Schwirrigkeiten des Bluck mit der Wirklklichkeit* von Niklaus Meienberg

Übersack, der soignierte Nachtportier und Chefredaktor mit dem Seidenblick und der quicken Dompteurpeitsche, mustert abends immer die Worternte des verstrichnen Tages, den Wortzoo seines Blattes. Wörter trietzen bis das Grosi quietscht. Wörter melken schlitzen litzen. Wie das muht und blökt, stampft und dampft, blüht und glüht, rockt und sockt, wie rhythmisch heute wieder alles galoppiert.

Es war wieder ein guter Tag. Zwei Schwarze stáhlen in der Schweiz / über 1000 weisse Büstenhalter. Zwei Weisse stahlen in der Schwárz / über 1000 gelbe Féderhálter. Frau biss im Liebesrausch zu – Übersack im Spital. Kurze Sätze. Ein Gedanke pro Satz. Zwei Gedanken pro BLICK. Keine warme Luft. EMD befiehlt: Hosen runter. Übersack befiehlt: Schnäbi an die Luft. Wolfisberg warnt die Wölfe: Offensive kann tödlich sein. Wölfe warnen Wolfisberg. Defensive kann möglich sein. D’s Hürate u ds Boue het no mange groue. BLICK-Leser finden die schönsten Hausinschriften, wie spürt eigentlich der Mann, dass die Frou zum Orgasmus kommt. Die Anti-Schmerz Kapsel Melabon . Beide wollten ausweichen – Frontalkollision mitten auf der Wiese. Lügt Frau Kopp? Liebe Marta. Orgasmus uds Boue het no kene groue. 5jähriger Übersack geriet in Kreissäge – tot. Eis im Pool – so kühlt Julio Übersack für besondere Gäste das Wasser. Witwe Sally: Schweres Leben ohne Peter Übersack. Knecht Sämi – ein Schicksal wie man es von Gotthelf kennt, Gotthelf kennt, Gotthelf kennt. Auch ich nickte auf der Todesstrecke ein, Gottvater soll mein Zeuge sein. Liebe Marta, lieber Peter, Turi Honegger schlackert mit den Eselsohren. Karibik zum Superpreis, ab 1090.- und voller Kuoni-Vorteile. Lausanne holt Milani aus der Wüste zurück. Mikrogenitalis? Sofort starke und bleibende Vergrösserung ihres Penis durch Vakuum-Wundergerät, Morgen ist es zu spät. Spiritus-Anlage im Gotteshaus.

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So schwirrt die Lyrik der Schwirr-und-Schlagzeilen jeden Tag dem Leser an den Kopf, so stampft ihn die After-Poesie in Grund und Boden, so knockt sie ihn out. Der Leser dankt: er kauft, frisst und vergisst. Dann kauft er wieder. Übersax und seine Crew sind die einzigen erfolgreichen Lyriker der deutschen Schweiz (Lyrik-Grafiker oder Grafik-Lyriker). Und kann man sich vorstellen, dass Alfred Döblin, wäre der BLICK damals schon greifbar gewesen, in seinem «Berlin Alexanderplatz)) BLICK-Schlagzeilen montiert hätte, um den Eindruck des Überprallen, der Sättigung und der zischenden Modernität zu fabrizieren. Der BLICK ist das konsequenteste Gesamtkunstwerk an unsern Kiosken. Alles ist in eins gekehrt. Die Schranken zwischen Sex und Politik, Panzerbeschaffung und Unterhöschen, Kleinkram und Weltereignis, Wirtschaft und Hormonen werden niedergerissen, geografisch und zeitlich weit entfernte und logisch nicht verknüpfte Ereignisse oder Nicht-Ereignisse mit der schnellen Klaue des BLICK-Redaktors von den Philippinen, aber auch von Affoltern am Albis herbeigefetzt, in die gleiche Spalte geknallt, als Continuum aufbereitet und serviert. Alles ist austauschbar wiederholbar umkehrbar. Alles ist mixbar. Die ästhetische Form ist die des anonymen Gesamtkunstwerks, wie bei der BILD-Zeitung:

«Das formale Modell der BILD-Zeitung ist radikal modern. Dieses Modell ist das Kunstwerk der Avant-Garde. Nicht nur die emanzipatorischen Wissenschaften, von der Psychoanalyse bis zur Kritischen Theorie, hat BILD enteignet, sondern auch die Künste des zwanzigsten Jahrhunderts. BILD ist der alltäglich gewordene Bruch mit jeder tradierten Sprache und mit jeder tradierten Form, es ist Collage, Montage, Assemblage, es ist das objet trouve und die ecriture automatique, Bewusstseins- und Bewusstlosigkeitsstrom, Poesie ohne Poesie, es ist die ästhetische Zertrümmerung des Ästhetischen, die Aufhebung der Kunst, die ästhetische Summa unserer Zivilisation», (Hans Magnus Enzensberger).

BLICK ist Avantgarde; allerdings. Die seriösen Zeitungsmacher schnöden über ihn – um ihn dann verstohlen zu imitieren. Die «Zwölfte Seite des Tages-Anzeigers ist ein blasses Plagiat des strotzenden BLICK, mit dümmlich-verschämten Prominentenstorys: «(j)et cetera», human touch und Klatsch. Nur ein bisschen braver. Die Freitags-Beilage namens ZüRI-TIP ist auf dem besten Weg, ein Luxus-Blick zu werden. Sie kommt nur etwas gespreizter daher; und der Rest der Zeitung wird auch bald Farbe kriegen. Dank der wunderbaren neuen Druckerei. Keine Zeitung, vom Walliser Boten bis zum ST. GALLER TAGBLATT, die nicht von der BLICK-Grafik beeinflusst wäre, kaum ein Redaktor, der nicht Elemente der BLICK-Sprache bewusst oder unbewusst in sein Vokabular aufnimmt- (und manchmal verschreckt registriert, wie weit es mit ihm gekommen ist). Eine Ausnahme: die NZZ, welche vorläufig noch dem Mahlstrom widersteht. (Sie haben richtig gelesen, Bü., dieses ist ein Compliment, aber une fois n’est pas coutume.)

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Übersax:. Wie er leibt und lebt und Faxen macht. Der harte Knaller, der Permanent «Miezen,. sagt statt «Frauen» (jedenfalls wenn er mit Männern redet). Er macht eine Zeitung für das Volk, gehört aber zu den Reichen. Er zitiert die Volkstümlichkeit herbei- synthetisch. Er lebt gediegen, mit Porsche-Villa-Ferienhaus-in-Spanien, Jahresgehalt rund 240‘000, er vermittelt die Welt von oben nach unten; gibt aber auch nach oben die Volksstimmung weiter. Eigentlich wäre er ein Intellektueller, ein Akademiker ist er nicht, Studium abgebrochen. Er ist gescheit genug, um den BLICK nicht ernst zu nehmen. Zirkus Übersax. Ein Schnelldenker, Sofortverwurster, Stachanow des Zynismus. Persönlich von kultivierter Wurstigkeit, Wendigkeit, er glitscht dem Interviewer leicht durch die Finger, der quicke Ringieraal. Der Mann lebt in Harmonie mit seinem Ideal: dem Zynismus. Er behauptet nicht, der Blick habe einen «Informationsauftrag» oder die Presse müsse «die vierte Gewalt im Staat» sein, sondern nur: Der Blick wolle gefallen und solle gekauft werden und müsse unterhalten. Er heuchelt ein bisschen weniger als andere. Ihm ist wohl in seiner Haut, ausser wenn man ihn etwas allzu stark drauf haut, dann sagt er: «Wollen Sie mir Lektionen in Boulevard-Journalismus geben?» – (Nicht: In Journalismus; – Journalismus schlechthin und B-Journalismus haben in seiner Optik so viel miteinander zu tun wie ein Trottinett mit einem Porsche). Damit schmettert er jede Kritik ab. Er liest andere Zeitungen oft lieber als den Blick, könnte aber jetzt keine andere Zeitung mehr machen. Er zieht mir den Speck durch den Mund, indem er seine Begeisterung für die Papst-Reportage, die in der WoZ erschienen ist, Juni 1984, offenbart, – «ein Meisterstück». Ich kann das Compliment aber wirklich nicht erwidern, die BLICK-Papst-Reportagen, bzw. der Hofklatsch, Polizeiklatsch, pseudo-religiöse Blähungen, war langweilig, nicht informativ, dümmer und päpstlicher als erlaubt, nicht mal nach BLICK-Kriterien akzeptabel; aber, «wir müssen auf die religiösen Gefühle der Leser Rücksicht nehmen», sagt der Atheist Uebersax, der gebenedeite Zyniker, «es gibt nie soviele Lämpen wie beim Verletzen der religiösen Gefühle», und Lämpen will er nicht, und meine Papst-Reportage hätte er nicht gedruckt. Er will majoritär schreiben und schreiben lassen, obwohl er zur Minorität der Aufgeklärten und Privilegierten gehört. Gleichwohl ist «Minorität» für ihn ein Schimpfwort…

Das tönt fast ein bisschen voltairianisch.

Er saugt die aggressive Kritik mit gierigen Ohren auf. Er wird an diesem Abend gern ein bisschen gepfitzt, das ist eine nette Abwechslung in seinem Herrendasein. Heute Nacht oder nie. Der absolute Herrscher über das BLICK-Grossraumbüro regiert ohne Zimmerlinde und Stöcklein, aber mit eiserner Hand. Er kann sich als einziger in seine persönliche Bürohöhle zurückziehen, sein Redaktorenvolk ist überblickbar und hat keine Schlupfwinkel. Dort hinten links sitzt Marta. Grüss Gott Marta. Weiter hinten sitzt der Sport. Herr Englund, der Vize, hat keine Kompetenzen, ausser die, den BLICK in Übersaxens Abwesenheit genauso zu machen wie der Chef. Er wagt es nicht, mir das Grossraumbüro in Übersaxens Abwesenheit zu zeigen. Englund ist ein Unterdrückter, aber ein Fleissiger. Sehr modisch seine Hosen. Er ist immer fröhlich.

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Enzensberger:

«BILD wird gelesen nicht obwohl, sondern weil es von nichts handelt, jeden Inhalt liquidiert, weder Vergangenheit noch Zukunft kennt, alle historischen, moralischen Kategorien zertrümmert; nicht obwohl, sondern weil es droht, quatscht, ängstigt, schweinigelt, hetzt, leeres Stroh drischt, geifert, tröstet, manipuliert, verklärt, lügt, blödelt, vernichtet. Gerade dieser unveränderliche, alltägliche Terror verschafft dem Leser den paradoxen Genuss, den er mit jedem Süchtigen teilt, und der sich von der bewusst erlebten Erniedrigung, die mit ihm verbunden ist, gar nicht trennen lässt. Die Tatsache, dass BILD prinzipiell nicht datierbar ist, dass es sich selbst permanent wiederholt, führt nicht zur Langeweile, sondern zur Beruhigung. Bei seinem jahrzehntelangen Frühstück mit BILD wiegt sich der Leser in der Gewissheit, dass alles so weiter geht, dass nichts etwas macht oder, was auf dasselbe hinausläuft, dass das Nichts nichts macht».

So dick wie BILD treibt es BLICK noch nicht, das Land ist ja auch kleiner, man muss vorläufig noch ein bisschen dünner auftragen. Immer die richtige Dosis! Aber die Tendenz läuft manchmal Richtung BILD. Wenn die Tamilen noch mehr Rabatz machen, wenn die Minoritäten sich ungebärdig aufführen wie damals im brennenden Züri – «Wir hätten die Tamilen schon morgen ausgeschafft, wenn wir das wollten», sagt Übersax.

Ist aber gnädig, will vorläufig nicht. Le bon vouloir du prince. BLICK als zweite Gewalt, als Exekutive des Volkswillens, die Zeitung als Staat und Hirnpolizei.

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Jürg Bürgi, SPIEGEL-Korrespondent für die Schweiz, hat jetzt ein Buch herausgebracht über den BLICK. Fünfzehn Autoren haben Beiträge dafür geschrieben, einige wurden nachgedruckt, u. a. das bekannte WoZ-Interview von Res Strehle mit BLICK-Vize und Bundeshauskorrespondent Jürg Zbinden (Lenos-Verlag Basel, 279 Seiten, Fr. 25.-). Verschiedene Prominente wurden um Statements angegangen. Erstaunlich, oder vielleicht doch nicht, wie vor allem die (auf BLICK angewiesenen) Politikerinnen von Gerwig bis Uchtenhagen das Blatt schonen bzw. loben. Wer zu Handen des SPIEGEL-Mannes Bürgi kein Statement abgeben wollte und ihm das mitteilte, figuriert im Buch jetzt namentlich unter der Rubrik: «Keine Zeit, kein Interesse oder keinen Mumm, an diesem Buch mitzuschreiben, hatten diese 35 Damen und Herren: …» Weitere «26 Damen und Herren» haben gar die Frechheit gehabt, die Einladung Bürgis «ohne Reaktion» vorbeigehen zu lassen, auch diese sind namentlich aufgeführt. (Man wird so an den Pranger gestellt wie im BLICK ein Politiker, welcher der Zeitung kein Interview geben will.)

Ich bin aufgefordert worden, über «Die Sprache des Blick» ein Kapitel zu schreiben, und wollte nicht. Ich fand es komisch, für den SJU- und SPIEGEL-Mann Bürgi, der das kaputteste Binnendeutsch, nämlich die garstige SPIEGEL-Sprache propagiert (in dem von ihm redigierten «Klartext», über die BLICK-Sprache herzufallen. Bürgi, ein Spezialist der Sprachzerstörung und Puscher des öden Magazinstils, hätte besser eine Studie über den toten Stil der linken SJU-Journalisten bestellt, z. B. seinen eigenen.

Im Buch sind lesenswerte Beiträge, jener von Bürgi (trotz seiner Sprache!) über die Geschichte des BLICK, das Übersax-Portrait von Margrit Sprecher, die Durchleuchtung der BLICK-Finanzen von Fredy Haemmerli; und der Beitrag von Werner Jehle über die «Ästhetik der Strasse», bzw. «Die Versprechen der Boulevard-Typographie» ist brillant. Jehle zitiert Dziga Vertov, den sowjetischen Pionier des Film-Dokumentarismus und zeigt, dass der BLICK-Layout eine revolutionäre Tradition hat, die pervertiert worden ist.

PS: Übersax telefoniert, kaum ist der Artikel erschienen. Was will der harte Knaller? Einen Kafi mit mir trinken. Und bietet mir eine Kolumne im BLICK an. Er gäbe mir zwei Themen, über die man dort nicht schreiben könne: Religion und Militär (Schöne Offerte). Und ich hätte ihn übrigens zutreffend charakterisiert, sagt er. Wie gesagt, der Mann lebt in Harmonie mit seinem Ideal: dem Zynismus. Es glitscht ihm alles mühelos hinunter, sogar das Epitheton «Glitschiger Ringier-Aal.

Werbeplakat des BLICKS, zum eigenen Geburtstag mit berühmtem Lapsus : «BLICK hat solchen Erfolg, weil Hunderttausende von Schweizerinnen und Schweizern wissen: Über das was WIRKLKLICH interessiert wird man im BLICK am schnellsten und besten informiert.“

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Aus: Niklaus Meienberg, Der wissenschaftliche Spazierstock, Limmat Verlag, Zürich 1985.

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