Auch Arbeiten bildet

Eine Erhöhung der Studiengebühren ist nicht ungerecht, sondern im Interesse der Gerechtigkeit geboten. Es ist nämlich nicht einzusehen, warum „Büezer“ und Angestellte für ihre Ausbildung teilweise tief in die Taschen greifen müssen, während Studenten lediglich einen symbolischen Beitrag leisten. Es ist kein Menschenrecht, anderen auf der Pelle zu liegen, oder sich – Leistungsfähigkeit vorausgesetzt – von der Allgemeinheit durchfüttern zu lassen. Nicht einmal aus dem von den Linken gerne angerufenen Völkerrecht lässt sich ein solches herleiten.

Ich hatte kürzlich Gelegenheit, mir von der zurzeit laufenden Micky Maus-Besetzung an unserer Universität ein Bild zu verschaffen. Das war höchst aufschlussreich: Irgendwie wollten die tumben Sponti-Sprüche und Phrasen aus der Mottenkiste der 68er nicht recht zu den angeblich auf Bildung erpichten Manifestanten passen. Auch habe ich kaum jemanden beim Studium eines Buches gesehen. Besonders enttäuscht hat mich allerdings, dass die Demonstranten zwar ungeniert Forderungen an den Staat stellen, sich aber nicht im Geringsten dafür interessieren, wie es finanziell um diesen Staat bestellt ist. Niemand wusste beispielsweise, dass wir das laufende Jahr mit einem Verlust von über 200 Mio. Franken abschliessen werden. Kein Schimmer auch von dem für 2010 budgetierten Defizit von über 700 Millionen, geschweige denn von den darauf folgenden Defiziten von 1’300, 1’400 und weiteren 1’300 Mio. Franken.

Beim Eingang zum Hauptgebäude der Universität heisst es in einer Inschrift „Nach dem Willen des Volkes“. Ob die Demonstranten wissen, was damit gemeint ist? Wer als Student angesichts der hiesigen Verhältnisse glaubt, vor einer „Zweiklassen-Bildung“ warnen zu müssen oder eine Erwerbsarbeit schlicht für unzumutbar hält, hat die Relationen verloren und müsste zum Arbeiten verpflichtet werden können. Ein kurzer Aufenthalt in der realen Welt würde genügen, um zur Einsicht zu gelangen, dass Zürcher Studenten auch nach einer Gebührenerhöhung enorm privilegiert sind. Und für die wirklich Bedürftigen gibt es Stipendien.

Einen Makel hat die Erhöhung der Studiengebühren allerdings tatsächlich: Sie ist keine Sparmassnahme im eigentlichen Sinn, weil sie nicht zu einer Senkung des Aufwands zwingt, sondern mehr Geld in die Kassen spült. Dies lässt sich jedoch mit einer Steuerfusssenkung zugunsten der gesamten werktätigen Bevölkerung leicht kompensieren.

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Erschienen im Tages-Anzeiger vom 27. November 2009

2 Gedanken zu „Auch Arbeiten bildet“

  1. „Auch arbeiten bildet“ – warum schreiben Sie nicht gleich „Arbeit macht frei“? Auch die Gesellschaft muss einen symbolischen Beitrag an ihre intellektuellen Ressourcen leisten wie sie das bei der Infrastruktur tut. Wenn jetzt der rechtskonservative Mainstream die Bildung wieder für Züriberg-Söhne reservieren will, dann hat er bloss das Ziel, seine eigene Macht zu zementieren und kritische Stimmen zum Schweigen zu bringen. Das Volk muss aber auch schön brav für das Versagen der Finanzelite bezahlen. Die Finanzkrise dient als Vorwand, um rechtskonservative Vorhaben durchzusetzen. Man spielt dabei geschickt mit der Empörung des „Büezers“ und richtet diese gegen „faule Studenten“. Dabei müsste sich die Wut nicht gegen den Mittelstand richten, sondern gegen die Vormacht der finanzstarken Kreise in allen Lebensbereichen, denen es letztlich nur darum geht, ihr eigenes Portemonnaie zu schonen. Man mache uns nicht weis, dass die Top-Verdiener in einer libertären Gesellschaft philanthropische Beiträge an die Allgemeinheit leisten würden!

  2. Ich habe begriffen, dass Ihnen mein politisch unkorrektes Statement zu heiss ist. Ich verneige mich tief und demütig vor dem Partei-Komitee der SVP und gestehe reumütig, dass ich mit meinen Gedanken gegen die Meinung des rechtskonservativen Mainstreams verstossen habe. Möge die Partei und ihr Führer möglichst lange leben!

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