ist jetzt Militärattaché in Moskau, sitzt am gleichen Tisch wie Gorbatschow und macht einen standesbewussten Eindruck. Ich mag es ihm gönnen.

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Unteroffiziersschule und Abverdienen im Sommer/Herbst 1970, wiederum in Bière. Einer meiner besten Kollegen ist der Solothurner Armin Flury; er ist sehr interessiert am weiblichen Geschlecht und hat eine schöne junge Freundin. Eines Tages, zurück aus dem Urlaub, erzählt er begeistert von der Mutter der Freundin, die er erstmals gesehen habe: „Ihr gloubet’s nid, aber di Auti (die „Alte“) isch no besser als die Jungi!“. Und obwohl er praktisch kein Französisch spricht, versucht er sein Glück später auch bei den Frauen in St. Imier, wo wir in der „Verlegung“ sind. Als er am Abend im Restaurant eine junge Frau erspäht, die etwas verlassen an einem Tisch sitzt, wählt er den direkten Weg und spricht sie an: “Mademoiselle, vous avez des problèmes?“ Ihr Blick ist derart abweisend, dass selbst Flury aufgibt und sich rasch zurückzieht.

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In St. Imier, wo wir 1970 während meines Abverdienens als Korporal in der Verlegung sind, hätte sich mein erwarteter Vorschlag für die Offiziersschule beinahe in Luft aufgelöst. Der Ausgang ist eines Abends etwas lang geworden, und als ich endlich schlafen gehe – ich teile das Zimmer mit dem bereits beschriebenen Armin Flury – sind wir beide der festen Meinung, der „andere“ habe den Wecker gestellt. Am andern Morgen, es ist schon verdächtig hell, schrecke ich plötzlich aus dem Schlaf. Und oh Schreck: Statt 0530 Uhr ist es zehn vor sieben. Und um sieben Uhr ist Antrittsverlesen! Verantwortlich für die Bereitschaft der vielen Unimog S  (Blachen gerollt, Material und Munition verladen) bin ich als „Führer rechts“. Blitzschnell stürzen wir uns in den Kampfanzug und rennen hinter zum Bahnhofplatz. Schon von weitem höre ich den Kompaniekommandanten laut fluchen: „Welches faule Ei ist hier verantwortlich?“ Ich melde mich und stottere irgendetwas. „Das hat Folgen. Sie werden von mir hören!“ kanzelt mich der Kadi ab. Nach einigen Wochen gibt er mir dennoch den Vorschlag – weil es eine einmalige Schlamperei gewesen sei und er eine „Gesamtbeurteilung“ vorgenommen habe. Erleichtert und mit dem Gedanken „Es gibt noch eine Gerechtigkeit“ melde ich mich ab.

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Infanterie-Offiziersschule (Inf OS) 1971, Zürich. Am Morgen des zweiten Tages sind wir Aspiranten beim Frühstück in der Kantine. Es ist die Zeit der 4- und 6-Pfünder-Brote und der  Vierfruchtkonfitüre. Wir sind hungrig und schneiden grosse Brotscheiben ab, bestreichen sie reichlich mit Butter und Vierfruchtkonfitüre – und „schieben“ sie in den Mund. Da kommt der OS-Kompaniekommandant, Hauptmann i Gst (im Generalstab) Louis Geiger (der spätere Divisionär, leider vor einigen Jahren verstorben) herein und befiehlt: „Das Ganze halt! Ich sage Ihnen jetzt, wie man Konfitürenbrote isst: Das Brot ist in mundgerechte Brocken zu zerteilen, diese sind einzeln zu bestreichen und dann in den Mund zu führen.“ So haben wir neben viel Militärischem auf Ziviles gelernt.

Eines Tages gibt es während einer Übung eine Unklarheit. Ein Auftrag wird nicht zur Zufriedenheit von Hauptmann i Gst Geiger, der gerade als Klassenlehrer fungiert, ausgeführt. Er stellt den verantwortlichen Kameraden zur Rede. Dieser will sich erklären und stottert: „Herr Hauptme, Aspirant X, es hät gheisse …“ Weiter kommt er nicht. Geiger schneidet ihm das Wort ab mit der Bemerkung: „Es hät gheisse existiert in einer Infanterie-Offiziersschule nicht. Wenn Sie solche Ausdrücke brauchen wollen, dann gehen Sie zu den Train-Rekruten. Die reden so!“

Schiessverlegung im Münstertal. Im Spätsommer sind wir bei zumeist schönem Wetter drei Wochen in der Schiessverlegung im Biwak auf der Alp Campatsch oberhalb von Lü/Lusei mit unserem Klassenlehrer Hauptmann i Gst Ostertag, dem späteren Divisionär. Eines Tages bekommen wir zu dritt die Bewilligung, mit dem Jeep hinter nach Schuls zu fahren – zwei Aspiranten müssen zum Arzt, ich wegen einer herausgebissenen Plombe zum Zahnarzt. Fahrer ist Aspirant Attinger. Bis vor Lavin geht alles gut, dann muss der schnelle Attinger wegen einer Baustelle abrupt bremsen, der Jeep gerät auf der nassen Fahrbahn ins Rutschen, fährt auf die Strassenböschung und kippt zu unserem Schrecken zur Seite. Ich habe ein Bein eingeklemmt und hinke, die andern haben ein paar Prellungen – weiter nichts. Aber der Jeep ist sichtbar lädiert, einiges ist verbogen. Was nun? Die Bauarbeiter helfen uns, den Jeep wieder aufzustellen. Attinger fährt zur nahen Garage und überredet den Inhaber, den Jeep rasch und wenigstens einigermassen zu reparieren. Und uns bestürmt er, wir müssten nun „gute Kameraden sein“. Wenn die Geschichte auskomme, werde er ohne Wenn und Aber nach Hause geschickt. Wir haben Bedenken, wollen aber natürlich  „gute Kameraden“ sein und erfinden gemeinsam eine einigermassen plausible Erklärung, warum wir erst am späteren Abend wieder auf der Alp eintreffen. Ostertag hört sich die Geschichte an, scheint aber nur halbwegs überzeugt. Nach zwei Tagen will er die Sache nochmals hören – und am Schluss sagt er: „Meine Herren, jetzt sagen Sie mir, wie es wirklich gewesen ist!“ Und so sagen wir eben die Wahrheit – und bitten um „Gnade“ für Attinger, denn wir fühlen uns mitschuldig. Am Ende der Verlegung, zurück in der Kaserne, werden wir am Abend mit Helm und Bajonett zu Kompaniekommandant Geiger befohlen. Und er erteilt uns – in einem würdig-feierlichen Rahmen – einen Verweis. Grund der milden Strafe: Falsch verstandene Kameradschaft.

Zur Infanterie-Offiziersschule gehören auch einige lehrreiche Wochen an der Schiessschule (heute AAZ) Walenstadt. Wir lernen Gruppenübungen anzulegen, Übungen zu leiten, vertiefen uns in die Schiesslehre, es gibt viel Sport und einen 50 km-Marsch, und wir sollen auch die Schiessfertigkeit mit der persönlichen Waffe verbessern. Im Walenstadterberg hat es Parcours mit elektronischen Scheiben. Als ich mich anschicke, auf eine solche Scheibe zu schiessen, taucht plötzlich Geiger neben mir auf. Ich melde mich an, und er fragt: „Wie viele Schüsse brauchen Sie, um jene Scheibe  zu treffen?“ Ich schätzte die Distanz und komme gemäss Schiesslehre auf zwei Schuss. „Also los!“ befiehlt Geiger. Erster Schuss – die Scheibe macht keinen Wank. Zweiter Schuss – wieder daneben. „Schlechter Schütze!“ kommentiert Geiger. Dritter Schuss – die Scheibe zeigt sich wieder unbeeindruckt. „Miserabler Schütze – Sie müssen noch viel üben!“ bemerkt Geiger und begibt sich von dannen. Ich bleibe ein „mittelprächtiger“ Schütze und tröste mich mit dem Ausspruch des seinerzeitigen Korpskommandanten Ulrico Hess, der als mittelmässiger Schütze jeweils meinte: „Wüssed Sie, ich mues gar nid gut chöne schüsse, ich mues defür sorge, dass mini Soldate (vom Feldarmeekorps 4) gut schüssed.“

In der Winter-RS 1972 verdiene ich den Leutnantsgrad ab, wiederum in „vertrauten“ Bière. (Wenn immer möglich, habe ich damals meine Beförderungsdienste in der kälteren Jahreszeit geleistet, in der Überzeugung: Gegen Kälte kann man sich schützen, gegen die Hitze kaum). Dieser Grundsatz beginnt aber wegen der ekelhaften Bise, die oft über die „Prärie“ von Bière fegt, hin und wieder zu wanken. Mein ehemaliger Schulkollege Andreas Farner, der zu meiner freudigen Überraschung in der gleichen Kompanie den Leutnant abverdient, meint denn auch zurecht: „Das schönste Tenue im Militär ist eben doch das Pyjama!“

Der Schulkommandant, Oberstleutnant Piot, ein väterlich-würdiger Vaudois alter Schule, ehemaliger Lehrer in Bière, der alle und alles kennt, führt die RS wie ein Patron und „un homme de culture“, straff und zugleich mit Kompetenz, Würde und Autorität. Mehrmals befiehlt er das ganze Schulkader zu einer speziellen „Übung“: Wir verschieben uns am Abend in irgendein Waadtländer Dorf abseits der Heerstrasse – und landen in einem verborgenen ländlichen Château oder in einem äusserlich unscheinbaren „Relais gastronomique“, und es gibt ein Fest sondergleichen mit guter Küche, der Dorfmusik (Les fanfares), örtlichen Behördevertretern und Kurzansprachen. Neben den militärischen Angelegenheiten funktioniert so auch der kulturelle Austausch bestens. Bei grösseren Übungen und in den Verlegungen lernen wir Deutschschweizer mehr oder weniger die ganze Westschweiz kennen: Den Marcheruz, La Brévine, Neuchâtel, die Vue des Alpes, das Grosse Moos, das Broyetal, das Gros de Vaud, das Wallis vom Pfynwald bis Champéry, den Kanton Freiburg und vieles mehr. Und das Eindrücklichste: Wir marschieren oder fahren quasi vom Winter in den Frühling mit all seinen Schönheiten. Ich hoffe, dass davon trotz WEA – der „weiterentwickelten Armee“ mit bloss 100‘000 Mann – noch etwas übrig bleibt.

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Im Herbst 1972, meinem ersten WK als Zugführer, sind wir Übungstruppe für die Schiessschule Walenstadt. Dabei ereignet sich im Nachbarbataillon bei einer Übung mit Minenwerfern im scharfen Schuss ein schwerer Unfall. Der „Lader“, der die Wurfgranaten bei einem „Schnellfeuer“ von oben ins Rohr einführen muss (der Aufschlagzünder im Rohrboden aktiviert danach eine Treibladung, welche die Granate auf die Flugbahn schickt) tut dies im Eifer des Gefechts zu rasch: Er führt die nächste Granate so schnell vor die Rohrmündung, dass sie von der vorherigen Granate, die das Rohr erst gerade verlässt, weggeschleudert wird und tragischerweise nach kurzer Distanz in der Nähe einer Soldatengruppe explodiert. Mit allerschlimmsten Folgen: Mehrere Soldaten werden getötet oder verletzt.

Dieser tragische Unfall lastet für längere Zeit wie ein furchtbares Fanal über der Truppe. Er zeigt, dass der Umgang mit Waffen und scharfer Munition immer ein „Ernstfall“ ist und dass kleinste Unachtsamkeiten und Ausbildungsmängel schwerste Folgen haben können.

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Winter-RS 1972, motorisierte Infanterie, Waffenplatz Bière. Im Verlauf dieser unvergesslichen RS, in der ich „den Leutnant“ abverdiene, sind wir in der Schiessverlegung in einer gut eingerichteten Baracke in Champéry oberhalb von Monthey. Eines Tages üben wir mit den Minenwerfer-Zügen wieder taktische Stellungswechsel. Das heisst: Nachdem wir ein erstes Ziel bekämpft haben, müssen wir – um nicht geortet und selbst zum Ziel zu werden – sofort zu Fuss, samt Material und Munition, einen etwa 300 Meter entfernten neuen Stellungsraum beziehen und von dort weitere Ziele bekämpfen – und so fort. Eine gewaltige Anstrengung für alle – aber es läuft gut, und mein Solothurner Zug wird entsprechend gelobt.

Als der „Grosskampftag“ bald zu Ende ist – wir sind in der Nähe eines Alpstalles in Stellung – gehe ich um den Stall herum und stehe auf der rückwärtigen Seite vor einem vermeintlich zementierten Platz, von dem wegen des einsetzenden Regens dicke Tropfen aufspritzen – wie eben von einem Zementboden. Ich gehe weiter und – o Schreck – versinke bis zu den Achseln in einer Jauchegrube mit dickflüssigem Inhalt. Irgendwie schaffe ich es, wieder herauszukommen, über und über mit stinkender Jauche verziert. Möglichst unauffällig melde ich mich beim Stellvertreter vorübergehend ab, werde auf der Brücke eines Unimog S zur Unterkunft gekarrt und befreie mich dort von der stinkenden Mistbrühe. Mit einem sauberen Kampfanzug erscheine ich danach wieder auf der Alp, wo das Ereignis natürlich längst die Runde gemacht hat. „Gschäch nüt Schlimmers“, lautet mein Kommentar.

Etwas sehr Schlimmes erlebe ich hingegen im Herbst 1972, in meinem ersten WK als Zugführer. Unser Motorisiertes Füsilierbataillon (Mot Füs Bat) 106 ist Übungstruppe für die Schiessschule Walenstadt. Dabei ereignet sich im Nachbarbataillon bei einer Übung mit Minenwerfern im scharfen Schuss ein schwerer Unfall. Der „Lader“, der die Wurfgranaten bei einem „Schnellfeuer“ von oben ins Rohr einführen muss (der Aufschlagzünder im Rohrboden aktiviert danach eine Treibladung, welche die Granate auf die Flugbahn katapultiert), tut dies im Eifer des Gefechts zu rasch: Er führt die nächste Granate so schnell vor die Rohrmündung, dass sie von der vorherigen Granate, die das Rohr erst gerade verlässt, weggeschleudert wird und tragischerweise nach kurzer Distanz noch im Stellungsraum explodiert. Mit allerschlimmsten Folgen: Mehrere Soldaten werden getötet oder verletzt. Dieser tragische Unfall lastet für einige Zeit wie ein schlimmes Fanal über der Truppe. Er zeigt, dass der Umgang mit Waffen und scharfer Munition immer ein Ernstfall ist und dass kleinste Unachtsamkeiten oder Ausbildungsmängel schwerste Folgen haben können.

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Die WK und Kurse in den Folgejahren, wo ich Zugführer und dann Stellvertreter des Kommandanten bin, sind voller besonderer Ereignisse, die ich hier aus Platzgründen nur punktuell erwähnen kann. So „ersaufen“ wir im Winter-WK 1974 in San Bernardino buchstäblich in den Schneemassen. Jeder Meter, der für Übungen im Gelände gebraucht wird, muss zuerst freigeschaufelt werden. Schon im Kadervorkurs im Raum Zillis-Andeer schneit es am Sonntag ununterbrochen. Bei einer Theorie mit dem ganzen Bataillons-Kader meint der bereits erwähnte Jürg Übersax, nunmehr Major und unser Bataillonskommandant, zu seinen nicht sehr motivierten Zuhörern: „ Meine Herren, reissen Sie sich zusammen! Ich kann Ihnen eines garantieren: Den Soldaten, die morgen einrücken, stinkt es noch viel mehr. Seien Sie Vorbilder und keine Jammerlappen!“

Der WK geht dann noch ganz leidlich über die Bühne. Schliesslich wird unser Motorisiertes Infanterieregiment (Mot Inf Rgt) 25 – Kommandant ist der mir bereits als Turndidaktiklehrer vom Oberseminar bekannte Oberst Hans Futter – im Bodenseeraum zur Unterstützung des Grenzwachtkorps eingesetzt. Die Zusammenarbeit funktioniert nach kurzer Einführung tadellos. Warum der Bundesrat in den letzten Jahren gegenüber solchen Einsätzen immer mit Wenn und Aber reagiert hat, ist mir unverständlich. Auch unsere heutige Milizarmee kann solche Einsätze bei Bedarf ohne Probleme leisten.

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1979 kommt mein militärisches „Schicksalsjahr“. Nach den grossen Frühjahrsmanövern des Feldarmeekorps 4 bekomme ich vom damaligen Regimentskommandanten Oberst i Gst (im Generalstab) Bernhard Wehrli den Vorschlag für die Zentralschule 1 (heute Führungslehrgang). In der Schiessschule Walenstadt, die ich zunächst absolviere, lernen wir als angehende Kompaniekommandanten vor allem, mit Übungstruppen grössere Übungen anzulegen, durchzuführen und zu beurteilen. Schon damals legendär ist unser Klassenlehrer, Major i Gst Ulrico Hess – der geborene Troupier und spätere Korpskommandant – der jeweils ein paar Stichworte für die Übungsbesprechung auf seine berühmte Cigarilloschachtel kritzelt und die Leute zu begeistern weiss. Zu meiner Freude treffe ich ihn gegen Ende des Jahres wieder als Klassenlehrer in der Zentralschule auf dem Monte Ceneri, die ich bei der Felddivision 6 unter Frank Seethaler absolviere. In jenen Wochen lernen wir das Tessin recht gut kennen – vor allem bei Übungen im Malcantone, im Mendrisiotto und im Raum Isone. Nach Arbeitsschluss besuchen wir mit Hess hin und wieder kleine, versteckte Grotti, die nur er zu kennen scheint, wo es „Salami Nostrano, Pane e Merlot“ in bester Qualität gibt und wo Clay Regazzoni wie ein Halbgott verehrt wird.

1982 übernehme ich das Kommando der Motorisierten Schweren Füsilierkompanie IV/106, in der ich schon mehrere WK geleistet habe. Im Frühjahr verdiene ich aber zunächst den „Kadi“ ab. Weil meine Frau und ich zwei kleine Kinder haben und die Schwiegereltern bei Aarau wohnen, wird meinem Gesuch, in Aarau abverdienen zu können, entsprochen, was für unsere junge Familie einiges erleichtert.

Zunächst gibt es zwei Wochen Vorkurs mit dem Kader, danach folgen 17 Wochen mit den Rekruten – eine lange aber sehr gute Zeit. In einem 2-tätigen „Kurs für angehende Einheitskommandanten“ treffe ich wieder auf den bereits aus der Offiziersschule bekannten Louis Geiger, nunmehr Oberst i Gst und Kurskommandant. Er gibt uns hilfreiche und praxistaugliche Ratschläge für das Abverdienen und meint: „Wenn Sie jeweils am Wochenende nach Hause kommen, dann belasten Sie Ihre Frau ums Himmels Willen nicht mit Ihren Militärgeschichten und -problemen! Seien Sie voll da für Ihre Familie. Und nehmen Sie auch die ‚Staubsaugerprobleme‘ ernst.“ Geiger hatte – einmal mehr – Recht.

Beim Abverdienen in Aarau stimmt wirklich alles. Oberst i Gst Werner Frey (später Kommandant der Felddivision 5) ist ein vorbildlicher Schulkommandant. Er erzählt uns in einer lockeren Stunde, dass er als Hauptmann ein Ausbildungsjahr bei der finnischen Armee verbracht habe. Bei Hinflug habe ihm die finnische Hostess so gut gefallen, dass er sie „gerade“ geheiratet habe. Auch der legendäre Adjutant und SP-Kantonsrat Salm, die Hauptleute i Gst Hubeli und Stadler und weitere Instruktoren sind echte Vorbilder. Stadler geht zwar am Anfang mit uns abverdienenden Kommandanten bis an die Grenze zur Schikane – aber mit der Zeit verstehen wir uns so gut, dass wir seiner Frau zur Geburt des ersten Kindes sogar Blumen ins Spital bringen.

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Spätherbst 1982. Erster WK als Kompaniekommandant. Meine Motorisierte Schwere Füsilierkompanie (Mot Sch Füs Kp) IV/106, die zum Motorisierten Infanterieregiment (Mot Inf Rgt) 25 gehört, ist in der Gemeinde Wald im Zürcher Oberland stationiert. „Ein militärfreundlicher Ort“, versichert mir der Gemeindepräsident – und das bewahrheitet sich auch. Unser Schiessplatz „Wängital-Speer“ ist allerdings recht weit entfernt, dafür aber ausgezeichnet – und es gibt sogar eine gute Bergwirtschaft. Auch für unsere Minenwerfer ist der Schiessplatz ideal. Eines Tages, bei schönstem Herbstwetter, ist das Schiessen wieder in vollem Gang. Die Beobachter-Unteroffiziere und die Geschützmannschaften arbeiten gut. Die Schiesswachen sind an den entscheidenden Stellen postiert, denn bei diesem guten Wetter muss mit Wanderern im Speergebiet gerechnet werden.

Im Lauf des Nachmittags taucht plötzlich ein Mann aufgeregt im Stellungsraum auf und verlangt, sofort den „Kadi“ zu sprechen. „Sie haben mich dort oben fast erschossen!“ klagt er mich an. Mehrere Granaten seien unmittelbar in seiner Nähe explodiert, und er werde das dem „Blick“ melden. Nach und nach beruhigt er sich, und wir klären genau ab, welchen Weg er gegangen ist. Nach Rücksprache mit den Beobachtern, der Feuerleitstelle und den Schiesswachen stellen wir fest: Ein Schnellfeuer von vier Schuss ist etwa 250 Meter von ihm entfernt eingeschlagen. Die Wurfgranaten und der Widerhall von den Felswänden haben einen derartigen Lärm verursacht, dass der Mann glaubte, fast getroffen worden zu sein. Zudem stellt sich heraus, dass er kurz vor einer Schiesswache den Weg verlassen und diese auf einer sehr gewagten Abkürzung umgangen hat. Wie dem auch  sei: Wir alle sind froh, dass nichts passiert ist – und dass sich der saloppe Spruch „Ein Minenwerfer-Kadi ist immer mit einem Bein im Gefängnis“ nicht bewahrheitet hat.

Eine Woche später findet im Raum Zürcher Oberland/Ricken eine grössere Manöverübung statt, für welche eine „Kampfgruppe Ricken“ gebildet wird – bestehend aus dem Infanteriebataillon (Inf Bat) unseres Regiments, und verstärkt durch meine Kompanie, der noch zwei Grenadierzüge unterstellt werden. Nachdem wir Mönchaltdorf „gehalten“ und die Hauptachsen mit den Grenadieren gesperrt haben (einer der Grenadierzugführer ist der heutige Thurgauer Ständerat Roland Eberle) kommt in der Nacht der Befehl zur Verschiebung Richtung Ricken und zum Bezug eines gesicherten Halts. Alles funktioniert gut – und dann geschieht das Seltsame: Wir wollen Verbindung mit dem Kommandanten des Inf Bat aufnehmen, aber er ist am vereinbarten Ort (Kommandoposten) unauffindbar und bleibt wie vom Erdboden verschwunden. Wegen des Funkverbots schicke ich eine Jeep- und eine Motorradpatrouille los. Ohne Erfolg. Wir verstärken die Wachen und fassen vorbehaltene Entschlüsse (für mögliche Einsätze). Im Morgengrauen endlich erfahren wir von einem Offizier des Regimentsstabes, dass auch sie während Stunden keinen Kontakt zum Inf Bat-Kommandanten gehabt hätten. Was genau los war, habe ich nie erfahren. Am besten halten wir uns wohl an William Shakespeare, der Hamlet zu Horatio (1. Akt, 5. Szene) sagen lässt: „Es gibt mehr Ding‘ zwischen Himmel und Erde, als Eure Schulweisheit sich träumen lässt“.

Mein erster WK als Kadi endet schliesslich mit einer umfassenden Inspektion durch den Regimentsstab auf dem Schiessplatz Wängital-Speer. Das Wetter ist neblig, regnerisch und kalt – dennoch „läuft es“ gut. Und im Inspektionsbericht, auf den die ganze Kompanie stolz ist, heisst es: Präsentation, Tarnung, Ausbildungsstand an der persönlichen Waffe und an den Korpswaffen, Sanitätsdienst etc. „sehr gut“. Und zusätzlich steht der Satz: „Trotz des garstigen Wetters hat die Kompanie mit vollem Einsatz gearbeitet, und wir hörten keinen einzigen Fluch und kein böses Wort.“  Fast zu schön, um wahr zu sein. Allerdings sind nicht alle meine WK derart „harmonisch“ verlaufen.

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Der Februar-WK 1984 ist hart. Wir sind im bernischen Eriswil, am Rand des Napfgebietes, stationiert. Und es ist saukalt. Die Wache beim Kantonnement (Truppenunterkunft) hält es nur mit Spezialausrüstung – mit pelzgefütterten Mänteln, Stiefeln, Handschuhen und Mützen – und auch so nur für eine Stunde aus; dann wird sie wieder abgelöst. Auf dem Programm steht als „Höhepunkt“ die mehrtägige Übung „Schneelöwe“ im Gebiet „Eriswil/Ahorn/Trachselwald. Die drei Minenwerferzüge operieren als Jagdkampf-Detachemente im abgelegenen Gebiet der Gräben und Eggen.

Nach der Befehlsausgabe folgt der gedeckte Anmarsch mit voller Ausrüstung, dann bezieht jeder Zug  ein Basislager im zugewiesenen Raum und richtet es so ein, dass man darin „leben“ kann. Danach bekommen die Züge gestaffelt immer wieder neue Einsatzbefehle für Erkundungen, Verschiebungen, Säuberungen, Feuerüberfälle und dergleichen mehr. Ruhephasen wechseln ab mit harten Einsätzen. Mit „verschleiertem“ Funkverkehr und Meldeläufern koordinieren wir das Ganze. In der Morgenfrühe des dritten Tages erreichen die Züge nach etlichen Einsätzen und grösseren Marschleistungen schliesslich das Schloss Trachselwald, wo die ganze Kompanie mit einem üppigen Frühstück überrascht wird. Nach dem motorisierten Rücktransport nach Eriswil, dem „Parkdienst“ und dem „Inneren Dienst“ (Reinigung, Dusche) und der Materialkontrolle findet vor dem Abtreten in den Urlaub die Übungsbesprechung statt. Und siehe da: Trotz Kälte und harter Beanspruchung wird „Schneelöwe“ auch von den Soldaten fast unisono als „eine gute und interessante Sache“ beurteilt. Überhaupt habe ich immer wieder festgestellt, dass anspruchsvolle und möglichst realistische Übungen mit klaren Zielsetzungen von den Soldaten und vom Kader in aller Regel positiv beurteilt werden. Das galt damals, und es gilt auch heute.

Nicht sehr erfolgreich ist die Übung „Schneelöwe“ indes für mich selbst. Weil ich auf dem steinhart gefrorenen Boden mit eher „suboptimalen“ leichten Stiefeln nicht nur marschiere, sondern bei den Einsätzen der Züge auch oft an Ort und Stelle verharren muss, verfärben sich die Zehen meines linken Fusses in der Folge immer mehr  ins Violette – und vor allem werden sie völlig gefühllos. Es dauert sechs Wochen, bis die Zehen wieder zur Normalität zurückgefunden haben. Auch wegen meiner Zehen ist mir der „Schneelöwe“ sehr eindrücklich und „nachhaltig“ in Erinnerung geblieben.

Im gleichen WK 1984 verschiebt sich unser Bataillon auch noch für eine Übung nach Bure. „Schulung der Zusammenarbeit Panzer/Infanterie“ lautet das Thema. Unser Partner ist das Panzerregiment 3 unter dem straffen Kommando von Oberst i Gst Hans-Rudolf Blumer, dem späteren Kommandanten der Mechanisierten Division (Mech Div) 11, dem ich damals zum ersten Mal begegne. Die Übung läuft über mehrere Phasen – und selbstverständlich über Nacht – und es ist einmal mehr saukalt, aber dank viel „Bewegung“ und guter Ausrüstung erträglich. Wir gehen schlussendlich weit weg von den Kasernen an der Peripherie des Waffenplatzes in Stellung, um einen möglichst grossen Wirkungsraum für die Minenwerfer zu gewährleisten.

Unmittelbar nach Übungsabbruch soll die Übungsbesprechung stattfinden. Aber die „Abbruch-Meldung“ erreicht uns viel zu spät. Im Laufschritt spurten wir mehrere Kilometer zur Besprechung und kommen dort dennoch etwas zu spät an. Oberst Blumers spitzer Kommentar: „D‘ Minewerfer chömmed natürli wieder emal zspat!“ erfüllt uns mit Wut. Aber der Stolz verbietet mir jede Rechtfertigung. Denn schon damals hatte ich mir die „Lebensweisheit“ eingeimpft: „Die Begründung des Misserfolgs interessiert nicht.“ Die Konsequenz in allen Lebenslagen muss deshalb lauten: „Erfolg sicherstellen, statt Misserfolg begründen!“ – auch wenn dies nicht immer gelingt.

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