Marignano – Markus Somm über den Sonderfall, der die Schweiz im Innersten zusammenhält

Obwohl es die NZZ vergeigte, Markus Somm zu ihrem Chefredaktor zu machen, musste sie bei der Besprechung seines neuen Buches „Marignano – Die Geschichte einer Niederlage“ einräumen: „Der Mann kann schreiben“. Das kann er in der Tat. Somm hat sich mit seinem jüngsten Werk in die Liga von Barbara Tuchman geschrieben.

Wie die amerikanische Journalistin und Historikerin versteht er es meisterhaft, historische Abläufe und Ereignisse spannend beschreiben – und mit der Gegenwart in Bezug zu setzen. Und hätte Tuchman ihrem modernen Klassiker über das bewegte 14. Jahrhundert nicht bereits den Namen „Der ferne Spiegel“ gegeben, er würde auch perfekt zu Somms neustem Werk passen. Auch er hält uns einen Spiegel entgegen. Wenn er beispielsweise beschreibt, wie die überaus mächtige und reiche Republik Venedig die Eidgenossenschaft mit Komplimenten überhäuft und es – rhetorisch – als Partner auf gleicher Augenhöhe betrachtete, so tut er dies mit Verweis auf die USA, die viele Jahrhunderte später, wenn sie etwas erreichen wollten, die kleine Schweiz gerne als „Schwesterrepublik“ bezeichneten. Häufig hatten zeigten solche Schmeicheleien die gewünschte Wirkung.

Genau solche Bezüge zur Gegenwart stören natürlich all jene, die sich bereits 1998 weigerten, den 350. Jahrestag des Westfälischen Friedens zu feiern, weil das Feiern der völkerrechtlichen(!) Anerkennung der schweizerischen Unabhängigkeit vom Heiligen römischen Reich deutscher Nation dem Streben nach der EU-Mitgliedschaft zuwiderläuft. Anlässlich der Feier zum 500. Jahrestag der Schlacht von Marignano warnte Bundespräsidentin Simonetta Sommaruga davor, die Vergangenheit für Zwecke der Gegenwart zurecht zu biegen. Ansonsten würden die falschen Lehren für die Zukunft gezogen. Was könnten solche Lehren sein? Die Erkenntnis, dass Neutralität ein Konzept der Friedenspolitik ist? Dass die Schweiz eben doch ein Sonderfall ist? Dass die Unabhängigkeit der Schweiz nicht vom Himmel gefallen ist?

Marignano als Beginn der schweizerischen Neutralitätspolitik: Ex Clade Salus («Aus der Niederlage das Heil»)

Es liegt auf der Hand: Wer das Heil im Aufgehen in einem anderen Gemeinwesen sucht, wird alles der Zensur unterwerfen und schlecht reden, was für Neutralität und Unabhängigkeit spricht – selbst wenn man einen feierlichen Eid geleistet hat, die Rechte und Freiheiten des eigenen Landes zu schützen. Woher Frau Sommaruga weiss, was die richtigen Lehren sind, sagte sie nicht. Offenbar wissen Mitglieder der Landesregierung von Amtes wegen und auch ohne „unabhängige“ Historikerkommissionen, wie Geschichte richtig zu interpretieren ist.

Schafott und Scheiterhaufen, mit deren Hilfe frühere Herrscher und Päpste der sich Personen und Schriften entledigten, die sie für ketzerisch hielten, wurden mittlerweile durch die Boulevard- und Sonntagspresse ersetzt. Denn auch in deren Redaktionsstuben dominiert die Meinung, dass alles besser sei, als ein freies und unabhängiges Vaterland. Ja sogar das Recht der Anderen, das sie beschönigend Völkerrecht, anstatt korrekterweise Funktionärsrecht nennen, soll generell dem eigenen vorgehen. Die herrschende politische Klasse und der weitaus grösste Teil der Medien sind sich einig. Man hilft sich gegenseitig im Kampf gegen den gemeinsamen Feind. Auch hier bestehen Analogien zum Mittelalter.

Geschichte für den politischen Gebrauch

Einer dieser schreibenden Nibelungen heisst Thomas Maissen. Mit besten Beziehungen zu der dem Nationalkonservatismus abholden Neuen Zürcher Zeitung steht der Historiker in der Tradition von Georg Kreis, der sich als einer der Ersten die Zerstörung der Idee vom „Sonderfall Schweiz“ zum Ziel setzte, indem er den Nachweis zu erbringen versuchte, dass Wilhelm Tell nicht existierte. Genau wie Kreis versteht es Maissen meisterhaft, sich dem Zeitgeist anzupassen und zu liefern, was von ihm gewünscht wird. Markus Somm gelingt es allerdings in „Marignano“, messerscharf aufzuzeigen, wie bei Maissen die Wissenschaftlichkeit durch solche Auftragsarbeiten unter die Räder kommt. So zitierte der in deutschen Diensten in Paris arbeitende Maissen aus Quellen nur genau das, was in sein Konzept passte und liess nicht Genehmes kurzerhand weg. Das ist nicht, was akademische Redlichkeit gebietet.

Pfleglicher demontierte Somm das Werk „Bauern, Hirten und ‚frume edle puren‘. Bauern und Bauernstaatsideologie in der spätmittelalterlichen Eidgenossenschaft und der nationalen Geschichtsschreibung der Schweiz von Matthias Weishaupt. Akribisch wird dargelegt, wie sehr die Hirtenkrieger und Bauern im Spätmittelalter die Politik der Eidgenossenschaft prägten, während Weishaupt die Ansicht vertritt, die über lange Zeit erfolgreiche Kriegführung der alten Eidgenossenschaft sei vielmehr Ausdruck einer uneingestandenen Kompensation, also des Minderwertigkeitskomplexes eines Kleinstaat. Somm hätte es sich hier einfacher machen können. Ein Hinweis auf den politischen Hintergrund des Ausserrhodener Historikers hätte genügt. Es ist schliesslich bekannt, dass der Sozialismus, zu dessen Familie auch die heimische Sozialdemokratie gehört, eine politisch-deterministische Geschichtswissenschaft betreibt.

Der dem freien Geist verpflichtete Rest der Welt glaubt hingegen nicht an eine absolute Wahrheit. Erkenntnis ist für ihn immer nur eine vorläufige. Diese Geschichtswissenschaft lebt von, ja sucht die Konfrontation von These und Gegenthese. So erhebt Somm in keinem Satz den Anspruch auf abschliessende Richtigkeit. Im Gegenteil häufig schreibt er, dass die Faktenlage unklar, widersprüchlich oder ungenügend sei, und wir deshalb auf Mutmassungen angewiesen sind. Und dabei verwendet er auch gerne Witz und Ironie. So schreibt er etwa im Zusammenhang mit der Begeisterung von Papst Julius II für die Kampfkraft der Eidgenossen: dieser „sah sich eher für immaterielle Leistungen zuständig.“ – will heissen: Er war knausrig und anstatt mit klingender Münze bezahlte er mit Titeln und Ablässen.

In Zusammenhängen denken

Als Journalist pflegt Markus Somm einen packenden Erzählstil. Sein Buch könnte sogar Vorlage für einen Film sein. Es stellt die Ereignisse in den grossen Zusammenhang. Bereits Somms Werk über Christoph Blocher war weniger eine klassische Biographie, als vielmehr ein Buch über die grosse Umwälzung in der politischen Landschaft der Schweiz und über den Niedergang des einst mächtigen Zürcher Freisinns in den vergangenen Jahrzehnten. Auch in „Marignano“ beansprucht das eigentliche Schlachtgeschehen nur relativ wenige der rund 300 Seiten. Weit mehr interessieren Somm die Hintergründe, die Konflikte der Europa beherrschenden Mächte. Er will dem Leser die einflussreichen Figuren der damaligen Eidgenossenschaft näherbringen, wie Kardinal Matthias Schiner und den Reformator Huldrych Zwingli. Und man merkt, dass Somm seine Quellen sorgfältig studiert hat. Vor allem die Analysen von Niccolò Machiavelli haben es ihm angetan.

Markus Somm hat ein gutes und schönes Buch geschrieben. Ein Buch, das jeder politisch und historisch interessierte Schweizer kaufen und lesen sollte. Als begeisterter Leser hätte ich mir jedoch noch ergänzende Zeittafeln, Kurzbiographien der wichtigsten Protagonisten und einige Illustrationen gewünscht. So beschreibt Somm beispielsweise Kaiser Maximilians düstere Totenmaske. Ein Bild davon hätte die damit verbundene Botschaft noch verstärkt. Auch wären Karten eine wertvolle Hilfe, um sich in einer Welt, die sich unter dem Einfluss ständig wechselnder Allianzen ständig wandelte, zurechtzufinden. Auch gäbe dies einen Eindruck von den Gewaltmärschen, die die Eidgenossen teilweise im Eiltempo bewältigten.

Markus Somm ist jedenfalls der Nachweis gelungen, dass die Geschichte der Eidgenossenschaft in vielfacher Hinsicht aussergewöhnlich verlaufen ist. Die Schweiz ist nun einmal ein Sonderfall, und es gibt keinen vernünftigen Grund, weshalb sie sich dafür schämen sollte, wenn sie ein Sonderfall bleiben will.

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