Türkei: Mit dem Rücken zur Wand – Ein Gastbeitrag von Hans Kaufmann

Die Türkei-Krise trifft nicht nur die Türkei, sondern auch andere Emerging Markets (EM), denn auch dort ist die Verschuldung in Lokal- und Fremdwährungen in den letzten Jahren massiv angestiegen. Deshalb können steigende Zinsen und ein starker USD auch andernorts zu Problemen führen.

Die grenzüberschreitenden USD-Kredite der EM haben sich von rund USD 600 Mrd. im Jahre 2000 auf derzeit USD 2’489 Mrd. rund vervierfacht. Der Preiszerfall wichtiger Exportrohstoffe und die Kurseinbrüche am Forex-Markt, aber auch der sich zuspitzende globale Handelskrieg stellt die Bonität und den bis anhin erfreulichen Wirtschaftsverlauf wieder infrage, auch wenn die Währungsreserven vieler EM stattlicher sind als anlässlich der früheren EM-Krisen (1987: Brasilien, 1995: Mexiko, 1997: Asien, 2002: Argentinien). Beim politisch motivierten Wirtschaftskrieg zwischen den USA und der Türkei geht es nicht nur um die Freilassung eines inhaftierten US-Predigers in der Türke, sondern um die Rückeroberung der globalen Führerschaft der USA gegen Russland und China nach dem Motto «America first». Wirtschaftlich würde Europa von einer eskalierenden Türkei-Krise weit stärker getroffen als die USA. Der Konflikt könnte sich sogar zu einem Flächenbrand an den Finanzmärkten ausweiten. Auch die asiatische Finanzkrise startete 1997 in einem scheinbar unbedeutenden Land, in Thailand, weitete sich dann aber schlagartig auf Malaysia, die Philippinen, Südkorea und Indonesien aus.

Wirtschaftswunder dank Schuldenwirtschaft

Die Türkei ist mit einem Bruttoinlandprodukt von USD 841 Mrd. (2017) die 17. grösste Volkswirtschaft der Welt (etwa gleichgross wie die Niederlande). (Zum Vergleich: Schweiz Rang 20, USD 679 Mrd., kaufkraftbereinigt Rang 40) Mit über 80 Mio. Einwohnern übertrifft das Land sogar Deutschland, was mit Blick auf einen EU-Beitritt insofern problematisch wäre, weil dann die Türken im EU-Parlament über die grösste Delegation verfügen würden. Kaufkraftmässig liegt das Land gemäss IWF sogar auf Rang 12, vergleichbar mit Italien oder Südkorea. Seit der Machtübernahme durch Erdogans AKP (Adalet ve Kalkınma Partisi) im Jahre 2002 erlebte die Türkei ein markantes Wachstum von 5.7% pro Jahr (1980 bis Machtübernahme 3.9%). Innerhalb der Regierungszeit der AKP nahm das BIP um 130% zu. Allerdings wuchs in dieser Zeit auch die Bevölkerung um 14 Mio. bzw. 22%, so dass das Pro-Kopf-BIP weniger stark zulegte. Seit 2010 haben sich die Immobilienpreise fast verdreifacht. Die Stundenlöhne haben sich seit 2003, unter der 15-jährigen Erdogan Regierungszeit, sogar versechsfacht. Der Aktienindex legte seit Ende 2002 bis Januar 2018 1074% zu. Die Börsenkapitalisierung erreichte Ende 2017 rund USD 228 Mrd. (Gewichtung im MSCI-Weltindex 0.2%). Seither gingen davon rund USD 50 Mrd. durch Kursabschläge verloren. Selbst unter Berücksichtigung der Inflation von 287% in diesen 15 Jahren, verblieb ein deutlicher realer Wohlstandszuwachs. Die Arbeitslosenquote lag Ende 2017 mit über 11% allerdings höher als zu Beginn der Amtszeit, als sie bei 9.8% lag. Das BIP-Wachstum wurde zu einem wesentlichen Teil durch staatliche Investitionen und Subventionen getragen. Viel Geld hat die Regierung für politische Prestigeprojekte ausgegeben, so zum Bau einer 3. Bosporus-Brücke oder einen neuen Flughafen. Dennoch machen die Staatsausgaben „erst“ 31% des BIPs aus (2017: Euroraum 47.1%, EU 45.8%). Die Staatsverschuldung liegt bei „nur“ 28% (Euroraum 86.7%, EU 81.2%). Dies obwohl auch die Türkei jährliche Defizite im Staatshaushalt verzeichnet, allerdings unter Erdogan lediglich durchschnittlich 2.6% des BIPs, während sie in den zwei Jahren vor seinem Amtsantritt noch 12% des BIPs betrugen. Die Türkei würde bei einem EU-Beitritt sogar für den Euro qualifizieren, wäre da nicht die anhaltend hohe Inflation. Die Investitionen, die vor Erdogans Zeit 1980-2002 durchschnittlich 23% des BIPs ausmachten, stiegen bis 2017 auf 31% des BIPs an. Das Sparaufkommen vermochte mit diesem rasanten Umbau der türkischen Wirtschaft nicht Schritt zu halten. Deshalb musste ein grosser Teil der Investitionen fremdfinanziert werden. Die private Verschuldung ist rasant angestiegen, von 24% des BIP anfangs 2002 auf heute 85% des BIP. Umfangreiche staatliche Kreditgarantien haben viele türkische Unternehmen risikoblind gemacht.

Aufstieg Erdogans und Unterdrückung der Opposition

Der Aufstieg des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan ist auch mit dem wirtschaftlichen Aufstieg des Landes zu erklären. Dieser Wirtschaftsboom scheint nun aber beendet. Die AKP kam 2002, Erdogan selbst im Jahre 2003 nach der schwersten Finanzkrise seit dem Zweiten Weltkrieg an die Macht. Seither hat Erdogan nur eine Zeit prosperierender Wirtschaft erlebt, die die Staatskassen füllte. Deshalb war es auch möglich, die Staatsausgaben im Verhältnis zum BIP von 41% (2002) auf 33% (2017) zu drücken. Er und seine Mitkämpfer, aber auch die junge Generation sind nun erstmals mit einem drohenden Konjunkturrückschlag konfrontiert. Wie man damit umzugehen hat, dazu fehlt der Regierung und wohl auch vielen Wirtschaftsakteuren die nötige Erfahrung. Die Wirtschaftskrise in der Türkei ist entgegen den Behauptungen der Regierung hausgemacht. Der wirtschaftliche Druck der USA wird den sich abzeichnenden Konjunktureinbruch lediglich beschleunigen.

Mit seiner Wiederwahl im Juni 2018, einer Mehrheit im Parlament und einer Verfassungsänderung, die ihm weitreichende Vollmachten einräumt, indem er mit einfachen Dekreten regieren kann, verfügt der türkische Präsident praktisch über diktatorische Machtbefugnisse. Diese Machtfülle erlaubt ihm alle vermeintlichen und tatsächlichen Regimegegner aus dem Wege zu räumen, auch wenn diese Säuberungen zu Tausenden von Entlassungen aus dem Staatsdienst und Verhaftungen en masse führen. Menschenrechte werden teils mit Füssen getreten und Willkürjustiz macht sich im Lande breit. Der schon seit Jahren schwelende Bürgerkrieg gegen die kurdische Bevölkerung im Osten des Landes führte dazu, dass die türkische Armee 2017 sogar nach Syrien vorstiess, um dort die angeblich mit den türkischen Kurden verbündeten syrischen Kurden zu bekämpfen. Diese haben die Amerikaner beim Kampf gegen den IS in Syrien unterstützt. Erdogan fürchtet offenbar um seine Machtstellung, weshalb er Feindbilder im Ausland schafft, um von den Problemen im Inland abzulenken. Nun erhält er von den Finanzmärkten eine Quittung für sein politisches Verhalten. Politische Risiken werden in der Regel hauptsächlich in den Währungen, dann bei den Zinsen und schliesslich an den Aktienmärkten abgestraft. Im Jahre 2018 sackte die türkische Lira gegenüber dem USD um rund 40% zusammen. Im laufenden Jahr erweist sich die türkische Lira (abgesehen von Venezuela) somit als schwächste Währung weltweit. Erdogan sieht aber die Schuld dafür nicht bei seinem eigenen Verhalten, sondern bei Verschwörern im Ausland. Schon der angebliche oder tatsächliche Militärputsch sei vom Ausland her (Gülen-Bewegung) gesteuert worden.

Defizite im Aussenhandel, Inflation und Währungszerfall

Die Achillesferse der türkischen Wirtschaft ist nicht ein aufgeblähter Staat, sondern die hohen Defizite im Aussenhandel. Vor Erdogans Machtübernahme (1980-2002) lagen die jährlichen Ertragsbilanzdefizite bei 0.8% des BIP, während seiner Regentschaft bei durchschnittlich 4.9% des BIP, zuletzt, im Jahre 2017, bei 5.5% bzw. USD 47 Mrd. Diese jährlichen Defizite summieren sich auf USD 548 Mrd., die weitgehend vom Ausland refinanziert werden müssen.

Die Türkei war schon immer ein Hochinflationsland. Selbst während der Amtszeit von Präsident Erdogan haben sich die Preise fast vervierfacht (+287%). Diese Preisentwicklung entspricht einer jährlichen Inflation von rund 9.6%. Nun ist die Teuerung jedoch innert Kürze auf 15.9% (Juli 2018) angestiegen, was viele Marktteilnehmer an die Zeiten vor Erdogan erinnert, als die jährliche Teuerung bei rund 65% (1980-2002) lag. Die politischen Unsicherheiten und die hohe Inflation haben zu einem massiven Zinsanstieg für 10-jährige Staatsanleihen der Türkei auf über 21% geführt, nachdem die Rendite der gleichen Anleihen noch im Januar 2015 knapp unter 7% lag. Alleine im Jahre 2018 betrug der Zinsanstieg rund 10 Prozentpunkte. Angesichts dieser hochprozentigen Renditealternativen erscheint die bisherige Korrektur des Aktienindex seit dem Höchststand Ende Januar 2018 (121’532) Punkte auf noch 90’186 Punkte (-26% bis 20.8.2018) zwar noch bescheiden, aber die Erfahrung zeigt, dass in einem Hochinflationsumfeld Aktien und Immobilien doch eher zu einem Kaufkrafterhalt führen als Anlagen in Staatsanleihen oder anderen Festverzinslichen. Deshalb werden sie auch als Inflationsschutz erworben.

Die Inflation und die von westlichen Vorstellungen abdriftende Politik des Landes führte in den letzten 5 Jahren zudem zu einem Absturz der türkischen Lira gegenüber dem USD um knapp 70%. Je stärker die türkische Lira abwertet, um so stärker steigen die Importpreise an. So hat z.B. der Erdölpreis 2018 bis August in USD gerechnet um rund 8% zugelegt. In türkischer Lira bedeutet dies jedoch einen Preisschub um 58%. Die Erdölrechnung dürfte 2018 rund USD 15 Mrd. höher ausfallen als 2016. Die Türkei ist damit in einen bedrohlichen Teufelskreis hineingeraten.

Überdurchschnittliche Abhängigkeit vom USD und ausländischem Öl und Gas

Die Türkei ist die am stärksten „dollarisierte“ Volkswirtschaft unter den EM und ist massiv von ausländischem Öl- und Gas abhängig. China und Indien sind weit weniger USD-exponiert als die Türkei. Diese Tatbestände verhindern eine rasche Krisenbewältigung im Alleingang. Rund Zweidrittel des Ertragsbilanzdefizits sind auf die Energieimporte zurückzuführen. Deshalb versucht die Türkei gewissermassen mit einer „Flucht nach vorne“ sich an seine wichtigsten Energieversorger, Russland und Iran, anzunähern. Russland ist auch für den türkischen Tourismus von grosser Bedeutung. Derzeit bezieht die Türkei täglich rund 147’000 Fass Öl aus dem Iran, das meistens in Form von Gold bezahlt wird, obwohl die USA auch diese Zahlart seit 2012 als Umgehung der Sanktionen verboten hat. Die Türkei repräsentieren zwar nur 1% der Erdölnachfrage, verzeichnet das schnellste Nachfragewachstum unter den OECD-Ländern (2017: +10%).

Trotz Behauptungen der Regierung, dass sich das türkische Bankensystem in einer hervorragenden Verfassung befinde, zeigen einige Schlüsselzahlen, dass diese Aussagen zu relativieren sind. Die Türkei verfügt über Auslandschulden (gemäss Weltbank) von rund USD 460 Mrd., was rund 53% des BIP entspricht. Ein Grossteil dieser Schulden lauten auf USD (140 Mrd.) und EUR (110 Mio.). Solche Kredite haben auch Unternehmen aufgenommen, die nun mit massiv höheren Zinsbelastungen und Schulden belastet werden. Es könnte zu Insolvenzen kommen. Bereits 2017 wiesen die grossen 7 Banken notleidende Kredite zwischen 4% und 7% aus. Die Bankenkonzentration ist in der Türkei immer noch relativ hoch, auch wenn der Anteil der 5 grössten Banken am Kreditvolumen von fast 90% im Jahre 2004 auf inzwischen 65% gesunken ist. Seit 2004 ist aber auch die Rentabilität der Banken markant zurückgekommen, von 3.43% Return on Assets auf noch 1% im Jahre 2015. Grund dafür ist wohl der Zinsmargenschwund, denn die Nettozinsmarge sank von einstmals 9% auf 3.5%.

Währungsreserven schrumpfen und Hilfe befreundeter Staaten unzureichend

Die Währungsreserven der Türkei sinken seit dem Höchststand im November 2013 beschleunigt von damals USD 114 Mrd. auf heute (Mai 2018) noch rund USD 82 Mrd. Kritisch sind vor allem auch die Netto-Währungspositionen der Unternehmen, die sich im Mai 2018 auf USD 217 Mrd. stellten (brutto USD 293 Mrd.). Diese Fremdwährungsschulden sind nicht nur ein Problem für die türkischen Konzerne, sondern auch für die Geldgeber aus dem Ausland. Die Ratingagentur Fitch hat bereits die Bonitätsbenotung für den führenden türkischen Nahrungsmittelkonzern, Yasar Holding, zurückgestuft, weil dieses Unternehmen 55% seiner Verschuldung in harten Währungen ausstehend hat.

Angesichts dieser Zahlen dürfte auch die von Katar angebotene Hilfe über USD 15 Mrd. nur einen Tropfen auf den heissen Stein darstellen. Katar ist bekanntlich im Westen und in Saudi-Arabien als Unterstützer von Terroristengruppen in Verruf geraten. Der Emir von Katar, Scheich Tamim, entsandte anlässlich des gescheiterten Putsches gegen Erdogan übrigens seine Leibgarde nach Ankara, um Erdogan zu schützen. Katar ist ja im Falle von Boykotten auch auf Partner angewiesen, die diese Sanktionen zu umgehen helfen. Selbst wenn es Erdogan anlässlich seines Besuches bei der deutschen Bundeskanzlerin am 29. September 2018 gelingen sollte, weitere Milliarden für die Flüchtlingsbetreuung zu erpressen, so dürften auch diese Gelder keinen wesentlichen Beitrag zur Verringerung der Auslandschulden leisten. Die Vorsitzende der deutsche Sozialdemokraten, Andrea Nahles, hat zwar am 17. August 2018 signalisiert, dass sie – wohl aus Angst vor einer Aufkündigung des Flüchtlingsabkommens – weitere Hilfsgelder an die Türkei befürworten würde. Ihr geht es offensichtlich darum, im Vorfeld der Beschlüsse über ein verschärftes Asyl- und Immigrationsrecht in Deutschland, einen drohenden wieder wachsenden  Flüchtlingsstrom zu verhindern, denn wenn der Zulauf nach Deutschland wieder ansteigt, würden sich die Asylgegner in ihrer Haltung bestätigt fühlen. Kanzlerin Merkel stellt sich jedoch gegen eine wirtschaftliche Unterstützung der Türkei, zumal sich auch noch ein halbes Dutzend deutsche Staatsbürger in türkischer Gefangenschaft befinden. Deutschland kneift jedoch aus wirtschaftlichen Gründen vor Sanktionen gegen die Türkei. Dabei ist doch die Türkei weit stärker von Europa abhängig als von den USA. Europa und insbesondere Deutschland befänden sich somit in einer besseren Verhandlungsposition, um seine inhaftierten Landsleute freizupressen.

Wie konnte es zu dieser desolaten Situation für die Türkei kommen?

Oberflächlich betrachtet könnte man meinen, es gehe beim eskalierenden Handelsstreit zwischen den USA und der Türkei lediglich um die Freilassung eines amerikanischen evangelischen Pastors, Andrew Brunson (50), der seit 1993, zuletzt in Izmir, tätig war und seit 2016 in der Türkei wegen Spionage- und Terrorverdacht inhaftiert ist. Ihm drohen 35-Jahre Gefängnis. Dass sich US-Präsident Trump für US-Staatsbürger, die im Ausland in Schwierigkeiten geraten, mit aller Härte einsetzt, wird vom amerikanischen Volk wohl anerkennend zur Kenntnis genommen. Trump will sich dadurch auch die Stimmen evangelischer Kreise bei den Zwischenwahlen im November 2018 sichern, wenn das gesamte Repräsentantenhaus und ein Drittel des Senats zur Wahl anstehen. Trump benötigt jede Stimme, um seine Mehrheit im Kongress zu wahren. In der Türkei sind zudem ein Dutzend weitere Amerikaner und zwei türkische Mitarbeiter von US-Konsulaten in Haft, die Präsident Trump auch freibekommen will. Es wäre jedoch zu kurz gegriffen, den Wirtschaftskrieg lediglich als Druckmittel für die Freilassung des Pastors zu interpretieren.

Vielmehr geht es US-Präsident Trump um sein primäres aussenpolitisches Ziel, nämlich im Kampf um die globale Vormacht, all jene abzustrafen, die sich gegen die USA wenden und sich mit den Erzfeinden Russland und China verbrüdern. Dazu gehört auch die Türkei, die im Syrien-Krieg mit den Russen zusammenarbeitet und als NATO-Mitgliedsstaat damit gegen die Amerikaner, das matchentscheidende NATO-Mitgliedsland, agiert.

Ins gleiche Kapitel gehört auch die Beschaffung eine S-400 Raketen Abwehrsystems, ein USD 2.5 Mrd. Deal, in Russland. Die USA wiederum haben die Auslieferung von F-35 Militärjets sistiert und einen türkischen Banker in den USA verurteilt. Halkbank, ein staatlich kontrolliertes türkisches Finanzinstitut muss möglicherweise mit US-Sanktionen rechnen, weil es Beihilfe zur Umgehung der Iran-Sanktionen geleistet habe. Die USA sind auch nicht bereit, den in der Türkei als Terroristenführer gebrandmarkten Fethullah Gülen auszuliefern. Anfangs August 2018 verhängte US-Präsident Trump wegen des Konflikts Sanktionen gegen zwei türkische Minister. Möglicherweise hat Präsident Erdogan zu hoch gepokert, weil er von der falschen Annahme ausging, er könnte Brunson gegen seinen Erzrivalen Gülen austauschen.

Spirale der Eskalation im Handelskrieg in Fahrt gekommen

Bereits die Drohungen von Präsident Trump und die Ankündigung einer Verdoppelung der Zölle auf türkischem Stahl und Aluminium haben zu einem Einbruch der türkischen Börse und der Lira geführt. Die Gegenreaktion der Türkei am 15. August 2018 waren massive Zollerhöhungen auf US-Produkten, insbesondere auf i-Phones und andere Technologieprodukte, aber auch auf Autos, alkoholische Getränke, Tabak- und Kosmetika. Die Warnungen Erdogans an die USA, dass er die langjährige Partnerschaft beenden und sich verstärkt Russland zuwenden könnte, wird Präsident Trump kaum beeindrucken. Erstens ist dies schon teilweise geschehen, was ja mit ein Grund für den wirtschaftlichen Druck aus den USA ist. Man sollte nicht vergessen, dass die Türkei energiemässig stark von Russland abhängig ist. Deswegen soll ja auch die Lieferkapazität an Erdgas mit dem Bau einer vier-röhrigen und 1100 km langen neuen Pipeline «Turkish Stream» massiv ausgeweitet werden. Zweitens sind die USA kaum von türkischen Zulieferungen abhängig und ein Austritt aus dem NATO-Bündnis könnte dazu führen, dass die Amerikaner Ersatzteile für die bereits in den vergangenen Jahren gelieferten Rüstungsgüter verweigern und/oder die NATO-Stützpunkte inklusive Radaranlagen und Atomspregköpfe abziehen. Das Verhalten Erdogans erinnert an einen hilflosen Diktator, der seine letzten Tage heranrücken sieht.

Am 16. August 2018 kündigte US-Finanzminister Steven Mnuchin weitere Sanktionen gegen die Türkei an, falls Brunson nicht freigelassen werde. Wenn man die Aussenhandelszahlen der USA und jene der Türkei miteinander vergleicht, dann wird rasch sichtbar, dass die USA für die Türkei wichtiger sind als umgekehrt. Auf der Weltrangliste der weltgrössten Exporteure liegt die Türkei mit USD 157 Mrd. auf Rang 22, bei den Importen mit USD 234 Mrd. auf Rang 15. Die Exporte der Türkei in die USA von USD 8.6 Mrd. (2017) entsprechen nur rund 0.8% der US-Importe. Auch die Importe der Türkei von amerikanischen Gütern in Höhe von USD 11.9 Mrd. machen nur rund 0.5% der US-Exporte aus. Dieser Handelsstreit wird die Weltwirtschaft angesichts solch bescheidener Schlüsselzahlen somit kaum aus den Angeln heben. Umgekehrt machen die Exporte der Türkei nach den USA 5.5% der türkischen Exporte aus, bei den Importen stammen 5.1% der Güter aus den Vereinigten Staaten. Weit wichtiger als die USA sind für die Türkei die Ausfuhren in die EU (47.8%), gefolgt von den Emiraten (5.8%) und dem Irak (5.8%). Bei den Importen liegt ebenfalls die EU mit 36.5% an der Spitze gefolgt von Trumps „Erzfeinden China (10%) und Russland (8.3%). Auch der Iran (Erdöl) als Gegenspieler der USA rangiert mit 3.2% unter den Top 5 Exportkunden der Türkei. PS: Schweiz 2017: Exporte aus der Schweiz in die Türkei CHF 1’789 Mio. = 0.8% der Exporte, Importe aus der Türkei CHF 1’442 Mio. = 0.8% der Importe, Handelsbilanzüberschuss der Schweiz CHF 347 Mio. = 1% des Handelsbilanzüberschusses).

Unabhängigkeit der Notenbank infrage gestellt

Bei der Bekämpfung der Inflation und des Lira-Zerfalls kommt der türkischen Notenbank eine Schlüsselrolle zu. Erdogans Schwiegersohn, Berat Albayrak, der von Erdogan zum Finanzminister ernannt wurde, versuchte im Zuge des Lira-Einbruchs zwar die Öffentlichkeit und ausländische Investoren mit einer grossangelegten Telefonkonferenz von der Unabhängigkeit der türkischen Notenbank zu überzeugen, aber glaubhaft sind solche Lippenbekenntnisse nicht, denn Mitte Juli 2018 hat Präsident Erdogan seinen Machtanspruch gegenüber der Notenbank mit einem Dekret untermauert, das ihn ermächtigt, deren Präsidenten und Vizepräsidenten zu ernennen. Kritiker fürchten deshalb um die Unabhängigkeit, denn die Verantwortlichen Notenbanker müssen um ihren Job fürchten, wenn sie nicht der Doktrin des türkischen Präsidenten folgen. Dieser wettert seit Langem gegen eine ominöse „Zinslobby“ mit „westlicher Geisteshaltung“, die sich auf Kosten der Türkei bereichere. Er stellt sogar die gängige Wirtschaftslehre auf den Kopf: Hohe Zinsen hält er nicht für ein Mittel gegen Inflation, sondern für deren Treiber. Erdogan ist ein selbsterklärter Feind von Zinsen. Das mag teilweise an seinem Glauben liegen, schliesslich kennt der Islam ein Zinsverbot. Die Absetzung des weitherum als fähig und erfolgreich bekannten Wirtschaftsministers Mehmet Simsek zugunsten Erdogans Schwiegersohn Albayrak hat das Vertrauen in die Regierung bei vielen Anlegern weiter erodieren lassen.

Eigentlich müsste die Notenbank ihre ohnehin schon sehr hohen Leitzisen nochmals auf wohl über 20% anheben, womit aber das bis ins 1. Quartal 2018 hinein markante Wachstum von 7% (VJ) einbrechen würde. Mit einer Arbeitslosenrate von derzeit über 10% wäre ein abrupter massiver Konjunktureinbruch auch sozialpolitisch belastend. Im Gegensatz zur Türkei haben andere Schwellenländer wie Argentinien (von 40% auf 45%) und Indonesien (von 4.25% auf 5.5%) im Zuge der türkischen Krisenwochen mit Zinsanhebungen reagiert, nachdem auch ihre Währungen unter Druck kamen. Noch weigert sich Erdogan wie letztmals 1999 beim IWF um Geld anzuklopfen, zumal er damit rechnen muss, dass diesmal die USA als grösster Financier des IWF intervenieren würden, um den Türken den Geldhahn abzudrehen. Eine solche Drohung hat Präsident Trump bereits im Falle von Pakistan ausgesprochen, deren neugewählte Regierung auch mit enormen Wirtschaftsproblemen kämpft. Trump befürchtet, dass Pakistan mit IWF-Geldern die chinesischen Gläubiger auskaufen würde. Die Türkei bzw. Präsident Erdogan sind noch nicht bereit, ihre finanzpolitische Souveränität aufzugeben und sich den angelsächsisch geprägten Auflagen des IWF zu unterwerfen wie dies Thailand, Argentinien oder Griechenland in der Not tun mussten. Russland kann angesichts der eigenen Wirtschaftsprobleme den Türken keine Finanzhilfen im notwendigen Ausmass anbieten und China würde wohl als Gegenleistung für Hilfsgelder einen Zugang oder eine Abtretung von See- oder Flughäfen oder andere Sicherheiten einfordern, wie dies in Griechenland der Fall war.

Um einer Amtsenthebung vorzubeugen, versuchen die Notenbanker wenigstens indirekt das Geldangebot zu verknappen, um die Währungsschwäche zu bekämpfen. Sie boten den Geschäftsbanken einfach gar kein Geld mehr zum Leitzinssatz von 17.75% an. Die Banken, die Verbraucher und Unternehmen mit Krediten versorgen, mussten daher auf den sogenannten Übernachtzins ausweichen, dessen Zinssatz mit 19.25% deutlich über dem Leitzins liegt. Die Notenbank verringerte andererseits zur Absicherung von Währungsgeschäften die Anforderungen, sogenannte Reserve-Einlagen zu hinterlegen, und bot heimischen Banken weitere Möglichkeiten zum Leihen fremder Währungen an, die im Tausch gegen die schwache Lira sonst nur schwer zu bekommen gewesen wären. Die Notenbank versprach alles zu tun, um die Zahlungsfähigkeit der türkischen Banken zu sichern. Die Aufforderung von Präsident Erdogan an seine Landsleute, Fremdwährungsguthaben in türkische Lira zu tauschen, bewirkten eher das Gegenteil. Viele Türken im Lande versuchen Fremdwährungen zu kaufen, um den Wert ihrer Barvermögen zu sichern. Um einen Bankencrash zu vermeiden dürfte die türkische Regierung weitere Massnahmen treffen, so z.B. eine Erleichterung der buchhalterischen Bewältigung von notleidenden Krediten. Noch wurden keine Kapitaltransferrestriktionen eingeführt, aber solche könnten trotz Dementis der türkischen Regierung, früher oder später dennoch Tatsache werden. Eine Deckelung von Umtauschbeträgen für Finanzinstitute wird zeitweise bereits eingesetzt. So dürfen türkische Banken solche Swaps mit ausländischen Investoren nur noch in Höhe von maximal 25% ihres Eigenkapitals durchführen.

Folgen für die Kapitalmärkte und die Weltwirtschaft

  • Bei weiter steigenden US-Zinsen beschleunigte Kapitalflucht aus EM.
  • Bankenpleiten, notleidende Kredite und Bonds türkischer Schuldner (1.Q. 2018: internationale Bonds für USD 146 Mrd. ausstehend).
  • Schwache Börsen vor allem in den EM und Bankensektor. Konjunktursensible Export-Metalle wie Kupfer (5-Jahrestief) oder Zink kommen infolge von Konjunkturängsten unter Druck und schwächen die EM zusätzlich.
  • Hohe Abschreibungen für Auslandbanken (BBVA, BNP Parisbas, Unicredit?), die in der Türkei mit Krediten engagiert sind: Spanien USD 83 Mrd., Frankreich USD 38 Mrd., Italien (USD 17 Mrd.). Möglicherweise sind auch griechische und zypriotische Banken in Türkei-Geschäfte verwickelt. Gemäss FT sollen die deutschen Banken in der Türkei mit EUR 21 Mrd. engagiert sein.
  • Schweizer Grossbanken: UBS netto CHF 552 Mio., CS Türkei nicht unter Top-16 Auslandengagements. Einige Schweizer Unternehmen (z.B. ABB, Rieter) sind auch in der Türkei lokal präsent.
  • Wenn EU-Exporte in die Türkei um 20% sinken, reduziert sich das BIP-Wachstum in Europa um rund 0.1%.
  • Kapitaltransferkontrollen und -restriktionen, allenfalls Zwangsumtausch.
  • Hyperinflation in der Türkei und weiterer Währungszerfall.
  • Sturz der Regierung Erdogan mit heftigen landesinternen Auseinandersetzungen. Die derzeitige Krise wird Präsident Erdogan aber nicht so rasch zu Fall bringen, denn noch steht die grosse Mehrheit der Bevölkerung grossmehrheitlich hinter ihm und der AKP. Ein handfesterer Beliebtheitstest könnten die 2019 anstehenden Gemeindewahlen zeigen. Gewalttätige Auseinandersetzungen könnten zu einem neuen Flüchtlingsstrom nach Westeuropa führen.
  • Entscheidend für das Überleben der Erdogan Regierung wird die Loyalität der 17. grössten Armee der Welt (355’000 Aktive, 379’000 Reservisten, 157’000 Paramilitärs, Budget über USD 10 Mrd.) und das Verhalten gegenüber den Kurden sein.

Fazit

Die Türkei-Krise wird sich noch lange hinziehen. Eine Abkoppelung der Türkei von den internationalen Kapitalmärkten und allenfalls ein Rauswurf aus der NATO würde die Kreditwürdigkeit der Türkei, deren Bonds am 17. August von S&P und Moody’s sogar innerhalb der Ramsch-Zone weiter zurückgestuft wurden, weiter schädigen. Es ist mit einem markanten Konjunkturrückschlag zu rechnen, der die Solvenz vieler türkischer Unternehmen infrage stellen könnte. Deshalb haben die zwei wichtigen türkischen Wirtschaftsverbände, der Unternehmerverband TÜSIAD und die Union der Kammern und Börsen in der Türkei (TOBB) am 14. August 2018 erklärt, dass die Wirtschaft der Türkei zwar auf einem stabilen Fundament stehe, aber sofortige Massnahmen der Regierung in Ankara notwendig seien, um die Beziehungen zu den wichtigsten Wirtschaftspartnern zu normalisieren. Rein wirtschaftlich betrachtet spielt dabei Europa eine weit wichtigere Rolle als die USA. Aber ohne Frieden mit den USA ist kein Ende der türkischen Wirtschaftsmisere abzusehen. Die USA sind als Gegner der Türkei schlicht eine Nummer zu gross. Mit der Weltwährung USD (USD-Clearing) und ihrem mächtigen Bankensystem (internationale Kredite und Anleihenemissionen) können die USA die Türkei jederzeit komplett von den Weltmärkten verbannen. Im Extremfall könnte die Türkei zu einem zweiten Venezuela werden, allerdings ohne Erdölreserven. Der Vertrauensverlust in die Regierung Erdogan und die sich im Lande breitmachende Rechtsunsicherheit werden nur durch einen umfassenden Kurswechsel zu beseitigen sei.

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Als Vertreter der Schweizerischen Volkspartei (SVP) des Kantons Zürich war Hans Kaufmann von 1999-2014 Mitglied des Nationalrats.

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